Seite 4: „Wir haben es alle gemeinsam verkackt“

Hat dieser Fuß­ball denn noch etwas mit dem Spiel zu tun, in das Sie sich als Kind ver­liebt haben?
Absolut. Das Spiel an sich hat sich ja nicht groß ver­än­dert. Okay, es gibt die Tor­li­ni­en­tech­no­logie, die ich gut finde, und den Video­schieds­richter, über den man streiten kann, wie man will. Ich ent­halte mich hier. Gele­gent­lich kommen neue Vor­schläge auf: die Spiel­zeit auf 60 Minuten redu­zieren, neue Tur­niere, Eli­te­ligen – das finde ich alles Schwach­sinn. Lasst den Fuß­ball, wie er ist. So wie wir ihn lieben gelernt haben. Mit all seinen Macken und Tücken. Auch wenn mal was schief­geht.

So wie 2018 bei der WM. Wussten Sie, dass Sie die erste DFB-Elf werden können, die bei einer WM in der Vor­runde aus­scheidet?
Irgend­wann haben wir davon gehört. Das macht sich nicht gerade gut in der Vita, ist aber pas­siert. Viel­leicht brauchte es dieses Aus auch, um etwas Neues auf­zu­bauen. Man darf nicht ver­gessen, dass auch andere große Nationen ähn­lich geschei­tert sind. Ita­lien, Spa­nien oder Frank­reich sind alle­samt auch schon mal als amtie­rende Welt­meister in der Vor­runde aus­ge­schieden.

Hat das gemein­same Foto von Özil und Erdogan zu viel Unruhe in die Mann­schaft gebracht?
Es war mit­unter etwas irri­tie­rend, dass sich anschei­nend die kom­plette Bericht­erstat­tung nur darum gedreht hat. Nicht falsch ver­stehen: Ich finde es gut und wichtig, dass Medien gerade bei poli­ti­schen Themen viel und hin­ter­gründig berichten. Aber ich erin­nere mich an das Schweden-Spiel, das wir durch Tonis Frei­stoß noch gewonnen haben. Direkt danach wirst du wieder gefragt, ob die ersten 75 Minuten wegen des Fotos so schlecht waren, und du denkst: Warum geht es jetzt nicht um das Schweden-Spiel? Mesut wurde am Ende ein biss­chen zum Gesicht der ver­korksten WM. Was ja Quatsch war. Wir haben es alle gemeinsam ver­kackt.

Beim Confed-Cup, den die DFB-Elf ein Jahr zuvor gewonnen hatte, waren junge Spieler zum Ein­satz gekommen. Bei der WM wieder die Eta­blierten. Hat Löw in Russ­land den fal­schen Spie­lern ver­traut?
Das kann man leicht hin­terher so bewerten, aber vorher nicht wissen. Ich konnte Löw jeden­falls voll ver­stehen. Er zeigte sich loyal und fühlte sich in ein­zelnen Fällen womög­lich auch ein wenig zu Dank ver­pflichtet. Er konnte und wollte einen Welt­meister von 2014 nicht ein­fach durch einen jungen Spieler ersetzen. Das Aus war nicht absehbar. Wir haben schließ­lich auch zwi­schen 2014 und 2018 guten Fuß­ball gespielt.

2016 erreichte die DFB-Elf das EM-Halb­fi­nale, und Sie wurden mit der Olympia-Mann­schaft Zweiter bei den Spielen in Rio.
Eine tolle Erfah­rung mit einer sehr zusam­men­ge­wür­felten Mann­schaft. Ein Ver­dienst von Horst Hru­besch.

Was macht ihn so beson­ders?
Der ist ein­fach top, der Typ! Man merkt in vielen Dingen, dass er aus einer ganz anderen Genera­tion ist. Einmal wollte er mir zeigen, wie er mit der Seite schießt. Ich hätte mir beim Nach­ma­chen bei­nahe einen Mus­kel­fa­ser­riss geholt. Aber er schafft es gut, junge Spieler zu einer Ein­heit zu formen. Er ist ein sehr freier Trainer und sehr direkt. Faul hat er mich immer genannt. (Lacht.) Und er hat einen schönen tro­ckenen Humor.

Ein Bei­spiel?
Vor dem Halb­fi­nale gegen Nigeria saßen die Bender-Zwil­linge und ich zusammen, da kam er und sagte: Männer, es macht jetzt keinen Sinn mehr zu ver­lieren.“ Ein wit­ziger Satz, aber wenn man drüber nach­denkt, auch ein sehr wahrer.

Julian Brandt, Sie haben über 200 Bun­des­li­ga­spiele gemacht, in der Cham­pions League gespielt und bei einer WM teil­ge­nommen. Sie sind gerade erst 24 geworden. Haben Sie über­haupt mal Zeit, das alles auf sich wirken zu lassen?
Der Fuß­ball ist schon sehr schnell. Ich kann mich noch wie ges­tern daran erin­nern, als ich zu Lever­kusen kam, mein erstes Spiel in der U23 gegen Rot-Weiss Essen, eine Woche später mein Pro­fi­debüt gegen Schalke. Das ist etwas mehr als sechs Jahre her. Irre. Ältere Profis sagen oft: Genieß es, die Kar­riere ist so schnell vorbei.“ Aber wie soll man es genießen? Alle drei, vier Tage ein Spiel, neue Bilder, neue Ereig­nisse, man hat wenig Zeit, um inne­zu­halten. Ich mache das immer Sil­vester. Bei einem Freund auf dem Balkon. Da werde ich dann auch leicht sen­ti­mental.