Simon Chad­wick, warum bezahlt der Fuß­ball­verein Paris Saint-Ger­main 222 Mil­lionen Euro für Neymar?
Dieser Deal hat drei Dimen­sionen. Die erste ist eine sport­liche: PSG hat in der letzten Saison nicht die fran­zö­si­sche Meis­ter­schaft gewonnen, in der Cham­pions League war im Vier­tel­fi­nale Schluss. Wenn man sich rück­wärts ent­wi­ckelt statt vor­wärts, muss man etwas tun. Wie wäre es mit einem der besten Spieler der Welt? Ein guter Anfang.

Und die zweite Dimen­sion?
Ist eine öko­no­mi­sche. Als Qatar Sports Invest­ment (QSI) PSG im Mai 2011 gekauft hat, sagten sie: Wir wollen neben einem der besten Clubs der Welt auch eine der stärksten Marken der Welt auf­bauen. Blöd, dass Pre­mier-League-Ver­eine mit dem hohen Fern­seh­geld noch immer weit voraus sind. Neymar soll Abhilfe schaffen und auch die fran­zö­si­sche Liga attrak­tiver machen. Und natür­lich Geld ein­bringen: über neue Fernseh-Ver­träge, über ein volles Sta­dion, über Spon­soren-Deals, Tri­kot­ver­käufe.

Wir spre­chen von bis zu 800 Mil­lionen Euro, die der Transfer ins­ge­samt kostet. Kann man dieses Geld wieder rein­holen durch Tri­kot­ver­käufe?
Ich per­sön­lich glaube das nicht. Ver­gli­chen mit den hohen Ablö­se­summen und Gehäl­tern sind die Ein­nahmen durch Tickets und Tri­kot­ver­käufe im Fuß­ball mar­ginal. Diese Dif­fe­renz können nur die Medien-Ver­träge wett machen, daher kommt das Geld. Wenn Sie mich fragen: Wird Neymar alleine 800 Mil­lionen Euro für PSG ein­spielen? Nein. Aber darum geht es den Kataris auch nur bedingt.

Worum dann?
Die dritte Dimen­sion diese Wech­sels ist eine poli­ti­sche. Katar hat finan­ziell geblutet in den letzten Jahren. Staats­aus­gaben wurden ver­kürzt, 10.000 Men­schen haben ihre Jobs ver­loren – bei nur 2 Mil­lionen Ein­woh­nern eine immense Zahl. Sogar das Budget für die Welt­meis­ter­schaft musste gekürzt werden, das bis dahin als unan­tastbar galt. Dazu kommen die geo­po­li­ti­schen Span­nungen der letzten Wochen zwi­schen Katar und seinen Nach­bar­staaten, beson­ders Saudi-Ara­bien, Bah­rein und den Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­raten. Da wurde das gesamte diplo­ma­ti­sche Waf­fen­ar­senal auf­ge­boten: Grenz­schlie­ßungen, Ulti­maten, Dro­hungen. Katar ist gerade iso­liert und schwach wie nie.

Was hat das mit Neymar zu tun?
Statt vor den Dro­hungen zu kapi­tu­lieren, schlägt der Emir zurück – auf seine Weise. Der Neymar-Transfer mag für Katar nicht mal beson­ders teuer sein, aber er ist ein Zei­chen. Es bedeutet: Seht her, wir Kataris können uns den teu­ersten Sportler im belieb­testen Sport der Welt kaufen – auch wenn der dop­pelt so viel kostet wie der bis­lang teu­erste Spieler.

Und das beein­druckt Saudi-Ara­bien?
In der Poli­tik­wis­sen­schaft spricht man von Soft Power. Hard Power wäre Krieg oder Sank­tionen. Da hat Katar keine Chance gegen die Saudis, das Land ist winzig. Aber es kann bestimmen, wie die Welt auf das Emirat blickt. Wir hören das ungern, aber wir Fans, auch die Medien, tun gerade genau das, was Katar will: Wir spre­chen weniger dar­über, dass Katar am Golf iso­liert ist, dass es Ter­ro­risten finan­ziere, wie Saudi-Ara­bien behauptet. Son­dern dass es finan­ziell all­mächtig ist, dass es einen so gran­diosen Spieler gekauft hat, eine Welt­marke. Katar hat ele­gant das Thema gewech­selt.

Auch in Bezug auf die WM?
Wenn alles kommt wie geplant, wird Neymar WM-Bot­schafter für Katar. Neymar ist dann 30, Ronaldo und Messi sind Geschichte. Er wird der beste Spieler der Welt sein, sein Ver­trag bei PSG läuft bis ins Welt­meis­ter­schafts­jahr. Ein bes­seres Mas­kott­chen als Neymar gibt es nicht.

Aber ist der Tenor nicht längst ein nega­tiver? Selbst Trainer wie Jürgen Klopp haben den Neymar-Transfer kri­ti­siert.
Die Kataris mar­schieren auf schmalem Grat. Aber erstmal ist ihnen völlig egal, wenn Trainer, Jour­na­listen, Nost­al­giker in Mit­tel­eu­ropa denken, sie zer­störten den Fuß­ball. Ihnen geht es darum, was Saudi-Ara­bien denkt. Und außerdem pro­fi­tieren bei uns auch viele von diesem Deal.