Bist du sehr traurig wegen Kai­sers­lau­tern?“ Diese SMS meiner Mutter erreichte mich am Frei­tag­abend um 20:39 Uhr, als auch for­mell fest­stand, dass der FCK den Gang in Liga 3 antreten muss. Traurig? Dazu war dieser Tod auf Raten“, wie Sport­vor­stand Martin Bader es tref­fend for­mu­liert hat, zu absehbar.

Ich saß schlichtweg vor meinem zuge­klappten Laptop, der mir gerade im ruckelnden Sky-Go-Stream das Elend von Bie­le­feld über­tragen hatte, und sann schwer­mütig der Frage nach, auf was ich mich da eigent­lich ein­ge­lassen hatte. Schließ­lich hätte alles so viel leichter sein können.

500 Kilo­meter nach Mün­chen

Mein Onkel, ein­ge­fleischter Anhänger des FC Bayern Mün­chen, hat schon früh in meiner Kind­heit ver­sucht, mich für die Son­nen­seite des Fan-Daseins zu begeis­tern. Davon zeugen drei unter­schied­lich große Tri­kots des Rekord­meis­ters, die mitt­ler­weile irgend­eine ein­ge­staubte Kiste auf dem Dach­boden meiner Eltern füllen.

Denn ich habe nie so recht ver­stehen wollen, was mich zu diesem Verein hin­ziehen soll, der seine Heim­spiele 500 Kilo­meter Auto­bahn ent­fernt von mir aus­trägt. Ich, Jahr­gang 1992, der in einem fuß­bal­le­risch ver­waisten Land­streifen zwi­schen Bonn und Koblenz auf­ge­wachsen ist.

Danke Hankook

Mein Vater ist Betreiber eines kleinen Fach­han­dels für Auto­teile und Zubehör. Einer seiner Rei­fen­zu­lie­ferer, der korea­ni­sche Her­steller Hankook, hatte im Sommer 2004 gerade einen Spon­so­ren­deal mit dem 1. FC Kai­sers­lau­tern abge­schlossen und schenkte meinem Vater VIP-Tickets für die Partie am 13. November 2004 gegen Dort­mund.

Also fuhren wir – mein Vater, zwei meiner besten Freunde, mein Groß­vater und ich – neun Tage nach meinem zwölften Geburtstag auf den Bet­zen­berg. 1927 in einem kleinen Weinort an der Mosel geboren, war es für meinen Groß­vater das Nor­malste der Welt, für den 1. FC Kai­sers­lau­tern zu halten. Das wusste ich zwar schon sehr früh, doch fehlte mir bis dahin ein Erwe­ckungs­er­lebnis, um an diese Liebe anzu­knüpfen.

Er und meine Groß­mutter waren beide gehörlos. Ein Auto hatten sie nicht, denn sie hätten es ohnehin nicht fahren dürfen. Also konnte mein Opa mich nicht ein­fach auf einen Kin­der­sitz packen und mit mir ins andert­halb Stunden ent­fernte Kai­sers­lau­tern fahren, um aus seinem Enkel einen Fan zu machen, wie mein Opa selbst einer war.

Weil wir von Hankook nur vier Karten für den VIP-Bereich bekommen hatten, schaute mein Groß­vater sich die Begeg­nung alleine von einer nicht gepols­terten Sitz­schale im Fritz-Walter-Sta­dion an. Das Wetter war so, wie man sich einen Novem­bertag auf dem zugigen Bet­zen­berg vor­stellt. Ich erin­nere mich noch daran, ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben, weil mein Groß­vater irgendwo draußen im Kalten saß, wäh­rend meine Freunde und ich vor Anpfiff in einem beheizten Raum Apfel-Meer­ret­tich-Suppe schlürften.

Das erste Trikot unterm Christ­baum

Das Spiel selbst war dann eher Haus­manns­kost. Kai­sers­lau­tern gewann durch ein Elf­me­tertor von Fery­doon Zandi mit 1:0. Nach Abpfiff kamen die beiden Ver­tei­diger Ingo Hertzsch und Lucién Met­tomo hoch in den VIP-Bereich, machten Fotos mit uns und unter­schrieben Auto­gramm­karten. Meine Freunde von damals halten es heute mit Dort­mund und Frank­furt. Ich verlor mein Herz am 13. November 2004 an den FCK. Weih­nachts­fotos aus dem­selben Jahr zeigen mich in meinem ersten Kai­sers­lau­tern-Trikot stolz vor unserem Christ­baum posie­rend.

Inzwi­schen weiß ich, dass ich genau richtig gekommen bin, um sehr viel Leid über mich ergehen zu lassen. Gleich in meiner ersten vollen Saison als Kai­sers­lau­tern-Fan habe ich meinen ersten Abstieg beweint. 2006 flossen bit­tere Tränen, als der auf Wolfs­burger Seite ein­ge­wech­selte Cedric Makiadi den FCK in die zweite Liga schoss.

Die letzten Stern­stunden

2008 dann die Freude über das, was in diesem Jahr nicht mehr gelingen wollte. Das 3:0 auf dem Bet­zen­berg gegen einen bereits sicher auf­ge­stie­genen 1. FC Köln. Der Absturz in die Dritt­klas­sig­keit ver­hin­dert. Ich ahnte nicht, dass er ledig­lich um zehn Jahre hin­aus­ge­zö­gert wurde.

Zwei Jahre später die für lange Zeit letzte Rück­kehr in die Bun­des­liga mit der furiosen Debüt­saison unter Trainer Marco Kurz, die auf Platz Sieben endete: 2:0 gegen die Bayern, 5:0 gegen Schalke. Als ein Gast­spiel im Fritz-Walter-Sta­dion noch der Zahn­arzt­be­such unter den Aus­wärts­spielen war.

Aus mir ist zwar nie die Art Fan geworden, die alle 14 Tage zum Betze“ pil­gert, viel­leicht sogar hin und wieder auf Aus­wärts­spiele mit­fährt. Trotzdem bin ich mit der Pfalz im Herzen schon in die Fremde gereist. Habe mir 2012 als Ani­ma­teur auf Lan­za­rote an meinem freien Samstag ange­schaut, wie zwei Spiele vor Schluss die rech­ne­ri­sche Hoff­nung auf den Ver­bleib in der Bun­des­liga erlo­schen ist.

Nur zehn Tage nach Sai­son­ende, am 15. Mai 2012, ist mein Groß­vater ver­storben und ich bin aus Spa­nien für seine Beer­di­gung nach Hause geflogen. Zum Zeit­punkt seines Todes war er bereits dement und hat vom Fuß­ball nicht mehr viel mit­ge­kriegt. Kai­sers­lau­tern nicht gut“, konnte er in klaren Momenten trotzdem noch kopf­schüt­telnd her­vor­bringen. Fast so als hätte er geahnt, dass es mit seinen Roten Teu­feln“ so schnell nicht mehr bergauf geht.

Drama, Baby, Drama

Ein Jahr später ver­schwand ich wäh­rend meiner Abend­schicht in einem Lon­doner Schnell­im­biss wann immer es ging in die Küche, um auf meinem heim­lich mit­ge­brachten Laptop zu ver­folgen, wie der FCK sich in der Rele­ga­tion gegen die haus­hoch über­le­gene TSG 1899 Hof­fen­heim ver­geb­lich mühte.

Mitt­ler­weile habe ich mir abge­wöhnt, für den Fuß­ball zu weinen. Auch am Wochen­ende habe ich nicht geweint, als der 1. FC Kai­sers­lau­tern in Bie­le­feld so abge­stiegen ist, wie es im Grunde nur der FCK kann. Mit einer 3:2‑Niederlage nach 2:0‑Führung. Mit applau­die­renden Fans im Gäs­te­block, die den Spie­lern in der schwersten Stunde ihrer Anhän­ger­schaft Trost spenden. Drama konnten sie am Bet­zen­berg schon immer.

Egal in wel­cher Liga

Ich weiß nicht, wie auf­merksam ich das Pro­jekt Wie­der­auf­stieg in der kom­menden Spiel­zeit begleiten werde. Dieses Jahr habe ich nicht jedes Spiel sehen können und ehr­li­cher­weise auch nicht immer sehen wollen. Nichts­des­to­trotz hat da im Herbst 2004 in meiner Brust etwas Wur­zeln geschlagen, das sich nicht ver­leugnen lässt. Der 1. FC Kai­sers­lau­tern hat mir keine Titel geschenkt. Aber was sind schon Titel?

Jedes Mal, wenn ich zum Spaß­kick mit Kol­legen noch mal das alte Lau­tern-Trikot aus dem Schrank hole. Jedes Mal, wenn ich dann doch ein­schalte und mich ent­gegen bester Vor­sätze wieder fürch­ter­lich auf­rege, spannt dieser Verein ein rotes Band der Erin­ne­rung zu einem Men­schen, den ich sehr geliebt habe. Dafür werde ich immer dankbar sein. Egal in wel­cher Liga.