Seite 2: Die Ambivalenz zwischen schlimmsten Gräueltaten und der Freude am Fußball

Denn ab 1942 wan­delte sich die Funk­tion der Kon­zen­tra­ti­ons­lager für die Nazis. Die Häft­linge arbei­teten dann für die Rüs­tungs­in­dus­trie für den ins Sto­cken gera­tenen Krieg an der Ost­front. Und um die Arbeits­moral zu stärken, durften die Gefan­genen Sport aus­üben. So finden sich in Berichten aus nahezu allen Lagern Hin­weise auf orga­ni­sierten Fuß­ball. Es bil­deten sich meh­rere Mann­schaften, die auf dem Platz hinter der letzten Block­reihe zu üben und zu Wett­spielen anzu­treten pflegten“, schrieb der Publi­zist Eugen Kogon in seinem Werk Der SS-Staat“ über das KZ Buchen­wald. Zeit­weise habe es dort zwölf Mann­schaften gegeben. Meis­tens traten ent­weder Arbeits­kom­mandos oder Natio­na­li­täten gegen­ein­ander an.

Die Polen seien so etwas wie der Angst­gegner“ der deut­schen Häft­linge gewesen, schreibt der Publi­zist und Poli­tik­wis­sen­schaftler Wolf Oschlies in einem Bei­trag über Sport in Ausch­witz. Die SS schaute den Spielen inter­es­siert zu, bedrohte aber gele­gent­lich den pol­ni­schen Tor­mann, wenn dieser bei Spielen gegen die deut­schen‘ Mann­schaften allzu gut hielt“, so Oschlies. Eine ähn­liche Erin­ne­rung hat auch der ehe­ma­lige öster­rei­chi­sche Profi Igor Fischer, der The­re­si­en­stadt und Ausch­witz über­lebte und zum Teil sogar auf dem Platz SS-Leuten gegen­über­stand. Der Gegner da auf dem Platz war ein ganz spe­zi­eller. Er konnte dich auch umbringen. Nicht gleich am Fuß­ball­platz, aber später.“

Die Idee einer Tournee

In The­re­si­en­stadt gab es sogar einen Liga­be­trieb. In der Liga Terezin“ trafen bei­spiels­weise Häft­linge aus dem Arbeits­kom­mando in der Klei­der­kammer auf ihres­glei­chen, die in der Küche zu arbeiten hatten. Der Pro­pa­gan­da­film Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ aus dem Jahr 1944 zeigt Fuß­ball­spiele zweier Mann­schaften mit je sieben Spie­lern. In diesen Szenen beju­beln Hun­derte von Zuschauern die Akteure auf dem kleinen Feld. Der Regis­seur Kurt Gerron habe zwar ver­sucht, den jüdi­schen Häft­lingen so etwas wie eine Würde zu geben“, sagt His­to­ri­kerin Spring­mann. Aber es ist und bleibt ein Pro­pa­gan­da­film, in dem die Szenen gestellt sind, auch wenn sie so oder so ähn­lich statt­ge­funden haben.“

Für die Orga­ni­sa­tion des Fuß­balls in Dachau war der dama­lige Schutz­haft­la­ger­führer Michael Red­witz zuständig. Einmal sogar wollte Red­witz die Häft­linge für Schau­spiele aus dem KZ holen und beauf­tragte die Blo­ck­äl­testen mit der Zusam­men­stel­lung des Kaders. Einer der Aus­ge­wählten war Fer­di­nand Hackl, dem beson­ders ein Detail in Erin­ne­rung blieb. Im Sep­tember 1943 wurde ihm ein Zettel über­reicht, auf dem er nicht mit dem übli­chen Du, son­dern mit Sie ange­spro­chen wurde“. Später erin­nerte sich der Öster­rei­cher, dass dies das ein­zige Sie gewesen sei, das er je von der SS zu hören bekam. Zu dem Spiel kam es aller­dings nie, Red­witz’ Vor­schlag wurde wohl vom Reichs­sport­führer abge­lehnt.

Schutz­haft­la­ger­führer Red­witz, der nach Hackls Bericht Häft­linge auf Trans­port schickte, der schlimme Strafen wegen kleiner Ver­gehen ver­hängte und der selbst auch als Schläger auf­trat, war häufig auch als Zuschauer bei den Spielen an den freien Sonn­tagen anwe­send. Dem­nach soll er zwi­schen den zuschau­enden Häft­lingen, die zumin­dest für einige Stunden abge­lenkt waren, auf einem Stuhl Platz genommen haben. Hackl konnte wäh­rend der Spiele seinen Hunger und sein Leid für kurze Zeit aus­blenden. Selbst der üble Geruch von ver­branntem Fleisch, den der Wind vom nahe­ge­le­genen Kre­ma­to­rium her­bei­trug, wurde, wenn er nicht zu arg war, wäh­rend der Fuß­ball­spiele weniger beachtet“, schreibt er in seinem Bericht.

Diese Ambi­va­lenz zwi­schen den Gräu­el­taten in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern und der Aus­ge­las­sen­heit wäh­rend eines Fuß­ball­spiels findet sich in meh­reren Erzäh­lungen von Häft­lingen wieder. Der nor­we­gi­sche Archi­tekt und spä­tere UNICEF-Mit­be­gründer Odd Nansen schrieb in sein Tage­buch aus dem KZ Sach­sen­hausen: Wäh­rend der Fuß­ball­kampf am schlimmsten tobte, kamen zwei Gefan­gene, die eine Leiche auf einer Bahre trugen. Sie setzten die Leiche hin, zün­deten ihre Stummel an und begannen, dem Kampf zu folgen. Als der span­nende Augen­blick vorbei war, gingen sie zur Leiche zurück und setzten den Trans­port zum Lei­chen­haus fort, wäh­rend von sämt­li­chen Laut­spre­chern lus­tige Ope­ret­ten­musik ertönte.“