Ein kit­schi­geres Ruhr­stück hätte sich auch Kai Pflaumes »powered by emotion«-Redaktion nicht aus­denken können: Am 19. Mai 2001 trifft der FC Sout­hampton im hei­mi­schen »The Dell« auf den FC Arsenal aus London. Es ist der letzte Spieltag der Saison. Dies wird kein all­täg­li­ches Pre­mier-League-Spiel für die »Saints«, wie Sout­hampton in Eng­land gerufen wird. Matt le Tis­sier ist nach langer Ver­let­zungs­pause wieder ein­satz­be­reit, Mitte der zweiten Halb­zeit steht er am Spiel­feld­rand und wartet auf seine Ein­wechs­lung. Matt le Tis­sier: So einen wie ihn hat der Klub noch in seiner über 100-jäh­rigen His­torie noch nicht gesehen. Ein Anar­chist auf dem Platz, »a genius«, wie Kol­lege Paul Gas­coigne »le Tiss« bewun­dernd nennt. Seine Tore: ein Genuss. Ein­zig­artig in ihrer Krea­ti­vität und Voll­endung. Die Fans der »Saints« sind am 19. Mai 2001 nach 90 Minuten fast »over­powered by emo­tion«, kleinen Jungs und bul­ligen Glatz­köpfen mit Stier­na­cken stehen die Tränen in den Augen. Sie haben einen guten Grund zum Heulen.






Wer ist dieser komi­scher Kerl mit der großen Nase, dem etwas zu groß gewach­senen Kopf und den stak­sigen Bewe­gungen, der aber in jeder Situa­tion auf dem Fuß­ball­platz das Rich­tige zu tun scheint? Das fragen sich auch die Ver­ant­wort­li­chen vom eng­li­schen Tra­di­ti­ons­verein FC Sout­hampton, spä­tes­tens als im Früh­jahr 1985 der U‑15-Nach­wuchs von Vale Recrea­tion die »Saints«-Jugend aus­ein­ander nimmt, und der Junge mit den langen Beinen die ver­dat­terten Gast­geber mehr als ein halbes Dut­zend Mal böse narren kann. Der Ruf eilt dem Extra­va­ganten voraus: Für Vale soll er regel­mäßig mit direkt ver­wan­delten Eck­stößen Tore erzielt haben. Mario Basler (im Übrigen der gleiche Jahr­gang wie le Tis­sier) lässt grüßen.

Über Jahre hinweg ver­kannt

Vale Recrea­tion, Matts Hei­mat­verein auf den Kanal­in­seln. Dort wird Mat­thew Paul le Tis­sier am 14. Oktober 1968 geboren. Dieses merk­wür­dige Völk­chen von der Insel­gruppe ist den Briten suspekt, dürfen sich die Bewohner ihre Staats­an­ge­hö­rig­keit doch selber aus­su­chen. Nur wenige Jahre später, le Tis­sier gilt bereits als einer der raf­fi­nier­testen Offen­siv­spieler im eng­li­schen Fuß­ball, buhlen die Natio­nal­teams um den Stürmer. »Le Tiss« ent­scheidet sich für Eng­land und gegen Frank­reich – und wird zum Dank dafür über Jahre hinweg ver­kannt. Doch dazu später mehr.

Sout­hampton sichert sich diesen Roh­dia­manten von der Insel Guernsey und macht ihn zum Profi. Am 2. Sep­tember 1986 gibt er sein Debüt und spielt sich spä­tes­tens dann in die Herzen der Fans, als er in einem spä­teren Liga­spiel der Saison einen Hat­trick gegen Lei­caster erzielt. Doch nicht irgend­einen Hat­trick: Die Spiel­fläche ist von Schnee bedeckt, die Partie erin­nert zeit­weise mehr an »Stars on ice« als an ein nor­males Liga­spiel. Nur der Junge von den Kanal­in­seln gleitet ele­gant durch das weiße Pulver und erzielt drei auf­re­gende Tore.

Vier Jahre später ist der talen­tierte Schlacks bereits eine feste Größe bei den »Saints«. Sein Trainer über­trägt ihm die Ver­ant­wort­lich­keit bei Straf­stößen. Bis zu seinem Kar­rie­re­ende tritt der beid­füßig begabte Offen­spieler 49-Mal an den Punkt. Matt wird sie alle ver­wan­deln.
Nun ja, nicht ganz. Einzig dem inter­na­tional wenig bekannten Mark Crossley gelingt, es einen Elf­meter abzu­wehren. Als Crossley den Ball pariert ist das Sta­dion para­ly­siert, nur le Tis­sier muss später grinsen. Der Schalk sitzt dem Insu­laner im Nacken, zudem ist seine Spiel­weise gera­dezu pro­vo­kant exo­tisch, oft sieht man ihn nur über den Platz schlen­dern, als befände er sich gerade beim Weih­nachts­ein­kauf. Die Folge: Seine Kri­tiker werfen ihm eine schlam­pige Spiel­weise vor, wollen ihn rennen und schnaufen sehen, wie all die anderen Kraft­pa­kete auf eng­li­schen Fuß­ball­plätzen. »Le Tiss« ant­wortet mit Toren, 162 erzielt er in der Liga, 47 wei­tere gelingen ihm in den diversen Pokal­wett­be­werben.



Unge­zählt hin­gegen sind seine Genie­streiche, sagen­hafte Dribb­lings, die sich jeder ver­nünf­tigen Erklä­rung ent­ziehen. Er ist nicht schnell, wie Kevin Keegan, die »Mighty Mouse«, nicht so geschmeidig wie der Fran­zose Zidane, nicht so fin­ten­reich wie sei­ner­zeit Ronaldo. Er ist »Le God«, wie ihn die Fans rufen. Sie liegen ihm zu Füßen, wenn er wieder einmal eines seiner fan­tas­ti­schen Tore erzielt hat. Er braucht nur kurz mit dem Hin­tern zu wackeln, seine Beid­fü­ßig­keit geschickt ein­zu­setzen, wenige Täu­schungs­ma­növer um die hoch­ge­züch­teten eng­li­schen Ver­tei­diger wie Besu­cher einer Tupper-Party aus­sehen zu lassen. Seine impo­santen Sla­lom­läufe weiß le Tis­sier oft mit groß­ar­tigen Schüssen abzu­schließen, von ihm getre­tene Bälle scheinen langsam durch die Luft zu gleiten, um dann doch in einem per­fekten Bogen im Tor ein­zu­schlagen.

Längst sind seine schönsten Tore auf diversen Inter­net­por­talen oder Videos ver­öf­fent­licht. Sie zu beschreiben wäre nur ein fauler Ver­such, die atem­be­rau­bende Krea­ti­vität in Wörter und Sätze zu bannen, sie zu sehen ist ein außer­or­dent­li­cher Genuss. In der Saison 1995/96 ver­senkt er einen 40-Meter-Lob gegen die Blackburn Rovers, der Treffer wird zum »Goal of the season« gekürt. Der »Saints«-Angreifer gehört mitt­ler­weile zu den auf­re­gendsten Spie­lern, die das König­reich zu bieten hat, das sehen sie nicht nur im »the Dell« so. Bereits 1994 darf le Tis­sier zum ersten Mal das Trikot mit den »Three Lions« berufen, doch die Ver­ant­wort­li­chen um die Natio­nal­trainer Terry Van­ables und Glenn Hoddle scheinen den Kom­pe­tenzen von »Le Tiss« nicht ganz zu ver­trauen. Bis zu seinem Ende seiner inter­na­tio­nalen Kar­riere 1998 bestreitet le Tis­sier nur magere acht Län­der­spiele. Ein Witz.

Zur natio­nalen Schande wird es, als der Ven­ables-Nach­folger Hoddle le Tis­sier nicht für die Welt­meis­ter­schaft 1998 nomi­niert. Und das, obwohl »Le God« kurz zuvor im Spiel der B‑Mannschaften einen Hat­trick gegen Russ­land erzielt hat und in dem­selben Spiel sogar noch zweimal die Latte trifft. Hoddle, der die Tore im Sta­dion ver­passt hat, berück­sich­tigt ihn nicht einmal für den vor­läu­figen 30-Mann-Kader. Die eng­li­sche Fuß­ball­seele kocht, zumal die natio­nale Aus­wahl in Frank­reich erwar­tungs­gemäß schei­tert. Der Betrof­fene selbst bleibt sach­lich und betont später nüch­tern: »Wahr­schein­lich hätte ich mehr Spiele gemacht, wenn ich mich für Ita­lien oder Frank­reich ent­schieden hätte«

»He gets the ball, he takes the piss! Matt Matt Le Tiss!«


Auf Ver­eins­ebene bleibt le Tis­sier hin­gegen ein umschwärmter Aus­nah­me­könner. Ein Wechsel zu den Tot­tenham Hot­spurs schei­tert Mitte der Neun­ziger an den finan­zi­ellen Mög­lich­keiten der »Spurs«, auch Man­chester United und der FC Chelsea buhlen um seine Dienste. Ver­ge­bens. »Le Tiss« bleibt Sout­hampton treu und avan­ciert damit zu Ikone. Chel­seas Ex-Manager Mat­thew Har­ding wird später mit der Behaup­tung zitiert, dass er für die Ver­pflich­tung von le Tis­sier den dama­ligen Trans­fer­re­kords des Ver­eins gebro­chen hätte. Doch die »Saints« behalten ihren Gott und zele­brieren für ihr Idol ein wür­diges Tri­bünen-Choral: »Le Tiss! Le Tiss! Matt Matt Le Tiss! He gets the ball, he takes the piss! Matt Matt Le Tiss!«

Im Spät­herbst seiner Kar­riere zwingen ihn hart­nä­ckige Ver­let­zungen immer häu­figer auf die Bank, er wird den­noch 540 Pflicht­spiele für seinen Verein absol­vieren, dem er bis zu seinem Kar­rie­re­ende nach der Saison 2001/02 treu bleibt.

Am 19. Mai 2001 erheben sich die Zuschauer im alt­ehr­wür­digen »The Dell« von ihren Plätzen. Am Sei­ten­rand lockert Matt le Tis­sier noch einmal kurz die Mus­keln, ein kurzer Sprint auf den Platz, der Gruß für die Anhänger, und der mitt­ler­weile 32-Jäh­rige ist in seinem Ele­ment. Es steht 2:2, der Favorit aus London macht das Spiel, doch das Spiel ent­scheidet le Tis­sier. Da steht er, auf Höhe des Elf­me­ter­punkts, der Ball fliegt in seine Rich­tung. »Le Tiss« hat den Kopf oben, dreht sich unmerk­lich und häm­mert den Ball mit linken Fuß aus der Dre­hung am ver­dutzten Arsenal-Keeper Jens Leh­mann ins Netz. Die »Saints« gewinnen 3:2, ihr Lieb­ling hat getroffen. Was sie noch nicht wissen können: Arsenal wird anschlie­ßend eine nie zuvor da gewe­sene Serie starten und ein Jahr lang kein Spiel mehr ver­lieren. Und: Mat­thew le Tis­sier hat sein letztes Tor erzielt.

Im März 2002 gibt »Le God« sein Abschieds­spiel, 30.000 Men­schen sind ins »The Dell« gekommen, um Sout­hampton gegen die Eng­land All Stars zu sehen. Als Matts kleiner Sohn ein paar Tore schießen darf, dröhnt die Masse: »Sign him up!«. Doch auf einen Nach­folger des lis­tigen Natio­nal­stür­mers, der heute für den Sender Sky Sports berichten darf, müssen die »Saints« wohl noch lange warten. So ein Gott kommt schließ­lich nicht alle Tage.