Seite 2: „Ich mag es, wenn ein Spieler den Straßenfußball aufs große Feld transportiert“

Sie haben zu Beginn Ihrer BVB-Zeit gesagt: Peter Bosz mochte das Risiko. Das haben wir in Dort­mund noch nicht so richtig im Pro­gramm.“ Hat sich die Spiel­weise nun geän­dert?
Wir spielen unter Lucien Favre schönen Fuß­ball, unser Trainer liebt das offen­sive Spiel, aber mit einem klaren tak­ti­schen Rahmen. Dazu schießen wir ja auch nicht gerade wenige Tore. Aber Peter Bosz ist in dieser Hin­sicht schon ein beson­derer Trainer, wir haben unter ihm modernen Ball­be­sitz­fuß­ball gespielt, oft mit 80 Pro­zent Ball­be­sitz. Und wir wollten nicht nur die Gegner müde spielen oder den Ball ein­fach ver­walten, wie es so oft beim soge­nannten Tiki-Taka der Fall ist. Es ging immer nach vorne, wir haben nie auf­ge­hört zu spielen. Beim BVB haben wir am Anfang mehr Wert auf eine richtig gute Defen­sive gelegt. Das war erst eine Umstel­lung, weil ich den Ball haben und ihm nicht nur hin­ter­her­laufen wollte.

Ist Fuß­ball für Sie ein ele­gantes Spiel?
Mein Kin­der­zimmer war voll mit Bravo“-Postern von Offen­siv­spie­lern. Nedved, Robinho, Del Piero und der Beste der Besten: Ronald­inho. Ich mag es, wenn ein Spieler den Stra­ßen­fuß­ball aufs große Feld trans­por­tiert. Wenn er das Spek­ta­ku­läre sucht. Ich will zocken, nicht nur starr in einem System agieren.

Ver­bietet die moderne Taktik so etwas nicht?
In den Aka­de­mien wird dir ein­ge­trich­tert: annehmen, passen, annehmen, passen. Vieles läuft nach strikten Vor­gaben. Aber ich glaube, eine gute Mann­schaft braucht Spieler, die selbst­be­wusst sagen: Nein, ich passe jetzt nicht direkt, son­dern gehe ins Eins-gegen-Eins. In der Natio­nalelf haben wir solche Jungs. Leroy Sané oder Timo Werner. Auch Kai Havertz ist ein Spieler, der vom Asphalt kommt. Es sieht oft ein­fach aus, was er macht, ist es aber gar nicht. Es ist nur in Fleisch und Blut über­ge­gangen.

In der Natio­nalelf tragen Sie seit einiger Zeit die Rücken­nummer Zehn. Bei Lever­kusen hatten Sie die Nummer eben­falls. Macht das was mit Ihnen?
Ich fühle mich leichter. Viel­leicht weil ich weiß, dass man sich eine Nummer wie die Zehn auch ver­dienen muss. Nicht so sehr wie früher, aber ich finde, sie hat noch eine gewisse Bedeu­tung.

Wir haben gehört, dass Sie nicht so gerne über Ihre Stärken spre­chen. Warum?
Ich finde, das wirkt so ange­ber­mäßig. Ich habe auch so genug Selbst­ver­trauen.

Aber Sie wissen, dass Sie einen guten Schuss haben. Wer hat Ihnen den bei­gebracht?
Vieles kam bei mir durch Aus­pro­bieren. Schon als ich zehn Jahre alt war, wusste ich: Ein guter Fuß­baller muss mit beiden Füßen schießen können. Also habe ich wochen­lang bei uns auf der Wiese nur noch mit links gekickt. Schuss, Flanke, Pass. Das hat mir sehr geholfen. In der Jugend des VfL Wolfs­burg traf ich dann Federico Pala­cios, der hatte eine irre Technik, die er mir bei­gebracht hat. Ich hatte auch mal eine Phase, da habe ich wie besessen den ersten Kon­takt trai­niert: Zwi­schen den Linien den Ball nicht zu stoppen, son­dern so mit­zu­nehmen, dass weder Ver­tei­diger noch Mit­tel­feld­spieler den Ball kriegen können.

Mein Kin­der­zimmer war voll mit Bravo“-Postern von Offen­siv­spie­lern. Nedved, Robinho, Del Piero und der Beste der Besten: Ronald­inho.“

Julian Brandt

Was sind Ihre Schwä­chen?
Das Kopf­ball­spiel. Aller­dings trai­niere ich das gerade, und im Trai­ning treffe ich oft. Jeden­falls ohne Gegner. (Lacht.) Einige Leute sagen auch, dass ich defensiv noch Ver­bes­se­rungs­be­darf habe, und ja, da wird schon was dran sein, auch wenn ich schon einiges getan habe. Die Sache ist ein­fach die: Ich bin kein aggres­siver Mensch, das ent­spricht nicht meinem Wesen. Aber natür­lich weiß ich auch, was Trainer meinen, wenn sie sagen, dass ich eine gewisse Grund­ag­gres­si­vität mit ins Spiel nehmen soll.

Haben Sie eigent­lich einen Kar­rie­re­plan?
Nein, alles, was ich mache, mache ich spontan.

Aber vieles, was Sie machen, wirkt so ver­nünftig: Jugend­fuß­ball beim Hei­mat­verein, Aus­bil­dung in der Aka­demie des VfL Wolfs­burg, Pro­fi­debüt bei Bayer Lever­kusen, vor einem Jahr der Wechsel zum BVB.
Ganz ehr­lich: Am Anfang konnte ich mir auch nicht vor­stellen, zum VfL Wolfs­burg zu gehen. Warum sollte das ein Junge machen, der in Bremen zwanzig Fahr­rad­mi­nuten vom Weser­sta­dion ent­fernt auf­ge­wachsen ist und als Jugend­li­cher in der Ost­kurve gestanden hat?

Weil Werder Sie über­sehen hat?
Stimmt nicht, ich war sogar mal bei einem Pro­be­trai­ning. Aber dann habe ich mir ein paar Inter­nate ange­schaut, ich war nicht nur beim VfL, son­dern zum Bei­spiel auch beim FC St. Pauli. In Wolfs­burg hatte ich aber das beste Gefühl.

Warum?
Gerade in der Zeit­spanne von 15 bis 18 pas­siert so viel, du wächst, du legst Mus­kel­masse an, es geht langsam zu den Herren. Ande­rer­seits öffnen sich so viele andere Türen, deine Freunde gehen auf Partys. Ich fand es gut, zwei­ein­halb Jahre auf einem Internat zu sein, aus dem ich nach elf Uhr nicht mehr rauskam. Außerdem waren wir sehr erfolg­reich und sind Deut­scher A‑Ju­gend-Meister geworden. Aber ich weiß noch, wie meine Eltern erst mal ganz schön baff waren, als ich ihnen am Früh­stücks­tisch eröff­nete, dass ich mich für den VfL Wolfs­burg ent­schieden habe.