Seite 3: „Das war krass und unwirklich“

Sie werden oft als Anti-Star“ der Branche beti­telt. Können Sie damit was anfangen?
Ich glaube, die Leute nennen mich so, weil ich keine Tat­toos habe und mein Vater mich berät. Aber ganz ehr­lich: Auch auf mich passen Pro­fi­kli­schees. Schnelle Autos finde ich gut, ich zocke gerne Play­sta­tion, und ich habe 40 Paar Schuhe bei mir im Schrank stehen. Ich ver­suche ein­fach, mich nicht zu ver­stellen. Ein Gucci-Pulli würde mir ein­fach nicht stehen.

Andere nennen Sie gerne früh­reif“. Sie durften bereits mit 15 Jahren bei den Profis des VfL mit­trai­nieren. Wie haben Sie sich gemacht?
Das war krass und unwirk­lich. Ich bin mit dem Fahrrad zum Trai­ning gefahren, und dort nahm mich Co-Trainer Bernd Hol­ler­bach zur Seite. Stell dich mal beim Trainer vor“, sagte er. Ich bin also rein in die Trai­ner­ka­bine. Guten Tag, Herr Magath, ich bin Julian von der U17.“ Ich ging natür­lich davon aus, dass er mich kennt, sonst hätte er mich ja nicht ein­ge­laden. Aber er schaute nur sto­isch auf einen Fern­seher. Nach einer gefühlten Ewig­keit blickte er mich an, aber er sagte nichts, totale Stille, dann drehte er sich wieder weg. Und ich schlich mich aus dem Zimmer.

Magath wollte Sie testen?
Ich war jeden­falls kurz ver­un­si­chert, auf dem Platz habe ich aber nicht mehr drüber nach­ge­dacht. Da ist es egal, wer an der Seite steht, oder dass dein Gegen­spieler viel­leicht zwanzig Jahre älter ist und dein Vater sein könnte.

Jemanden getun­nelt?
Dann hätte ich einen mit­be­kommen. Ande­rer­seits: Der Schmerz geht, der Tunnel bleibt. (Lacht.) Ich weiß noch, dass ich Marwin Hitz aus Ver­sehen ins Gesicht geschossen habe.

Wie viele Berater standen damals bei Ihnen Schlange?
Ich habe irgend­wann nicht mehr mit­ge­zählt. Ich glaube auch gar nicht, dass alle Berater schlecht sind, aber ich brauche sie momentan nicht. Ich habe meinen Vater. Der ist zwar nicht Mino Raiola und hat tau­sende Kon­takte in die ganze Welt, aber das muss er auch gar nicht.

Trotzdem: So eine Vater-Sohn-Berater-Kon­stel­la­tion birgt auch Kon­flikt­po­ten­tial.
Unsere Familie hält stark zusammen, wir sind sehr har­mo­nisch. Ich kann mich nicht daran erin­nern, dass wir uns je gestritten haben. Mit meinem Bruder habe ich in Köln zusam­men­ge­wohnt. Mit meinem Vater ver­bindet mich immer schon der Fuß­ball. Er hat bei meinem ersten Verein, dem SC Borg­feld, in der Ersten Herren gespielt. Ich weiß noch, wie wir manchmal mit ins Ver­eins­heim durften, wenn Cham­pions League war. Das war dann der schönste Tag der Woche.

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Nun geht es auch ums große Geschäft. Kennen Sie Ihren aktu­ellen Markt­wert?
Ich habe nur gelesen, dass er seit Aus­bruch der Pan­demie von ent­spre­chenden Por­talen her­un­ter­ge­stuft worden ist.

Aber er beträgt immer noch 40 Mil­lionen Euro. Was macht so eine Zahl mit Ihnen?
Ich komme damit gut klar, weil ich solche Zahlen ein­zu­schätzen weiß. Im Fuß­ball ist viel, viel Geld im Umlauf, und ich weiß, dass das alles nicht mit nor­malen Maß­stäben zu messen ist und wir teil­weise eine eigene Blase bilden. Auch wenn Fuß­ball der größte Sport der Welt ist, stehen die Gehälter in keinem Ver­hältnis zu denen von Nor­mal­ver­die­nern. Aber wieso ist das über­haupt so? Weil Spon­soren unfassbar hohe Summen in den Fuß­ball pumpen. Wichtig finde ich, dass der Sport kein Luxusgut wird, son­dern bezahlbar bleibt. Im Sta­dion und vor dem Fern­seher.

Erklären Sie uns mal: Warum ver­han­delt ein Profi dar­über, ob er im Jahr zehn oder elf Mil­lionen Euro ver­dient?
Es zeigt, wie gierig Men­schen mit­unter sein können. Aber das ist nicht fuß­ball­spe­zi­fisch. Es ist genauso unfair und unver­hält­nis­mäßig, dass das reichste Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung mehr als die Hälfte des Welt­ver­mö­gens besitzt, oder?

Wird die Krise eine Chance für den Fuß­ball sein, zur Ruhe zu kommen?
Allen­falls kurz­fristig, viel­leicht in den kom­menden ein bis maximal zwei Jahren. Wenn über­haupt. Ich kann mir jeden­falls nicht vor­stellen, dass ein Mbappé nächstes Jahr nur für 80 Mil­lionen Euro wech­selt. Irgendein Verein wird die astro­no­mi­schen Summen zahlen.

Wie erden Sie sich?
Durch meine Familie und meine Freunde. Viele stu­dieren oder machen eine Aus­bil­dung. Wenn ich mit ihnen spreche, geht es nicht ums Geld, ich freue mich ein­fach, mit ihnen eine gute Zeit zu haben. Wir brau­chen dann auch keinen Luxu­s­ur­laub. Als wir uns mit Lever­kusen mal für die Cham­pions League qua­li­fi­ziert haben, sind wir für vier, fünf Tage nach Mal­lorca. Wir haben in einem ein­fa­chen Zwei-Sterne-Hotel gewohnt, ein Zimmer mit Bett und Bad, mehr nicht. Und dann haben wir etwas aus­ge­spannt am Meer.

Musste Sie ein Freund oder Fami­li­en­mit­glied noch nie auf den Boden zurück­holen?
Nein. Ich kann mich auch nicht erin­nern, dass ich mal arro­gant oder hoch­näsig reagiert habe. Oder dass ich dachte, wow, das bist aber nicht du. Ich weiß, dass ich ein sehr pri­vi­le­giertes Leben habe, denn, ver­ein­facht gesagt, meine größte Sorge ist es, ob wir am Wochen­ende ver­lieren oder gewinnen. Wichtig ist, dass man dankbar bleibt und sich regel­mäßig vor Augen führt, was man hat.

Warum müssen Sie sich dessen ver­ge­wis­sern?
Damit es mög­lichst nie­mals normal wird. Ich weiß, dass im Super­markt ein Stück Käse 69 Cent kostet und ein anderes 1,29 Euro. Aber wenn ein Gerät kaputt­geht, kaufe ich mir an man­cher Stelle ein­fach ein neues, wo ich es früher viel­leicht repa­riert hätte.