Die Sonne steht tief über Frank­furt. Bernd Höl­zen­bein sitzt am Schreib­tisch in seinem schmalen Eck­büro mit Blick in die Arena und trifft mal wieder die Geister der Ver­gan­gen­heit. Das Ein­tracht-Denkmal blät­tert im neu­esten Pres­se­spiegel und rollt den Stapel Mel­dungen, als wolle er die Buch­staben so in Unord­nung bringen, dass sie ihren Sinn ver­än­dern. Zwi­schen die Berichte über die aktu­elle Zweit­li­ga­saison hat sich eins dieser Was macht eigent­lich …?“-Inter­views ver­irrt. Anthony Yeboah plau­dert über einen Ver­trag, den er vor zwanzig Jahren mit Ein­tracht Frank­furt schloss. Es gab damals ein Steu­er­ver­fahren. Es ging um nicht abge­führte Mehr­wert­steuer, um ver­deckte Gehalts­zah­lungen. Yeboah sagt in dem Inter­view, er habe die Ver­trags­mo­da­li­täten gar nicht richtig ver­standen und gedacht, Ein­tracht würde alles regeln. Höl­zen­bein, der den Kon­trakt damals als Vize­prä­si­dent des Klubs unter­zeich­nete, wurde wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung ange­klagt und später zu einer Bewäh­rungs­strafe ver­ur­teilt.

Er pfef­fert den Pres­se­spiegel auf den Tisch und sagt: Ich habe den Fuß­ball geliebt, den diese Jungs gespielt haben.“ Höl­zen­bein sieht dabei aus, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Er ist ein Bauch­mensch. Ein Instinkt­fuß­baller, der Tore im Sitzen schoss und in einem WM-Finale mal zur rechten Zeit am rechten Ort in den Staub tauchte. Einer, der die Schön­heit, den Fin­ten­reichtum, die Dynamik und Unbe­re­chen­bar­keit des Fuß­balls liebt. Weiß Gott kein Mann der Zahlen.

Motto: Hessen zurück an die Spitze“

Im Herbst 1988 trat er als ehren­amt­li­cher Vize­prä­si­dent bei seiner Ein­tracht an, die zu diesem Zeit­punkt gegen den Abstieg aus der Bun­des­liga kämpfte. Er hatte eine Vision und ein kämp­fe­ri­sches Motto: Hessen zurück an die Spitze“. In 420 Bun­des­li­ga­spielen für die Frank­furter hatte er sich stets auf Augen­höhe mit dem FC Bayern gesehen. Mit einem Näs­chen für spiel­starke Fuß­baller machte er sich also auf die Suche nach Kickern aus der Region. Schon bald bestand die Hälfte des Kaders aus gebür­tigen Hessen. Gemeinsam zele­brierten sie Angriffs­fuß­ball mit einer für deut­sche Teams bis dato uner­reichten Leich­tig­keit und Ele­ganz – doch gleich­zeitig setzten sie für das Kli­schee der lau­ni­schen Diva vom Main“ neue Maß­stäbe.

In der Saison 1991/92 lief eine Elf im Dress der Ein­tracht auf, die wie ein Ver­spre­chen an die Fans des Klubs anmu­tete, der seit 1959 auf einen Meis­ter­titel war­tete: im Tor der gna­den­lose Rächer Uli Stein, der mit 37 Jahren im Zenit seiner Schaf­fens­kraft stand. Der phleg­ma­ti­sche Libero Man­fred Binz ging an guten Tagen als recht­mä­ßiger Erbe von Franz Becken­bauer durch. Für Uwe Bein war keine Gasse zu eng, um den töd­li­chen Pass hin­ein­zu­spielen. Vor ihm kreuzte der begna­dete Andreas Möller, der mit Ball schneller lief als drei­viertel aller Bun­des­li­ga­spieler ohne. Und im Sturm­zen­trum der Gha­naer Yeboah mit baum­stamm­di­cken Ober­schen­keln. Ein Angreifer, bei dem allein die Kopf­bälle strammer waren, als durch­schnitt­liche Vor­stopper schießen konnten. Diese Achse aus Künst­lern ergänzte ein Kabi­nett aus Schlitz­ohren und Cha­rak­ter­köpfen, alle­samt Gegen­ent­würfe zu ange­passten Profis: Heinz Gründel, Axel Kruse, Lothar Sippel, Jörn Andersen, Edgar Schmitt, Ralf Weber.

Wenn er es nicht ohnehin schon war, machte diese Elf aus Bernd Höl­zen­bein einen Melan­cho­liker. Als Har­mo­nie­süch­tiger wollte er nur eins: dass sich diese groß­ar­tigen Spieler gut in Frank­furt fühlten. Für sie war er sogar bereit, Ver­träge abzu­schließen, die nicht im Ein­klang mit dem Steu­er­recht standen. Wenn sie sams­tags zau­berten, standen ihm Tränen der Rüh­rung in den Augen. Im Sommer 1991 glaubten 70 Pro­zent der deut­schen Fuß­ball­fans, dass diese Männer in der Lage seien, den Meis­ter­titel zu erringen. Doch wie sagte schon Luis Cesar Menotti: Ein Mythos wird erst durch das Ende der Geschichte geprägt.“

Alfred Konz aus Berg oder Alfred Berg aus Konz?

Das Ende war ein Pfiff, der am 16. Mai 1992 nicht ertönte. Schieds­richter Alfons Berg aus Konz übersah beim Stand von 1:1 in der 76. Minute des 38. Spiel­tags der ersten gesamt­deut­schen Bun­des­li­ga­saison ein Foul­spiel am Frank­furter Ralf Weber im Straf­raum von Hansa Ros­tock. Die Ein­tracht brauchte nach einer gran­diosen Saison einen Sieg beim Absteiger von der Ostsee. In einem dra­ma­ti­schen Finale sicherte sich so der VfB Stutt­gart den Titel, obwohl Ein­tracht ins­ge­samt 19 Spiel­tage Tabel­len­führer gewesen war. Referee Berg erhielt nachher Todes­dro­hungen, die Familie flüch­tete vor­über­ge­hend aus Angst vor Anschlägen aus ihrem Haus. Noch zehn Jahre später, als Ein­tracht-Fans für ein Buch­pro­jekt um ein Gespräch baten, lehnte Berg ab. Die Sache habe ihn doch zu lang beschäf­tigt. Aber ein nicht gege­bener Elf­meter allein reicht nicht als tra­gi­sche Pointe auf die Story eines Teams, das so facet­ten­reich war.

Der Karls­ruher Michael Har­forth war es, der im Sommer 1991 dem Ein­tracht-Spiel den Stempel großer Fuß­ball­kunst auf­drückte. Nach dem Spiel seines KSC in der dritten Runde des DFB-Pokals sagte er: Wenn man die im Fern­sehen sieht, meint man, da kann man mit­halten. Doch wenn man dazwi­schen steht und sie mit Dop­pel­pässen an einem vor­bei­rau­schen, das ist schon was anderes. Das ist Fuß­ball aus dem Jahr 2000.“ Er meinte es kei­nes­wegs iro­nisch, auch wenn Har­forth Ein­tracht kurz zuvor mit einem Tor aus dem Wett­be­werb geschossen hatte. Die Tat­sache, dass der Urheber des Begriffs Fuß­ball 2000“ gleich­zeitig einer seiner Bezwinger war, zeigt die Ambi­va­lenz dieser Elf, die sich an ihrer Genia­lität ergötzen und gleich­zeitig an ihrer Eitel­keit schei­tern konnte. Als Axel Kruse im Herbst 1990 noch bei Hertha BSC kickte, wun­derte er sich im Punkt­spiel gegen Ein­tracht, wie sehr es im Team des Geg­ners bro­delte. Die Frank­furter pöbelten sich auf dem Platz gegen­seitig an und ließen unlieb­same Mit­spieler auch mal ver­geb­lich auf einen Pass warten. Aber sie spielten groß­artig.