Rainer Bonhof, Max Eberl, Sie eint, dass Sie als Aktive beide nicht als Fili­gran­tech­niker bekannt waren.
Rainer Bonhof: Aber ich habe erheb­lich mehr Tore gemacht als der Max.

In 205 Erst- und Zweit­li­ga­spielen haben Sie, Max Eberl, keinen ein­zigen Treffer erzielt. Selbst beim Stande von 3:0 gegen den Chem­nitzer FC schei­terten Sie kurz vor Abpfiff beim Elf­meter.
Max Eberl: Daran hatte aller­dings der dama­lige Borussia-Trainer Hans Meyer gewich­tigen Anteil. Es war das letzte Spiel der Saison 2000/01, wir waren auf­ge­stiegen, ein herr­li­cher Son­nentag, Jubel­stim­mung. Als wir in der Schluss­phase den Elfer bekamen, skan­dierte das ganze Sta­dion meinen Namen. Aber Hans glaubte fälsch­li­cher­weise, dass Arie van Lent noch Tor­schüt­zen­könig werden könne, er wollte mich zurück­halten und schrie die ganze Zeit, wäh­rend ich von unserem Sech­zehner zum geg­ne­ri­schen Elf­me­ter­punkt lief. Mit diesem unmensch­li­chen Druck konnte ich nicht umgehen.

Haben Sie als Funk­tionär mehr Kil­ler­instinkt als auf dem Rasen?
Eberl: Ich hatte als Fuß­baller viel­leicht keinen Kil­ler­instinkt, dafür aber eine aggres­sive, jäh­zor­nige Ader. Den Jäh­zorn habe ich inzwi­schen abge­legt, aber eine gewisse Hart­nä­ckig­keit habe ich mir erhalten.

Hans Meyer nannte Sie den Vorzeige­indianer vom Nie­der­rhein“.
Eberl: Hans ist der Über­zeu­gung, dass man allein mit Häupt­lingen kein Fuß­ball­spiel gewinnt. Ich war immer ein ein­satz­freu­diger Spieler, der dort war, wo es brannte, aber ich war von meinen spie­le­ri­schen Qua­li­täten eben kein Häupt­ling.

Als Sport­di­rektor kommen Sie mit der Rolle als Häupt­ling aber ganz gut zurecht.
Eberl: Ich sehe mich auch in der Funk­tion nicht als der mit dem rie­sigen Feder­schmuck, son­dern als einer, der in einer Schar von India­nern das letzte Wort hat.

Rainer Bonhof, Sie waren es, der Max Eberl 1999 als Spieler zur Borussia holte.
Bonhof: Ich kannte den Max schon viel länger. Er spielte in der U20-Natio­nalelf, mit der wir uns 1992 für die WM in Aus­tra­lien qua­li­fi­zierten.

Sie hatten ihn seit damals auf dem Zettel?
Bonhof: Als ich 1998 die Borussia als Trainer über­nahm, brauchte ich einen Spieler, der hinten auf­räumt und mit seinem Ein­satz­willen, dieser All­zeit-bereit-Men­ta­lität, die Mann­schaft und das Publikum in dieser schwie­rigen Zeit mit­reißt. Und da es nicht zwin­gend not­wendig war, dass er als Außen­ver­tei­diger auch Tore macht, habe ich ihn mit Kuss­hand genommen.

Nur fünf Monate nach Ihrer Ankunft erlebten Sie den ersten Glad­ba­cher Bun­des­li­ga­ab­stieg in der Ver­eins­ge­schichte.
Eberl: Schon in den ersten Tagen merkte ich, dass hier vieles im Argen lag. Rainer opferte sich als Trainer auf, die Sache wieder in die Bahn zu bringen. Aber ansonsten lief es sehr chao­tisch ab.

Bonhof: Ich hatte für das Trai­neramt bei Borussia meinen Job beim DFB auf­ge­geben. Aber als ich ins ope­ra­tive Geschäft ein­ge­stiegen war, dachte ich nur: Hal­le­luja“. Die finan­zi­ellen Schwie­rig­keiten waren so ekla­tant, dass wir im Winter mit einem Bus zum Spiel fuhren, bei dem im hin­teren Bereich die Hei­zung kaputt war. Der Klub hatte kein Geld, den Schaden zu beheben, also habe ich die Repa­ratur aus eigener Tasche bezahlt. Die Situa­tion eska­lierte, als uns Mate­rial im medi­zi­ni­schen Bereich fehlte, weil wir nicht mal das mehr finan­zieren konnten.
Eberl: Die Herren, die im Winter 1998/99 meinen Ver­trag unter­schrieben hatten, waren drei Wochen nach meiner Ankunft alle­samt weg. Ich habe des­halb auf der Geschäfts­stelle nach­ge­fragt, ob mein Ver­trag über­haupt noch gültig sei.

Sie äußerten schon 1991, dass Sie sich nach der Lauf­bahn eine Tätig­keit im Manage­ment vor­stellen könnten.
Eberl: Komi­scher­weise habe ich mich nie groß für den Trai­ner­beruf inter­es­siert. Womög­lich lag es daran, dass ich in 13 Jahren beim FC Bayern mit­be­kommen habe, wie Uli Hoeneß aus einem Asche­platz das Trai­nings­zen­trum an der Säbener Straße auf­baute. Struk­tu­relles Denken fas­zi­niert mich.

Hofften Sie, dass bei einem Chaos­klub wie Borussia ein Posten abfallen könnte?
Eberl: Als ich mit 31 Jahren meine Lauf­bahn been­dete, spielte ich sport­lich nicht mehr erste Geige, hätte aber in der zweiten Liga durchaus noch ein paar Jahre kicken können. Doch ich wollte bei einem großen Verein auf­hören. Des­wegen war es keine Frage, was ich tue, als Chris­tian Hoch­stätter mir anbot, das Nach­wuchs­zen­trum zu über­nehmen. Ich hatte das Prinzip der Hol­länder vor Augen: Die Manager und Trainer vom PSV oder Ajax haben alle in der Jugend­ar­beit ange­fangen.

Bonhof: Max hatte auf diese Weise einen wich­tigen stra­te­gi­schen Vor­teil, als er vier Jahre später zum Sport­di­rektor auf­stieg.

Inwie­fern?
Bonhof: Er hat im Nach­wuchs­be­reich dieses Klubs gelernt und dabei mit­be­kommen, welche Fehler seine Vor­gänger machten und wie man sie ver­meidet. Das sorgt dafür, dass ihm heute kaum noch Fehler unter­laufen.

Welche Fehler macht er denn noch?
Eberl: Rainer, du Sack, warum lässt du hier Raum für Spe­ku­la­tionen? (Lacht.)

Bonhof: Naja, im Bereich Lau­gen­brezel“ kannst du nur schwer wider­stehen. Im Ernst, ich habe als Vize­prä­si­dent nur wenige Wochen nach seiner Beru­fung zum Manager ange­fangen. Und wir ver­folgten von Anfang an eine gemein­same Linie. Uns war allen klar, dass wir die Jugend stärker ein­binden wollen und dass wir jede Ver­pflich­tung genau abwägen. Wir haben im Prä­si­dium immer noch mal drü­ber­ge­guckt, so dass seitdem fast jeder Transfer gegriffen hat.

Es heißt, Sie besäßen über jeden poten­ti­ellen Transfer ein detail­liertes Dos­sier.
Eberl: Da steht vieles drin, ange­fangen bei den sport­li­chen Stärken und Schwä­chen, bis hin zu Auf­fäl­lig­keiten wie zum Bei­spiel Fahr­zeug­kon­trollen, Schlä­ge­reien oder Alko­hol­ex­zessen.

Wie kommen Sie an solche Infor­ma­tionen?
Eberl: Das macht unser Inter­nets­cout, im Netz kriegt man inzwi­schen auch ohne NSA viel über einen Men­schen raus. Diese Dos­siers bringen natür­lich nicht die abso­lute Sicher­heit, ob ein Spieler cha­rak­ter­lich zu uns passt, aber zumin­dest eine 80-pro­zen­tige.

Wie muss man sich die Dis­kus­sionen im Prä­si­dium vor­stellen?
Eberl: Wir haben wöchent­lich eine Sit­zung. So sind alle Ent­scheider ständig auf dem Lau­fenden. Das halte ich auch für wichtig, würden wir uns nur alle vier Wochen treffen, kann es nach drei Nie­der­lagen sonst schnell mal in eine Kri­sen­sit­zung umschlagen. So aber führen wir viele gute, auch kon­tro­verse Gespräche, in denen das Prä­si­dium fragt: Herr Eberl, haben Sie auch dies und jenes bedacht.“ Aber ich bin sehr froh, dass mit Rainer Bonhof und Hans Meyer dort geballte sport­liche Kom­pe­tenz sitzt.

Auf der einen Seite der fra­gile Lucien Favre, auf der anderen der streit­bare Hans Meyer, dazwi­schen mode­rieren Eberl und Bonhof – und schwei­gend dahinter die anderen Prä­si­di­ums­mit­glieder?
Bonhof: Nein, da wird Plus und Minus abge­wogen, alle bringen sich ein. Wenn 90 Pro­zent für einen Transfer stimmen, gibt’s keine wei­teren Fragen, liegen wir drunter, muss aus­führ­li­cher gespro­chen werden.

Eberl: Lucien und ich tragen einen Transfer ja erst an das Prä­si­dium heran, wenn wir über­zeugt sind. Aber natür­lich kann es vor­kommen, dass einer wie Hans Meyer kri­ti­sche Fragen stellt. Es ist ja der Sinn unserer Treffen, dass wir noch mal eine Außen­sicht bekommen. Und wenn wir diese Fragen nicht beant­worten könnten, würde das bedeuten, dass wir schlecht vor­be­reitet wären.
Sie haben erlebt, dass die Borussia um die Jahr­tau­send­wende fast pleite war. Wie schwer fällt es, für einen Spieler wie Luuk de Jong vor der Saison 2012/13 ins­ge­samt 12 Mil­lionen Euro locker zu machen?
Eberl: Wenn wir uns ein umfas­sendes Bild von einem Spieler gemacht haben, bin ich auch bereit, so eine Ent­schei­dung zu fällen. Denn nach einer langen Phase der Kon­so­li­die­rung sind wir heute in der ange­nehmen Situa­tion, die kom­pletten Trans­fer­erlöse in die Ent­wick­lung der Mann­schaft ste­cken zu können. Dank einer fan­tas­ti­schen Arbeit des Klubs in finan­zi­eller Hin­sicht.

Wie sehr erschüt­tert es die Borussia dann, wenn der Rekord­transfer De Jong den Erwar­tungen nicht gerecht wird?
Eberl: Hätten wir die Ver­pflich­tung auf Pump gemacht, hätte es uns fun­da­mental erschüt­tert. Keine Frage. Wir haben aber nur das inves­tiert, was uns zur Ver­fü­gung stand, des­halb ist es zu ver­kraften, auch wenn ich zugebe, dass es nicht unbe­dingt schön war. Aber es gibt auch Soft Facts bei diesem Transfer.

Das heißt?
Eberl: Luuk de Jong war ein Profi, den viele Klubs holen wollten, aber er hat sich für uns ent­schieden. Das war ein Ent­wick­lungs­schritt. Und er hat mit seinen Spielen und Toren dazu bei­getragen, dass wir Achter geworden sind. Wären wir Zwölfter geworden, wären Raf­fael und Max Kruse mit Sicher­heit nicht zu uns gewech­selt. Eigent­lich hatten wir die Idee, dass die Drei gemeinsam spielen sollten, aber es ent­wi­ckelte sich so, dass nur Raf­fael und Kruse har­mo­nierten.

Mussten Sie sich viele dumme Sprüche wegen des De-Jong-Trans­fers anhören?
Eberl: Wenn ein Spieler, der so teuer war, wenig Ein­satz­zeiten bekommt, ist es logisch, dass da mal ein Kom­mentar kommt. Aber noch mal: Wir haben es auch wegen dieses Spie­lers geschafft, Borussia Mön­chen­glad­bach zu sta­bi­li­sieren.

Auch eine Sicht auf die Dinge …
Eberl: Es geht uns nicht zwin­gend ums inter­na­tio­nale Geschäft, es geht darum, hier lang­fristig etwas zu ent­wi­ckeln. Die Saison 2012/13 war eine vor­ent­schei­dende Spiel­zeit für den wei­teren Weg von Borussia. Der achte Rang ist in jeder Hin­sicht ein Schritt in die rich­tige Rich­tung.

Bonhof: Ent­schei­dend ist, dass wir uns ein­stellig in der Tabelle wie­der­finden. Wenn wir stabil auf­ge­stellt sind, wird uns der Weg mit­tel­fristig dann auch nach Europa führen.

Klingt nach viel Rea­li­täts­sinn. In wel­chen Punkten ähneln sich der Manager Max Eberl und sein legen­därer Vor­gänger Helmut Gras­hoff?
Bonhof: Kann man nicht ver­glei­chen. Gras­hoff hat den Etat noch als Torte auf ein Stück Papier gekrit­zelt. Die grö­ßeren Stücke waren Günter Netzer oder Hacki Wimmer, und irgendwo ganz klein kam dann auch der kleine Onkel Bonhof. Da habe ich gesagt: Herr Gras­hoff, nehmen Sie dem Netzer doch ein biss­chen was weg.“ Das wollte er aber nicht, also blieb alles beim Alten. Diese Struk­turen haben sich völlig ver­än­dert. Gras­hoff hat mit vier Mann die Geschäfts­stelle geschmissen, heute haben wir hier 100 Ange­stellte. Aber beide, Max und der Gras­hoff, wussten und wissen, dass man diesen Klub mit viel Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und wirt­schaft­li­chem Ver­stand ent­wi­ckeln muss.

Hätten Sie sich in den Sieb­zi­gern vor­stellen können, dass die sport­liche Füh­rung der Borussia einst von einem Schweizer und einem Nie­der­bayern gestellt würde?
Bonhof: Helmut Gras­hoff war Han­seat. Den Ein­fluss von außer­halb gab es also auch damals schon. Und nun muss ich fest­stellen, dass sogar aus dem Süden Impulse kommen können, die der Borussia sehr gut tun.

Hängt es Ihnen nicht zum Hals raus, immer noch an den glor­rei­chen Sieb­zi­gern gemessen zu werden?
Eberl: Wegen der Foh­lenelf“ wird dieser Klub stets eine Aus­nah­me­stel­lung haben. Die Geschichte von Glad­bach ist ein­zig­artig, aber sie war durch die Miss­erfolge der letzten Jahre auch etwas ange­staubt. Wir ver­su­chen nun, diese Idee in die Gegen­wart zu über­setzen. Borussia wurde mit vielen Eigen­ge­wächsen aus der Region groß, heute ver­su­chen wir uns einen Stel­len­wert mit Eigen­ge­wächsen zu erar­beiten, die wir aus Frank­furt, aus Aalen oder aus Mün­chen holen. Wir müssen eine neue Story schreiben, ohne die Ver­gan­gen­heit zu ver­drängen.

Und? Gelingt es Ihnen?
Eberl: Bei vielen alt­ein­ge­ses­senen Fans hat meines Erach­tens ein Umdenken ein­ge­setzt, als wir im Früh­ling 2011 in der Rele­ga­tion spielten und par­allel die Übernahme­ambitionen der selbst­er­nannten Initia­tive Borussia“ den Klub erschüt­terten. Da wurde vielen klar, dass man nicht mehr in der Ver­gan­gen­heit ver­harren darf.

Damals ver­suchte eine Gruppe um Stefan Effen­berg und Horst Köppel, die Ver­eins­füh­rung zu stürzen. Was wäre pas­siert, wenn die Initia­tive Borussia“ zu jener Zeit tat­säch­lich die Macht über­nommen hätte?
Bonhof: Die hätten den Verein auf­ge­teilt und Anteile an Inves­toren ver­kauft, was aus meiner Sicht einem Todes­ur­teil gleich­ge­kommen wäre. Zum Glück ist es uns damals gelungen, den Druck von der Mann­schaft weg­zu­halten, die Klasse zu halten und die Ver­eins­mit­glieder von unserem Weg zu über­zeugen.

Eberl: Mich hat damals fas­zi­niert, wie sehr sich die Mit­glieder mit dem Klub iden­ti­fi­zierten. Die Men­schen sind nicht blind­lings großen Namen gefolgt, son­dern haben sich beide Kon­zepte ange­hört und sich letzt­lich für unseren Weg ent­schieden. Die offene Dis­kus­sion mit Argu­menten bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung mit fast 7000 Anwe­senden emp­fand ich als ein hef­tiges Gewitter, es schlug uns ordent­lich um die Ohren – aber am Ende hatte es etwas Rei­ni­gendes.

Erst die Ret­tung in der Rele­ga­tion, dann nur drei Tage später der Umsturz­ver­such der Initia­tive Borussia“. Wie kommen Sie mit sol­chen Stress­mo­menten zurecht?
Eberl: Bei Spielen bin ich gene­rell ganz froh, auf der Bank zu sitzen. Auf der Tri­büne würde ich wäh­rend des Spiels garan­tiert in einer Tour geg­ne­ri­sche Auf­sichts­räte belei­digen. Beim Spiel muss ich meine Emo­tionen aus­leben, aber in den poli­ti­schen Fragen kann ich mich auch zurück­halten. Zumal die Ent­schei­dung, wel­cher Füh­rung das Ver­trauen geschenkt wird, damals in der Hand der Mit­glieder lag.

Gab es in dieser Phase den­noch Momente der Ohn­macht?
Eberl: Meine Familie war ein wich­tiger Rück­halt. Hätte es Anfein­dungen gegen meinen Sohn in der Schule oder gegen meine Frau gegeben, wäre mein Auf­trag hier erle­digt gewesen. Es gab eine Situa­tion, als Medien meine Frau mit­ver­ant­wort­lich für das sport­liche Dilemma machten, weil sie mut­maßten, sie habe mich genö­tigt, Michael Front­zeck als Trainer ein­zu­stellen, weil sie gut mit Michaels Frau befreundet ist. Dagegen sind wir juris­tisch vor­ge­gangen und hatten am nächsten Tag eine unter­schrie­bene Unter­las­sungs­er­klä­rung. Aber an der Stelle, das gebe ich zu, spürte ich auch einige Momente lang Ohn­macht.
Lucien Favre sagt, es brauche noch ein paar Jahre und gute Ein­käufe, bis Mön­chen­glad­bach wieder auf Augen­höhe mit dem FC Bayern spielt. Was meinen Sie?
Eberl: Stand heute können wir sagen, dass Bayern Mün­chen nicht nur uns, son­dern vielen Ver­einen welt­weit ent­eilt ist. Der Klub macht seit 30 Jahren erfolg­reiche Arbeit, das können wir selbst mit aus­schließ­lich rich­tigen Ent­schei­dungen nicht binnen kurzer Zeit auf­holen. Glad­bach hat in den ver­gan­genen Jahren 55 Mil­lionen Euro für Trans­fers aus­ge­geben, der FC Bayern im glei­chen Zeit­raum 296 Mil­lionen Euro. Und über Gehalt will ich gar nicht reden. Das heißt nicht, dass es für alle Zeiten unmög­lich ist, die Bayern ein­zu­holen. Aber kurz­fristig und vor allem nach­haltig wird es nicht klappen.

Schmerzt Sie als echtes Fohlen“ so eine Aus­sage, Rainer Bonhof?
Bonhof: Nein, das müssen wir akzep­tieren. Und wir reden nicht nur über eine Domi­nanz der Bayern in Deutsch­land, gegen­wärtig können die Jungs jedes Team der Welt schlagen.

Ihr Fern­ziel kann lang­fristig also maximal Platz 2 oder 3 in der Tabelle sein?
Eberl: Sagen wir so: Unser Ziel könnte es irgend­wann sein, die Bayern so zu ärgern, wie es der BVB zuletzt gemacht hat. Wir sind auf einem guten Weg, vor zwei Jahren haben wir beide Liga­spiele gewonnen und sind im DFB-Pokal erst im Elf­me­ter­schießen gegen die Münchner aus­ge­schieden.

Bonhof: Nadel­stiche setzen, immer wieder kleine Nadel­stiche setzen …

Marc André ter Stegen ist von klein auf bei Borussia. Wäre es nicht wichtig, diesen Spieler als Symbol für die neue Ära des Klubs zu halten?
Bonhof: Glauben Sie mir, wir haben alles ver­sucht, aber wenn ein Klub wie der FC Bar­ce­lona kommt, sind unsere Ein­fluss­mög­lich­keiten begrenzt.

Eberl: Eigen­ge­wächse zu halten, ist gera­dezu eine Pflicht, wenn es um die DNA eines Klubs geht. Aber außer Bayern Mün­chen, dem FC Bar­ce­lona, Man­chester United und Real Madrid gibt es auf der Welt kaum noch Ver­eine, die das können. Der BVB konnte Mario Götze nicht halten und Schalke 04 nicht Manuel Neuer.

Sie leben inzwi­schen ganz gut davon, Spieler billig ein­zu­kaufen, zu ent­wi­ckeln und teuer abzu­stoßen. Mar­cell Jansen ging für 10,8 Mil­lionen Euro nach Mün­chen, Marco Reus für 17,5 Mil­lionen Euro nach Dort­mund, Marco Marin für 8,2 Mil­lionen Euro nach Bremen.
Eberl: Ich werde auch nie­mandem vor­heu­cheln, dass wir alle großen Spieler halten können. Da bin ich Rea­list. Es hilft nichts, zu sagen: Wir armen Glad­ba­cher!“ Wenn so ein Angebot wie jetzt für ter Stegen kommt, muss ich zusehen, den höchst­mög­li­chen Betrag für ihn raus­zu­schlagen. Und anschlie­ßend heißt es: Brust raus und ab auf die Suche nach einem adäquaten Ersatz.“

Aller­dings lässt sich mit Geld nicht jeder Abgang kom­pen­sieren, wie man am Bei­spiel von Luuk de Jong sieht.
Eberl: Als wir 2012 Dante, Roman Neu­städter und Marco Reus ver­kauften, haben viele dar­über geredet, dass wir nun 30 Mil­lionen Euro zum Inves­tieren hätten. Aber nie­mand hat dabei berück­sich­tigt, dass wir Spieler im Wert von 50 Mil­lionen Euro ver­loren haben. Am Ende der Saison standen zwei von denen im Cham­pions-League-Finale. Aber ganz ehr­lich: Sollte der große FC Bar­ce­lona unseren 21-jäh­rigen Tor­wart als Nummer eins ver­pflichten, dann emp­finde ich bei aller Wehmut auch ein gehö­riges Stück Stolz. Früher gingen unsere Spieler zu Werder Bremen, zu Han­nover 96 oder zum VfB Stutt­gart, also zu Klubs, die mit uns auf Augen­höhe spielten. Heute wech­seln sie zu Cham­pions-League-Fina­listen.

Das heißt, Sie sind mit 17,5 Mil­lionen Euro für ter Stegen zufrieden?
Eberl: Zu der Zahl sage ich nichts. Sie müssen bei so einer Ver­ein­ba­rung auch den Zeit­punkt berück­sich­tigen, an dem sie fixiert wird. Den Ver­trag mit Marco Reus habe ich ver­län­gert, als wir Tabel­len­letzter waren. Einen Ver­trag, der sonst ohne Ablöse aus­ge­laufen wäre. Wir haben damals eine Aus­stiegs­op­tion rein­schreiben lassen, bei der alle sagten: Der Eberl hat sie nicht alle! Glad­bach steigt ab, wer soll da 17 Mil­lionen Euro für Reus bezahlen?“ Aber was glauben Sie, was ich für Beschimp­fungen per Mail erhielt, als wir Reus nach Dort­mund ziehen lassen mussten. Dabei hatten wir dafür gesorgt, dass wir den bis dato höchsten Trans­fer­erlös unserer Geschichte erzielten.

Der Druck des Fuß­ball­ge­schäfts kommt bei Ihnen also mit­unter auch per Mail an.
Eberl: Ent­ziehen kann ich mich dem jeden­falls nicht. Ich bin auch schon auf offener Straße so ange­spro­chen worden, dass es unter die Gür­tel­linie ging.

Meine Herren, der letzte Titel liegt 2015 bereits 20 Jahre zurück. Wann kann sich Borussia end­lich wieder etwas in den üppigen Brief­kopf schreiben?
Eberl: Der DFB-Pokal scheint mir von allen Titeln gegen­wärtig am ehesten erreichbar. Die Meis­ter­schaft, das gebe ich zu, ist noch weit weg.

Wann also wird die Borussia wieder in altem Glanz erstrahlen?
Eberl: Das kann nie­mand sagen, aber schauen Sie sich die Ent­wick­lung von Marc André ter Stegen an. Er steht exem­pla­risch dafür, was ein Nach­wuchs­spieler hier errei­chen kann. Natür­lich ist es schade, wenn so ein Spieler geht, aber er ver­bes­sert auf diese Weise auch unsere Ver­hand­lungs­mög­lich­keiten, wenn wir uns um Talente bemühen, an denen auch Bayern, Werder oder der BVB dran sind.

Bonhof: Als Max hier vor zehn Jahren im Nach­wuchs­be­reich anfing, hatten wir einen ein­zigen Jugend­na­tio­nal­spieler, heute haben wir 18. Das beweist, wie inter­es­sant wir im euro­päi­schen Ver­gleich für junge Spieler geworden sind. Zumin­dest an dieser Stelle knüpfen wir an eine Phi­lo­so­phie an, der einst der Mythos von der Foh­lenelf“
ent­sprang.