Als Schalkes Prä­si­dent Günter Eich­berg 1990 die Beer­di­gung von Ernst Kuzorra wie­der­holen ließ, weil er den eigent­li­chen Termin ver­passt hatte, war Vin­cent Tan in Europa noch völlig unbe­kannt. Daran hatte sich auch im Sommer 1996 nichts geän­dert, als Atle­tico-Madrid-Mäzen Jesus Gil y Gil die obli­ga­to­ri­sche Ehren­runde nach dem gewon­nenen Double aus Meis­ter­schaft und Pokal auf einem Ele­fanten absol­vierte.

Heute sind sowohl Eich­berg und auch Gil y Gil Geschichte. Ihren Platz an der Sonne hat längst ein anderer König ein­ge­nommen. Einer, der sich offenbar fest vor­ge­nommen hat, die Tra­di­tion durch­ge­knallter Ver­eins­mä­zene fort­zu­setzen. Sein Name: Vin­cent Tan Chee Yioun.

Sein geschätztes Ver­mögen: 1,3 Mil­li­arden US-Dollar

Tan wurde 1952 in Malaysia geboren, machte seine ersten Mil­lionen mit der Eröff­nung der ersten McDo­nalds-Fila­lien auf malay­si­schem Boden und sahnte richtig ab, als er 1985 im rich­tigen Moment zugriff, da seine Regie­rung das staat­liche Sport-Toto pri­va­ti­sierte. 2010 erschien sein Name erst­mals auf der Forbes“-Liste: Das renom­mierte Wirt­schafts­ma­gazin schätzte sein Ver­mögen zu diesem Zeit­punkt auf 1,3 Mil­li­arden US-Dollar. Wie jeder anstän­dige Super-Reiche suchte sich Tan ein pas­sendes Spiel­zeug und fand es im dahin dar­benden wali­si­schen Klub Car­diff City – 2010 erwarb er die abso­lute Mehr­heit an dem Tra­di­ti­ons­verein. Was macht man mit einem Spiel­zeug? Man spielt damit.

Car­diff City, wer das nicht weiß, spielte früher immer in blau und hatte einen Vogel im Ver­eins­wappen. Fol­ge­richtig nannte man den Klub die Blue­birds“. Vin­cent Tan mag die Farbe Blau nicht, Vin­cent Tan steht auf Rot. Rot, so Tan, habe in Asien einen wesent­lich bes­seren Ruf als Blau, außerdem lasse sich mit der Signal­farbe viel besser ver­kaufen. Also spielte Car­diff City, dass zuvor mehr als 100 Jahre lang seine Heim­spiele in Blau bestritten hatte, fortan in Rot. Der Vogel im Wappen gefiel Vin­cent Tan auch nicht, er ließ ihn aus­tau­schen. Gegen einen Dra­chen. Asien und so. Das gegen­wär­tige Wappen von Car­diff City ist rot, in seiner Mitte prangt ein roter Drache. Es ist ein Wunder, dass Car­diff City über­haupt noch Car­diff City heißt. Denn Vin­cent Tan würde seinen“ Verein gerne in Car­diff Dra­gons“ umbe­nennen. Aber damit hatte er noch keinen Erfolg. Mit der Beto­nung auf noch“.

Erfolg macht (farben)blind

Und warum gingen die Fans von Car­diff City nicht auf die Bar­ri­kaden? Nun, viele von ihnen taten das. Aber vielen von ihnen war das letzt­lich auch egal, schließ­lich pumpte Vin­cent Tan so wie Geld in sein neues Spiel­zeug, dass aus einem Bei­nahe-Absteiger der zweiten Liga im Sommer 2013 ein umju­belter Pre­mier-League-Auf­steiger wurde. Erfolg macht eben auch far­ben­blind.

Seit sich sein Verein den Platz an der Sonne erkämpft hat, dreht Vin­cent Tan erst richtig am Rad des Wahn­sinns. So enterte er nach einem Sieg, der Car­diff durch einen Glück­schuss aus 40 Meter gelungen war, mit tri­um­phaler Pose die Kabine und for­derte von seinen Fuß­bal­lern, in Zukunft nur noch aus dieser Distanz abzu­ziehen. Tans Argu­ment: Von 20 Schüssen gehen zwei rein, das ist reine Sta­tistik!“

Warum schießt der Tor­wart keine Tore?

Seinen Schütz­ling David Mar­shall machte Tan jüngst zur Schnecke, weil der eine erschre­ckende Leis­tungs­lücke auf­zu­weisen hatte: Er war und ist bis­lang ohne Tor­er­folg geblieben, seit er in Car­diff unter Ver­trag steht. Sämt­liche Erklä­rungs­ver­suche für diese Schre­ckens­bi­lanz, ließ Tan gekonnt an sich abperlen. Auch die, dass Mars­u­hall eigent­lich als Tor­hüter bei Car­diff ange­stellt ist. Immerhin: Der Keeper durfte bleiben. Nicht so der für Trans­fers zustän­dige Iain Moody, dessen klug ein­ge­kaufte Neu­zu­gänge den Auf­stieg in die höchste eng­li­sche Spiel­klasse erst mög­lich gemacht hatten. Tan war erbost über die feh­lenden Super­stars auf der Ein­kaufs­liste im Sommer 2013, hatte er Moody doch 30 Mil­lionen Pfund aus der Por­to­kasse bereit gestellt. Moody flog und Tan hatte schnell Ersatz parat: den 22-jäh­rigen Kasa­chen Alisher Apsa­ly­amov, einen guten Freund seines Sohnes. Beruf­liche Erfah­rung auf dem Gebiet der glo­balen Trans­fer­poltik für einen Pre­mier-League-Verein: nicht vor­handen. Und daran hat sich bis zum heu­tigen Tage nichts geän­dert, Apsa­ly­amov erhielt näm­lich kein Arbeits­visum.

In den Weih­nachts­wo­chen hat Vin­cent Tan weiter fleißig an seiner eigenen Legende als Vor­zeige-Son­nen­könig der Gegen­wart gear­beitet. Zunächst tauchten Videos auf, auf denen Tan nach einem ärger­li­chen Unent­schieden gegen Sun­der­land seinen eigenen Klub aus­buhte. Dann wurde bekannt, dass sich Tan vehe­ment dafür ein­setzt, in Zukunft nur noch Spieler zu ver­pflichten, die eine 8“ in ihrem Geburts­datum haben. Denn die 8“ sei eine Glücks­zahl. Und schließ­lich feu­erte er den 2011 ver­pflich­teten Trainer Malky Mackay, der sich nun rühmen kann, der erfolg­reichste Coach in der Geschichte der ein­ge­färbten Blue­birds“ zu sein – und trotzdem aus dem Amt ent­hoben wurde.

Der Son­nen­könig und der Bay­ern­schreck

Wie geht die Geschichte von Vin­cent Tan und Car­diff City weiter? Sicher ist: Sie ist noch lange nicht vorbei. Als Nach­folger für den geschassten Mackay prä­sen­tierte Tan Nor­we­gens Natio­nal­held Ole Gunnar Solks­jaer, den er zum ersten Arbeitstag stil­echt mit dem eigenen Jet ein­fliegen ließ. Solks­jaer, so heißt es, stehe eine große Zukunft als Trainer bevor, sein Talent sei beacht­lich. Wer weiß, wie lange diese Zukunft Car­diff City heißt. Immerhin haben Vin­cent Tan und der Mann, der mit seinem Tor in der Nach­spiel­zeit das ver­rück­teste Cham­pions-League-Finale aller Zeiten been­dete, eines gemeinsam: Mit gelebten Wahn­sinn kennen sie sich gut aus.