Auch an diesem Abend ist Luis Ara­gonés bemüht, nicht beim Lachen erwischt zu werden. Der Regen hat ihm die Sicht genommen, er muss die von Was­ser­tropfen besetzte Brille abnehmen und erlebt nun mit zusam­men­ge­knif­fenen Augen und grim­migem Gesicht am Spiel­feld­rand in Wien seine glück­lichste Stunde als Trainer. So sieht ihn auch Chus Pereda auf dem Fern­seher im Hotel Princessa Sofia in Bar­ce­lona, wo Pereda mit Freunden am Don­nerstag Spa­niens 3:0‑Sieg im EM-Halb­fi­nale gegen Russ­land ver­folgt. Sie stürmten in den Sech­zi­gern neben­ein­ander in der sel­ección, der kleine Chus und der Rie­sen­schuh Ara­gonés, wie er wegen seiner kräf­tigen Frei­stösse hieß, und nur weil sie nun 70 Jahre alt sind, findet Pereda, muss ihre Freund­schaft nicht alters­steif werden. Wenn ich ihn so gries­grämig sehe, bom­bar­diere ich ihn mit SMS-Nach­richten: Lachen, Luis, LACHEN!“

Selten hat solch ein ver­bies­tertes Gesicht ein Land so zum Lachen gebracht. Die Fuß­ball­welt hatte es sich schon bequem gemacht mit ihrem Pau­schal­ur­teil, dass Spa­nien doch bei jeder EM oder WM so schön wie nie spiele und dabei so dra­ma­tisch wie immer ver­sage. Nun stehen sie im End­spiel am Sonntag in Wien gegen Deutsch­land. Es kann natür­lich sein, dass sie sich das Drama diesmal nur bis zum Ende auf­ge­hoben haben, so wie vor 24 Jahren, als sie zuletzt im EM-End­spiel standen und Frank­reich wegen eines unbe­greif­li­chen Tor­wart­feh­lers von Arco­nada 1:2 unter­lagen. Eine finale Nie­der­lage würde aller­dings wenig an der Außer­ge­wöhn­lich­keit dieser Elf ändern.

Ohne einen Gramm Arro­ganz“

Mehr als jede andere Natio­nalelf hat dieses Spa­nien die klas­si­schen Schön­heiten des Fuß­balls wie den anmu­tigen Pass bewahrt und mit den modernen Anfor­de­rungen an Tempo und Taktik ver­eint. Sie machen die Klagen lächer­lich, heute gebe es keine Spiel­ma­cher, keine Typen, keine Stra­ßen­fuß­baller mehr. Diese Elf beweist, dass es heute etwas viel Bes­seres gibt: Kinder aus den Fuß­ball-Aka­de­mien wie Xavi, Cesc Fàb­regas oder David Villa, die tech­nisch und stra­te­gisch min­des­tens auf dem Niveau all dieser Stra­ßen­fuß­baller sind und die ohne den Ego­ismus und das Ätzende der Mara­donas, Effen­bergs, Bernd Schus­ters aus­kommen. Sie sind ein Beweis: Sieger können wohl erzogen, unkom­pli­ziert sein; lie­bens­wert.

Bevor sie zur EM auf­bra­chen, bekamen sie im Trai­nings­lager bei Madrid Besuch von alten Män­nern. Spa­niens ein­zige Euro­pa­meister, die Mann­schaft um Chus Pereda von 1964, traf sich mit ihnen, damit die Spieler von heute einmal plas­tisch vor Augen geführt bekamen, doch, das gibt es: spa­ni­sche Sieger. Wobei er nicht wüsste, sagt Pereda, wie die Jungen in ihnen noch den Glanz von damals erkennen konnten: Wir sehen ja heute aus, als kämen wir gerade aus dem Russ­land-Krieg“, und über­haupt denken die Jungs doch, wir hätten damals mit qua­dra­ti­schen Bällen gespielt“. Wenn man dabei seine Stimme hört, denkt man, er sei selber gerade wieder ein Junge geworden, so lebendig macht ihn die Erin­ne­rung an das Treffen. Du hast gespürt, wie ver­eint die heu­tige Mann­schaft ist, wie ent­schlossen und über­zeugt, ohne einen Gramm Arro­ganz.“

Die Ein­heit dieses Teams stammt aus der Erzie­hung in den Fuß­ball-Inter­naten. Außer dem dritten Tor­wart ist kein Spieler älter als 28, die alten Krieger wie Rekord­tor­schütze Raúl sind ver­schwunden, die in den Acht­zi­gern groß wurden, als die Helden Rambo hießen und ein Mann seinen Weg rück­sichtslos gehen musste. Heute leiden Klas­se­spieler wie Xabi Alonso oder Fàb­regas auch an ihrer Ersatz­rolle, aber – so hat man sie erzogen – sie leiten ihren Frust einzig in umwer­fende Auf­tritten wie gegen die Russen um, als sie dann spät ins Spiel kamen. Irgend­wann wird diese Mann­schaft etwas Großes errei­chen“, sagte Ara­gonés und dann erst fiel ihm ein, was sie gerade geschafft hatte, und -, gut, also, jetzt steht sie ja schon im EM-Finale.“

Die beste Defen­sive der EM

Die zweite Halb­zeit gegen Russ­land, als sie nicht auf­hörten zu kom­bi­nieren und anzu­greifen, war Spa­niens Ent­wurf von Per­fek­tion. Sie haben dem Fuß­ball etwas Neues geschenkt: den Kom­bi­na­tions-Konter. Selbst wenn sie schnell kon­tern, wie beim Tor zum 2:0, bauen sie da noch Kom­bi­na­tionen mit Passen und Stoppen ein. Die Lehre des Fuß­ball sagt, das gehe nicht: langsam zu kon­tern. Sie können es. Sie ver­binden das beste aller Welten. Sie sind etwa die beste Defen­sive der EM durch Offen­siv­spiel.

Spa­nien, dessen Klubs beständig unter den Welt­besten weilen, wurde ein anderes Land, wäh­rend es auf solch eine Elf war­tete und war­tete. Als sie 1964 das ein­zige Mal Euro­pa­meister wurden, herrschte noch Dik­tator Franco. Chus Pereda hatte damals Spa­niens erstes Tor beim 2:1 im Finale über die Sowjet­union erzielt und die Flanke zum zweiten gegeben, aber als ich ins Kino ging, um die Tore in der Tages­schau zu sehen, kam die Flanke zum zweiten Tor plötz­lich von Amancio“. Beim Film­schneiden war Peredas Vor­lage ver­se­hent­lich ver­schwunden, so wurde sie ein­fach durch eine andere ersetzt. Pro­tes­tieren durfte ich unter Franco ja nicht“, sagt er.

44 Jahre später standen die Wirt­schafts­wun­der­kinder der spa­ni­schen Demo­kratie in der Don­ners­tag­nacht im Bauch des Wiener Sta­dions, und wer will, kann ihre gute Erzie­hung, ihren Gemein­schafts­sinn als Errun­gen­schaft des neuen Spa­niens preisen. Joan Cap­de­vila, ihr famoser linker Ver­tei­diger, gab seinem Kol­legen San­tiago Caza­rola zur Feier des Final­ein­zugs erst einmal eine spie­le­risch sanfte Ohr­feige; irgendwo musste der Übermut doch hin. Weißt Du, was das Schönste ist, das der Fuß­ball mir gab?“, fragte er dann. Dieses End­spiel? Er schüt­telte den Kopf. Ich habe eine Nichte, und wenn ihre Mutter, also meine Schwester, sie fragt: Was macht der Onkel?’, dann ruft sie: Tor!’“ Seine Augen waren wässrig vor Glück. Und jetzt gegen Deutsch­land, brüllte jemand aus dem Hin­ter­grund. Ach“, sagte Cap­de­vila, Deutsch­land kann bis morgen warten.“