Einen großen Moment hatte der Arsenal Foot­ball Club am Ende eines aus Sicht der Lon­doner total depri­mie­renden Abends doch noch. Ver­ant­wort­lich waren dafür aller­dings weder die über­for­derten Spieler noch der tief frus­trierte Trainer Arsene Wenger, son­dern die Anhänger des gede­mü­tigten Klubs. Viele von ihnen waren zwar nicht mehr im Sta­dion, als die Spieler aus Mün­chen gut gelaunt vom Rasen trollten, aber jene, die geblieben waren, erhoben sich – und applau­dierten. Der Bei­fall für die Sieger war warm und freund­lich. Es lag darin keine Häme gegen­über der eigenen Mann­schaft, son­dern allein die sport­lich faire Aner­ken­nung eines bes­seren Geg­ners. Das Hin­spiel im Ach­tel­fi­nale der Cham­pions League hatte keine Zweifel gelassen, keine Rätsel und kein Raum für Kon­spi­ra­ti­ons­theo­rien. Der FC Bayern hatte den Applaus für einen 3:1‑Sieg als deut­lich bes­sere Mann­schaft schlicht ver­dient.

Arsenal keine Spit­zen­mann­schaft mehr

Als die Bay­ern­spieler eine halbe Stunde später durchs Park­haus unter den Tri­bünen zu ihrem Mann­schaftsbus gingen, ließen sie einen Gegner zurück, der nun umso mehr über seine Zukunft und wohl auch die seines Trai­ners debat­tieren wird. Die Münchner irrten sich viel­leicht in dem Ein­druck, eine inter­na­tio­nale Spit­zen­mann­schaft geschlagen zu haben, die Arsenal längst nicht mehr ist, aber das war egal. Die Qua­lität des FC Bayern in dieser Saison besteht darin, wie ein dunkler Dia­gno­se­arzt des Fuß­balls, den Geg­nern ihre Schwä­chen vor­zu­führen. Vor dem Kick im Emi­rates-Sta­dion hatten sie das schwache Umschalt­spiel eines Geg­ners ins Visier genommen, der nicht geordnet genug vom Offensiv- in den Defen­siv­modus wech­seln kann. Ent­spre­chend fielen das erste und das letzte Tore auch wirk­lich nach Kon­tern, und London schrumpfte zu nicht viel mehr als einem kurzen Zwi­schen­stopp einer Dienst­reise zu den Titeln.

Bemer­kens­wert bei diesem Trip ist vor allem, auf welch beängs­ti­gende Weise sich die Bayern dieser Tage wohl bei Aus­wärts­spielen fühlen. Man wäre ver­sucht zu sagen, im Stil einer Heim­mann­schaft, aber genau das ist es nicht. Wäh­rend die geg­ne­ri­schen Mann­schaften in der Münchner Arena inzwi­schen nur noch mit ihren Mau­rer­ko­lonnen anrü­cken, wagt so viel Defen­sive im eigenen Sta­dion kaum ein Team. Schon gar nicht eines im eigenen Selbst­ver­ständnis so offen­sives wie Arsenal. Und so fand Bayern in London, wie so oft unter­wegs die Lücken und Ritzen, um vorne durch­zu­schlüpfen, wäh­rend im eigenen Sta­dion die schweren Bohr­werk­zeuge aus­ge­packt werden müssen.

Doch der wesent­liche Unter­schied zwi­schen dem FC Bayern in dieser Saison und jener Mann­schaft, die – man ver­gisst das gerne – in der letzten Saison den Gewinn der Cham­pions League nur um Nüs­tern­länge ver­passte, besteht nicht in dieser atem­be­rau­benden Aus­wärts­do­mi­nanz. Mit den drei Neuen dieser Saison, dem längst selbst­ver­ständ­li­chen Abwehr­chef Dante, einem Javier Mar­tinez im defen­siven Mit­tel­feld, der in London sein bis­lang bestes Spiel für Bayern machte und nicht zuletzt Mario Mandzukic sorgen für eine wesent­lich sta­bi­lere Defen­sive. Im Fall des kroa­ti­schen Tor­jä­gers mag das viel­leicht etwas seltsam klingen, aber er gehört zur neuen Sorte von Stür­mern, die voll­wer­tige Mit­ar­beiter im Ver­tei­di­gungs­fall sind und trotz dieser Anstren­gungen nicht an Tor­ge­fahr ver­lieren. Auch wenn Bayern selten ein so spek­ta­ku­läres Gegen­pres­sing spielen wie etwa Borussia Dort­mund, sind sie in diesem Jahr in der Defen­sive viel stärker.

Der hei­lige Ernst einer Mis­sion

Doch all das ist nur mög­lich, weil die Mann­schaft zugleich den hei­ligen Ernst von Men­schen auf einer Mis­sion aus­strahlt. Das Trauma des ver­lo­renen Finales dahoam hat sich in eine stäh­lerne Ent­schlos­sen­heit und Klar­heit auf dem Platz ver­wan­delt, die keine Nach­läs­sig­keiten und Wackler erlaubt. Vor allem die Durch-und-Durch-Bayern Schwein­s­teiger, Müller oder Lahm werden kaum ein Abwei­chen vom Kurs zulassen. Zwar war in Mün­chen in diesem Jahr der natio­nale Titel als vor­ran­giges Ziel aus­ge­geben worden. Aber weil es schon so gut wie erreicht ist, soll auch noch die seit letztem Mai klaf­fende Wunde geschlossen werden. Inso­fern sind sie Wie­der­gänger jener Geschei­terten von 1999, die zwei Jahre später den Titel holten. Kein Zweifel: diese Bayern wollen das Ding. Sie wollen es unbe­dingt. Sie haben die Klasse, sie haben den Willen. Aber sie haben einen schreck­li­chen Nach­teil gegen­über der Klasse von 2001 – den FC Bar­ce­lona.