Jonas Eriksson, Sie sind einer der zwölf offi­zi­ellen Euro-Refe­rees. Wir wollen mit Ihnen über Ihre all­täg­li­chen Pro­bleme auf dem Platz reden. Kennen Sie die Doku­men­ta­tion Les Arbi­tres“, die das Leben der Schieds­richter bei der EM 2008 nach­zeichnet? Darin bekommt der Schweizer Unpar­tei­ische Mas­simo Bus­acca beim Match Schweden gegen Grie­chen­land einen Wut­an­fall, weil ihm der vierte Offi­zi­elle via Headset mit­teilt, dass es im Zen­trum des Spiel­ortes Salz­burg stürmt.
Ich weiß! Ich habe den Film mehr­mals gesehen. Bus­acca schreit wut­schnau­bend in sein Mikro: Shut up, it’s not my pro­blem!“ Sehr witzig. Ich hätte mich wohl ein biss­chen zurück­hal­tender aus­ge­drückt.

Wie denn?
Viel­leicht hätte ich gefragt: Bist du seit Neu­estem Metereo­loge?“

Welche Infos will ein Referee sonst noch unter keinen Umständen wäh­rend des Spiels bekommen?
Ob ich bei einer Ent­schei­dung richtig lag. Schließ­lich kann ich nichts mehr ändern. Manchmal sagen mir Assis­tenten, dass die Wie­der­ho­lung auf der Anzei­ge­tafel bestä­tigt hat, dass ich richtig lag. Auch das will ich eigent­lich erst wissen, wenn das Spiel vorbei ist.

Wie halten Sie es mit Kennt­nissen zu den Spie­lern?
Ich möchte auf keinen Fall wissen, wer in Gefahr schwebt, sich eine Gelb­sperre abzu­holen. Das will ich erst erfahren, wenn es aktuell wird. Im Februar 2012 gab ich im Spiel Zenit St. Peters­burg gegen Ben­fica Lis­sabon Pablo Aimar eine glas­klare Gelbe Karte und er reagierte voll­kommen über. Zunächst ver­stand ich den Auf­stand nicht, dann erklärte mir mein Assis­tent über Funk, dass Aimar nun im nächsten Spiel gesperrt sei. Solche Infos sind wichtig. Ich will auch wissen, dass ich bereits sechs direkte Frei­stöße für die Heimelf gepfiffen habe. Nicht, weil es mich hin­dern würde, auch den siebten zu pfeifen. Aber es erklärt mir, warum die Aus­wärts­mann­schaft so ange­fressen ist.

Wäh­rend der Euro­pa­meis­ter­schaft treten Sie mit einem Team an, das kom­plett aus schwe­di­schen Refe­rees besteht. Ein Vor­teil?
Wir in Schweden rufen: Pfeif!“ Das ist klar und unmiss­ver­ständ­lich. Eine Silbe. Einmal hatte ich einen vierten Offi­zi­ellen aus Hol­land, der schrie: Free kick!“ Das ist kein gutes Wort, weil es im Eifer des Gefechts schwer ist, mehr­sil­bige Wörter zu ver­stehen. Foul“ wäre eine bes­sere Alter­na­tive gewesen. Beson­ders fies ist es mit Dia­lekten.

Warum?
Ich habe mal in Litauen ein Match mit zwei schwe­di­schen Kol­legen aus Schonen gepfiffen. Einer an der Linie, der andere war der vierte Offi­zi­elle. Der Ball rollte an der Sei­ten­linie ent­lang, und eine Stimme sagte irgendwas, das sich anhörte wie „… war draußen“. Ich konnte nicht aus­ma­chen, wessen Stimme es war, und hatte den Ball auch nicht im Aus gesehen. Aber der Lini­en­richter stand besser, und ich nahm an, er habe gespro­chen, und so ent­schied ich auf Ein­wurf. Nein, nein, der war nicht draußen“, sagte er dar­aufhin. Er war es gar nicht gewesen, son­dern mein Assis­tent hatte mit mir geredet und dabei wohl gesagt, dass einer draußen warte, also gemeint: Nächster Wechsel!“ Ich schnauzte den Lini­en­richter an: Nun zeig Ein­wurf an, ver­dammt!“ Die Spieler begriffen nichts, und ich tat, als ob alles seine Rich­tig­keit habe.

Bei der EM treffen 16 unter­schied­liche Natio­na­li­täten auf­ein­ander. Sie spre­chen angeb­lich sechs Spra­chen.
Das ist leicht über­trieben. Ich kann ein wenig Spa­nisch, etwas Deutsch, ein paar Bro­cken Ita­lie­nisch: Danke, hallo, gut, stop, neun Meter …“ Simple Fuß­ball­sprache. Man muss als Schieds­richter nicht beson­ders sprach­be­gabt sein. Die meisten EM-Spieler spielen ohnehin im Aus­land und können meh­rere Spra­chen.

Pro­bleme, sich ver­ständ­lich zu machen, kennen Sie also nicht?
Mit Kör­per­sprache und Mimik kommt man sehr weit. Wenn ein Spieler über die Stränge schlägt, zeige ich ihm mit einem Augen­auf­schlag, dass ich wütend bin. Natür­lich bin ich nicht wirk­lich wütend, aber ich habe da mein schau­spie­le­ri­sches Reper­toire. Gesichts­aus­drücke sind uni­ver­sell – ich kann schwe­disch spre­chen und mit meinem Körper deut­lich machen, was ich sage.

Und wenn ein Spieler doch mal auf dem Schlauch steht?
Wenn ich eine kom­ple­xere Bot­schaft habe als Hör auf damit!“, lasse ich den Kapitän oder den Trainer, der Eng­lisch spricht, antreten. Dann sage ich: Nur damit du Bescheid weißt: Deine Nummer zwei agiert zu aggressiv. Wun­dere dich nicht, wenn der bald raus­fliegt.“ Es ist wichtig, den Spie­lern eine Chance zu geben, sich zu bes­sern. Wenn ich ihnen Respekt ent­ge­gen­bringe, respek­tieren sie auch mich.

Kol­legen sagen, Sie hätten für einen Schieds­richter eine außer­ge­wöhn­liche soziale Kom­pe­tenz.
Man muss sich auf dem Platz treu bleiben. Vor zehn Jahren pfiff ich ein Spiel zwi­schen einer let­ti­schen und einer rus­si­schen Mann­schaft. Nie­mand sprach Eng­lisch, aber ich machte mich mit Händen und Füßen ver­ständ­lich. Genauso kom­mu­ni­ziere ich heute mit den Spie­lern von Milan oder Barca in der Cham­pions League.

Sie sind einer der wenigen Schieds­richter, die mit den Profis ab und an noch einen Gag machen.
Da kommt das Soziale wieder ins Spiel. Wenn ich weiß, wie ein Spieler drauf ist, kann ich bei einem Konter schon mal sagen: Streng dich an, ich nehm den ersten Pfosten.“ Oder wenn einer total am Ende ist und mich fragt, wie lange noch nach­ge­spielt wird, sage ich gerne mal: Nur zehn Minuten!“

So ein Scherz kann aber auch dane­ben­gehen.
Ich ver­suche immer, auf der sicheren Seite zu bleiben. Wenn einer einen Elfer ver­siebt, ist sicher nicht der Zeit­punkt für Witze. Und wenn mich einer ver­wun­dert anguckt, dreh ich mich ein­fach um und laufe weg.