Seite 3: „Zwischen zwei Eckbällen hatte man hinter meinem Rücken 3000 Menschen vergast.“

Der pol­ni­sche Schrift­steller Tadeusz Borowski erzählt in seinem auto­bio­gra­fi­schen Werk Men­schen, die gingen“ eine Szene aus einem Fuß­ball­spiel im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Ausch­witz. Wäh­rend einer Spiel­un­ter­bre­chung sah Borow­skis Ich-Erzähler eine große Gruppe, die von einem gerade ein­ge­trof­fenen Zug zur Selek­ti­ons­rampe geführt wurde. Zwi­schen zwei Stan­dard­si­tua­tionen holte der Prot­ago­nist den Ball. Als ich ihn aufhob, erstarrte ich: Die Rampe war leer. Ich ging mit dem Ball zurück und gab ihn zur Ecke. Zwi­schen zwei Eck­bällen hatte man hinter meinem Rücken 3000 Men­schen ver­gast.“

Ob diese Szene genauso statt­ge­funden hat, lässt sich heute nicht mehr zwei­fels­frei fest­stellen. Für die His­to­ri­kerin Vero­nika Spring­mann sind die Erzäh­lungen von Borowski aber aus dem Grund so wichtig, weil sie die Par­al­le­lität des Grauens und des Lebens deut­lich machen. Borowski nimmt Dinge auf, die er tat­säch­lich in den Lagern erlebt hat und fik­tio­na­li­siert diese zu seinen Erzäh­lungen“, sagt Spring­mann. Er ver­folgte dabei das Ziel, die Ambi­va­lenz dar­zu­stellen, dass es einer­seits Häft­linge gab, die in der Lage sind Fuß­ball zu spielen, wäh­rend es ande­rer­seits Häft­linge gab, die nie die Lager von innen gesehen haben, weil sie sofort nach der Ankunft umge­bracht wurden.“

Ein letzter Marsch auf den Appell­platz

Häft­linge wie Fer­di­nand Hackl, die inner­halb der Mauern von Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Fuß­ball gespielt haben, erzählten nur kurz nach der Befreiung von ihren Fuß­ball­spielen. Danach schwiegen viele von ihnen über Jahr­zehnte zu diesem Thema. Aus Angst, nie­mand würde ihnen glauben, dass neben all dem Leid, das den Gefan­genen in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern angetan wurde, auch so etwas wie Lebens­freude exis­tierte. Dass da Fuß­ball gespielt wurde, war lange auch ein Argu­ment von Holo­caust­leug­nern, dass es in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern nicht so schlimm gewesen sein konnte“, erzählt Spring­mann. Aber diese Wider­sprüch­lich­keiten waren Teil des All­tags in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern und durchaus auch gewollt. Wenn wir heute die Struktur der Kon­zen­tra­ti­ons­lager ver­stehen wollen, müssen wir uns auch mit diesen Ambi­va­lenzen aus­ein­an­der­setzen.“

Am 29. April 1945 mussten die Häft­linge in Dachau ein letztes Mal zum Mor­gen­ap­pell auf den Appell­platz mar­schieren. Rund zehn Stunden später erlebten etwa 32.000 Gefan­gene die Befreiung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers. Über 200.000 Männer, Frauen und Kinder sind in Dachau inhaf­tiert gewesen. Mehr als 41.500 Men­schen wurden in zwölf Jahren KZ Dachau ermordet oder starben an den Folgen von Folter, Hunger oder Krank­heit. Fer­di­nand Hackl erlebte die Befreiung im Außen­lager Fischen im Allgäu, wo er Zwangs­ar­beit für die Mes­ser­schmitt AG leisten musste. Er starb 2010 im Alter von 91 Jahren.