»Get back!« Der eng­li­sche Tor­hüter brüllt, als ginge es um den FA Cup. Er brüllt schon die ganze Zeit. Keine Situa­tion bleibt unkom­men­tiert, laut­stark lobt er gute Aktionen seiner Mit­spieler, warnt vor dem nahenden Gegner, manchmal pas­siert auch gar nichts, dann ruft er »Come on!« oder mahnt, den Ball am Boden zu halten und flach zu spielen. Er wird keinen groben Schnitzer machen heute, das kann man nicht von jedem Eng­länder im Tor behaupten, er wird seiner Mann­schaft sogar den Sieg retten. Dabei ist er eigent­lich gar kein Tor­hüter. Er heißt Andy Parmley und ist Gitar­rist der eng­li­schen Band Young Rebel Set, die heute ihre Debüt-LP in Deutsch­land ver­öf­fent­licht und zur Feier des Tages gegen ihr deut­sches Label Grand Hotel van Cleef (GHvC) den Klas­siker Deutsch­land gegen Eng­land nach­spielt.



»Das war so ne Daffke-Idee, wie man sie halt manchmal hat«, sagt Thees Uhl­mann, Tomte-Sänger, GHvC-Mit­be­gründer und heute die deut­sche Zehn. Weil man halt gerne Fuß­ball spielt. Und weil man sich nach der Musik ohnehin gleich über Fuß­ball unter­halten hat, damals, als er Ende 2009 nach Eng­land flog, um die Rebels für den deut­schen Markt unter Ver­trag zu nehmen, keine drei Wochen, nachdem er erst­mals von ihnen gehört hatte. Dass sie immerhin zu siebt sind und heute Nach­mittag nur minimal ergänzt werden müssen, kam der Idee wohl auch zugute; mit den White Stripes würde man sich viel­leicht eher zu einem anderen Sport ver­ab­reden. Was so groß­artig an diesen Sieben sei, dass er damals gleich dort und sie nun hier seien? Die »simpel ori­gi­näre Musik«, sagt Uhl­mann, und »dass sie in der großen eng­li­sche Tra­di­tion mit Songs Geschichten erzählen.«

Auf dem Platz gehen sie in einer anderen großen Insel-Tra­di­tion »auch eng­li­sche-Härte-mäßig in die Vollen« (Halb­zeit-Ana­lyse Uhl­mann), über­ra­schen daneben aber mit tech­ni­schen Fähig­keiten und sind für eine Band, die man vor etwa zwei Stunden aus dem Bett geklin­gelt hat, über­ra­schend lauf­be­reit. Und nach einem sehens­werten Angriff über die rechte Seite gehen sie in Füh­rung. Irgendwie landet der Ball vor dem links nach­rü­ckenden Eng­länder, er ver­wan­delt ener­gisch.

»Birth, School, Sta­dium, Death«


Es ist Matty Chip­chase, Front­mann, Song­writer, Kopf der Band, und auch auf dem Platz also vorn dabei, wenn auch nicht ganz der Spiel­führer, der er inner­halb der Band ist und wohl auch sein muss, wenn man sich mit sechs anderen auf eine Melodie oder einen Text oder ein Arran­ge­ment einigen soll. Wie das geht? »Ich schreibe die Songs und sage, wie sie gespielt werden, kein Pro­blem.«

Sie mögen seine Songs, offen­sicht­lich, seine Statur macht ihn jeden­falls nicht zum Chef, er ist bei weitem der schmäch­tigste der Kapelle und der ein­zige, bei dem der Auf­druck ihres Tri­kots »Birth, School, Sta­dium, Death« nicht wie die natür­liche Bio­gra­phie anmutet. Ohne seine schmalen Karotten-Jeans, Leder­jacke und Son­nen­brille, die aus­sieht wie ein Geschenk von Götz Als­mann, wirkt er in seinem Trikot ein wenig wie ein Lite­ra­tur­stu­dent, der auch mit­spielen darf. Aber mit dem Ball umgehen kann er, sie alle machen keine schlechte Figur. Ob sie viel Fuß­ball spielen in ihrer Frei­zeit? »Wir trinken viel.« Spaß haben wollen sie, die Dinge geschehen lassen, das gilt auch für ihren heute ein­ge­läu­teten musi­ka­li­schen Deutsch­land-Start: »Wha­tever will be will be.«

Ein Hauch von Bar­ce­lona 99

Ein wei­teres Tor fällt, wieder für den Gast­geber, inzwi­schen steht es 2:1 für die Deut­schen. Zurück­ge­kämpft, Spiel gedreht, alles im Lot, wie immer bei wich­tigen Spielen gegen Eng­land. Doch die Auf­hol­jagd hat ihren Preis. »Halb­zeit!«, fleht ein sicht­lich pum­pender Uhl­mann in Rich­tung Schieds­richter. Um seine Mit­spieler ist es nicht ganz so schlimm bestellt. Es ist eine Art Betriebs­mann­schaft des Labels um Uhl­mann und die Kettcar-Musiker Marcus Wie­busch und Reimer Bur­storff; der Ex-Prak­ti­kant ist auch dabei und ein Azubi, dazu ein paar Freunde. Sie alle können die ganz kleine Revanche für Blo­em­fontein indes nicht ver­hin­dern.

Statt­dessen weht ein Hauch von Bar­ce­lona 99 über den Klein­feld­kunst­rasen des Poli­zei­sport­ver­eins, als kurz vor der Halb­zeit eine Ecke der Eng­länder nach nicht ganz optimal geglückter Tor­war­tak­tion auch noch per Eigentor zum 2:2‑Ausgleich führt, den diesmal auch der Schieds­richter nicht über­sieht. Wie­busch wird den Treffer noch eine halbe Stunde nach dem Spiel nicht ganz ver­wunden haben und als »demo­ra­li­sie­renden« Tief­punkt es Spiels deuten.


Aber er wird sich auch erfreut dar­über zeigen, dass »fuß­bal­le­risch was ging«, und sich die Eng­länder nicht als Bolz­ba­nausen ent­puppt haben, genau gewusst hätte man das ja nicht. Hinzu kommt in der zweiten Hälfte offenbar eine leichte kon­di­tio­nelle Über­le­gen­heit, zeit­weise beherr­schen sie das Spiel, sogar ver­ein­zelte Dop­pel­pässe werden gesichtet, und als sie 3:2 in Füh­rung gehen, ist es ein Tor, das Tom Bar­tels »logisch« nennen würde.

Unan­ge­strengter Ehr­geiz im Auf­treten

Gera­ckert haben sie allemal dafür, sie nehmen das Spiel ernst, wie sie über­haupt bei allem Spaß ihre Ambi­tionen nicht ver­gessen. Es steckt eine Art unan­ge­strengter Ehr­geiz in ihrem Auf­treten, hier auf dem Platz und daneben, und nichts ver­deut­licht das besser als die Anwe­sen­heit von Dave Coombe. Er spielt Mund­har­mo­nika in der Band, nicht auch, son­dern nur, er ist kein Vir­tuose am Gerät, aber auch kein »Gadget« (Uhl­mann), son­dern spielt »das halt in totaler Ernst­haf­tig­keit«, was dem Spaß keinen Abbruch tut, viel­leicht gerade des­halb nicht.

Weil sich das nicht aus­schließt, kann auch Matty Chip­chase über die Bezeich­nung als Musiker lachen – man beherr­sche ja nicht einmal die Instru­mente und wolle ein­fach Spaß auf der Bühne haben – und trotzdem von »fünf groß­ar­tigen Alben« in den nächsten Jahren träumen und davon, eine Spur zu hin­ter­lassen als Band. Und so können sie sich einen Rie­sen­spaß daraus machen, das kleine Spiel hier ernst zu nehmen.

Gleich ist dritte Halb­zeit

Die Partie ist fast aus, es läuft die vehe­mente Schluss­of­fen­sive der Deut­schen, allein fünf Mal kracht der Ball ans Alu­mi­nium, dar­unter ein spek­ta­ku­lärer Lat­ten­kra­cher von Uhl­mann. Nichts davon kann Tor­wart Parmley erschüt­tern, bei jedem Ball, der neben ihm an den Pfosten kracht, hebt er so selbst­ver­ständ­lich die Hände zur Ent­war­nung, als hätte er das eh gesehen, die letzte deut­sche Chance ver­ei­telt er reak­ti­ons­stark. Abpfiff. Ein zünf­tiger Jubel­schrei von den Eng­län­dern, Applaus von den Zuschauern.

Alle strahlen. Die Eng­länder, weil sie gewonnen haben, die Deut­schen, weil sie Spaß hatten, und Thees Uhl­mann wahr­schein­lich auch, weil es vorbei ist. Gleich ist dritte Halb­zeit, oben, auf dem Dach des Ham­burger Medi­en­bun­kers. Dann geht der Spaß auf der Bühne weiter.