Dieses Buch ist der Freund­schafts­dienst an einen Ver­stor­benen, und das allein könnte es der Ver­klä­rung ver­dächtig machen. Ronald Reng lebt als Autor in Bar­ce­lona und lernte dort vor acht Jahren Robert Enke kennen, als der Tor­hüter gerade zum FC Bar­ce­lona gewech­selt war. Schon bald sprach Enke dar­über, dass er gerne mit Reng nach dem Ende seiner Kar­riere ein Buch dar­über schreiben würde. Immer wieder mal sagte Enke, dass er sich Notizen gemacht hätte, »damit ich nichts ver­gesse.« Was dem Autor zu Leb­zeiten seines Tor­wart­freundes nie klar war: Ver­mut­lich wollte Enke darin auch seinen Kampf mit der schreck­li­chen Krank­heit offen­baren, die Depres­sion heißt. Nachdem Enke ihn ver­loren hatte, als er sich am 10. November letzten Jahres auf die Gleise stellte, emp­fand es der Autor als einen unaus­ge­spro­chenen Auf­trag, das Buch ohne ihn zu schreiben.



»Ein allzu kurzes Leben« hätte an großer Nähe und per­sön­li­cher Betrof­fen­heit schei­tern können, doch Reng ver­wan­delt sie in die große Stärke des Buches. Er will wissen, was seinen Freund umge­trieben hat und arbeitet sich durch das Tage­buch Enkes, wo er dessen dun­kelste Gedanken in den Zeiten findet, als die Depres­sion akut ist. (2. November 2009: »Nur Selbst­vor­würfe.«) Die Familie und engsten Freunde geben ihm so offen Aus­kunft wie ehe­ma­lige Trainer, Mit- und Gegen­spieler. Auf diese Weise ent­steht ein kom­plexes Bild der Per­sön­lich­keit Enkes und der Krank­heit, die für ihn letzt­lich töd­lich endete.

»Die Angst vor Feh­lern setzte ihm zu, dieses Denken: Wenn ich nicht der Beste bin, bin ich der Schlech­teste«, sagt Dirk Enke, der Vater des Tor­hü­ters. Als talen­tierte Nach­wuchs­keeper rückt sein Sohn schon mit 16 Jahren in die A‑Jugend des FC Carl Zeiss Jena auf und will nach dem ersten Spiel mit dem Fuß­ball auf­hören, weil er sich in der höheren Alters­klasse über­for­dert fühlt. »Die Seele erin­nert sich immer an diese Grenz­erfah­rungen«, meint Dirk Enke, der als Psy­cho­the­ra­peut arbeitet. Und wirk­lich erlebt sein Sohn ähn­liche Situa­tionen wie­der­holt. Bei seinem dritten Spiel als Profi, Jena tritt beim VfB Leipzig in der zweiten Liga an, kas­siert Robert Enke einen halt­baren Treffer und bittet seinen Trainer zur Halb­zeit, ihn aus­zu­wech­seln. Als er 1999 den Ver­trag in Lis­sabon unter­schrieben hat, liegt er nur Stunden später wei­nend auf dem Bett seines Hotel­zim­mers und will die Unter­schrift wieder rück­gängig machen.

»Glück­lich, wenn ich nur Ersatz­spieler bin«

In den ersten Wochen in Por­tugal muss ihn seine Frau Teresa immer wieder ermu­tigen. »Zum täg­li­chen Trai­ning bei Ben­fica begleitet sie ihn, als bringe sie ihn ins Kran­ken­haus«, schreibt Reng. Doch damals erlebt Enke keine Depres­sion, sta­bi­li­siert sich wieder und ver­bringt bei Ben­fica die glück­lichste Zeit seiner Kar­riere. Es ist die Zeit einer posi­tiven Eska­la­tion, wie sie im Laufe seiner Kar­riere immer wieder vor­kommt. »Je mehr ihn die Leute für seine Ruhe und Sou­ve­rä­nität lobten, desto abge­klärter spielte er, ohne die Wech­sel­wir­kung zu bemerken.«

In Por­tugal spielt Enke so stark, dass ihn 2001 Man­chester United ver­pflichten will, Sir Alex Fer­guson ruft per­sön­lich an. José Mour­inho möchte ihn zum FC Porto holen, doch Enke wech­selt 2002 zum FC Bar­ce­lona, wo gerade Louis van Gaal Trainer ist. Sein erstes Spiel, im Pokal bei einem Dritt­li­gisten, wird jedoch zum trau­ma­ti­schen Erlebnis. Er ver­schuldet Gegen­tore, wird hin­terher von Mann­schafts­ka­pitän Frank de Boer öffent­lich kri­ti­siert und ist fortan nur noch Ersatz. «Manchmal glaube ich: ich bin fast glück­lich, wenn ich nur Ersatz­spieler bin«, sagte er. Halb­herzig beginnt er damals eine Gesprächs­the­rapie, doch ein Jahr später wird es richtig schlimm. Nach nur einem Spiel für Fener­bahce Istanbul flieht er aus der Türkei und bedarf nun drin­gender Behand­lung. Er fühlt sich von allem über­for­dert, die Depres­sion ist erst­mals aus­ge­bro­chen.



Es geht in diesem Buch nicht allein um die Krank­heit und die Frage, woher sie kommt. Doch sie schwingt immer mit, wenn Jupp Heynckes seinen Tor­wart in Lis­sabon als neben dem Argen­ti­nier Fer­nando Redondo unge­wöhn­lichsten Spieler beschreibt, mit dem er je zusam­men­ge­ar­beitet hat: »Die beiden waren nicht nur beson­dere Fuß­baller, son­dern beson­dere Men­schen, respekt­voll, sozial intel­li­gent.«

Enke ist ein sen­si­bler Keeper, der seiner Frau kleine Gedichte schreibt, sich aus­dau­ernd sozial enga­giert und Kon­kur­renten gegen­über immer fair bleibt. Als Timo Hil­de­brand nicht zur EM 2008 nomi­niert wird, ver­sucht er, den Tor­hü­ter­kol­legen zu trösten. Auch Sven Ulreich vom VfB Stutt­gart ruft er an, weil er findet, dass der junge Keeper im Fern­sehen fälsch­li­cher­weise kri­ti­siert wurde. Auf der anderen Seite ver­schweigt Reng aber auch nicht, dass Enke zunächst fast eifer­süchtig auf öffent­li­ches Lob für René Adler reagiert, seinen jungen Kon­kur­renten im Natio­naltor, bevor sich beide doch anfreunden.

»Als ob der Zugang zu seinem Gehirn redu­ziert würde«


So ist dieses viel­schich­tige Buch, das auch über die üppige Länge von mehr als 400 Seiten nie red­selig wirkt, nicht weniger als die beste Bio­gra­phie, die hier­zu­lande bis­lang über einen Fuß­ball­spieler geschrieben wurde. Es trägt über­dies zum Ver­ständnis der bis­lang in vielen Aspekten noch uner­klär­baren Volks­krank­heit Depres­sion bei. »Es war, als ob der Zugang zu seinem Gehirn auf einen kleinen Spalt redu­ziert würde, durch den nur noch nega­tive Regungen hin­durch­schlüpften, Angst, Stress, Trau­rig­keit, Zorn, Über­for­de­rung, Erschöp­fung.« In diesen Momenten wird der Tod für den an Depres­sion Erkrankten vor allem zur Mög­lich­keit, »dass diese Fins­ternis ver­schwindet«.

»Ein allzu kurzes Leben« ist aber auch ein Buch über Tor­hüter. Der pas­sio­nierte Ama­teur­keeper Reng lie­fert viele genaue Beschrei­bungen und findet schöne Sätze, wie Tor­hüter das Spiel erleben. Es geht dabei um die Grenz­erfah­rung und den Rausch, Kopf­bälle aus nächster Nähe zu halten, um die Kunst des rich­tigen Stel­lungs­spiels, unter­schied­liche Stile der Keeper und die Frage, wo die Nähte auf den Tor­wart­hand­schuhen sein sollten. Reng erklärt auch, warum Keeper oft gar nicht so sehr dar­unter leiden, vom Gegner den Kasten voll­ge­hauen zu bekommen, wie man das ver­muten könnte. »Die Ein­sam­keit des Tor­hü­ters ist lite­ra­risch oft über­höht und bedauert worden, aber für den Tor­wart einer unter­ge­henden Mann­schaft ist sie oft ein Segen. Er spielt sein eigenes Spiel und findet in der Nie­der­lage seine Siege.« Die Tragik von Robert Enke lag darin, dass er auf­grund seiner Krank­heit zum Schluss selbst in seinen Siegen nur noch Nie­der­lagen sehen konnte.