Hin­weis: Dieser Text erschien zuerst in unserer Aus­gabe #155 im Oktober 2014. Das Heft könnt ihr bei uns im Shop bestellen.

Selbst hier kann man sich sofort vor­stellen, bei ihm in der Kabine zu sitzen und nervös mit den Stollen auf dem Boden her­um­zu­kla­ckern. Weil man end­lich raus und den Gegner vom Platz fegen will, wenn Holger Sta­nis­lawski gespro­chen hat. Dabei ist von einem Fuß­ball­platz im Bespre­chungs­raum seines Super­markts weit und breit nichts zu sehen. Aber Sta­nis­lawski ist eben Enthu­siast, ob es um Fuß­ball geht oder um Hüh­ner­eier.

Neu­lich etwa ist er zu dem Hüh­nerhof gefahren, der seinen Super­markt mit Eiern belie­fert. Nun erzählt er begeis­tert, wie groß­artig es für ihn war, dass auf einer rie­sigen Frei­fläche plötz­lich vier­tau­send Hühner auf ihn zukamen und an seinen Schuhen pickten. Dabei gab es um mich herum so ein ganz beson­deres Geräusch, wie ich das noch nie gehört habe“, sagt Sta­nis­lawski und hält ehr­fürchtig einen Moment inne.

Umsatz wie ein großer Zweit­li­gist

Nein, dieser Mann macht nichts nur irgendwie. Oder wie er selber sagt: Wofür ich mich auch ent­scheide, ob hier für den Laden, als Trainer oder im Manage­ment eines Klubs zu arbeiten, dafür brenne ich lich­terloh.“ Der­zeit lodert Stani in seinem Super­markt. Wer sich beim Stich­wort Super­markt aller­dings kichernd fragen sollte, ob Super­märkte für Leute aus dem Fuß­ball inzwi­schen das sind, was früher mal Lotto-Toto-Annah­me­stellen waren, darf kurz die Luft anhalten. Das ist kein Bauch­laden“, sagt Sta­nis­lawski.

Um es vor­sichtig zu for­mu­lieren, denn sein Super­markt hat eine Fläche von 6200 Qua­drat­me­tern, dazu kommen noch 1000 Qua­drat­meter Lager, was ins­ge­samt unge­fähr der Größe eines Fuß­ball­felds ent­spricht. 100 Ange­stellte hat der Laden, die sich um 25 000 Kunden in der Woche küm­mern. Und wem das zur rich­tigen Ein­schät­zung immer noch nicht reicht: Der Laden macht mit 27,5 Mil­lionen Euro im Jahr unge­fähr so viel Umsatz wie ein grö­ßerer Zweit­li­gist.

Ich bin ja immer etwas schräg und inter­es­siert an vielen Dingen“, sagt Sta­nis­lawski. Wobei er diesem Inter­esse nicht allein nach­geht. Dabei ist neben dem ehe­ma­ligen HSV-Profi Alex­ander Laas noch ein Freund, der über Jahr­zehnte Erfah­rung im Geschäft ver­fügt und die ganze Sache ein­ge­fä­delt hat. Außerdem gehört REWE wei­terhin ein Fünftel des Marktes im wohl­ha­benden Win­ter­hude.

Wir wollen mit dem Gebäude spielen“

Sta­nis­lawski ist kein stiller, son­dern ein sehr umtrie­biger Teil­haber und der­zeit fast dau­ernd vor Ort. Ich eigne mir täg­lich neue Dinge an und bekomme immer mehr Fach­wissen.“ Schließ­lich soll nicht nur der Status quo ver­waltet werden, son­dern der Markt im alten Stra­ßen­bahn­depot von 1927 dem­nächst noch einmal kom­plett umge­baut werden. Wir wollen ein Stück weit mit dem Gebäude spielen.“ Das Angebot soll über­dies noch hoch­wer­tiger werden, wes­halb sich Sta­nis­lawski nicht nur auf Hüh­n­er­höfen her­um­treibt, son­dern auch auf der Suche nach dem besten Fleisch ist. Wie immer an allen Details inter­es­siert, küm­mert er sich darum, dass die Rinder oder Schweine nicht aus der Bil­lig­schlach­tung kommen.

Ange­sichts von so viel Enthu­si­asmus könnte man fast denken, dass es sich beim Holger Sta­nis­lawski des Spät­som­mers 2014 bereits um einen ehe­ma­ligen Trainer han­delt. Doch das wäre ein Irrtum, denn nach seiner Vor­stel­lung greift sowieso eins ins andere. Was er als Trainer gelernt hat, kann er im Super­markt gebrau­chen. Ich habe auch hier ein Team aus Mit­ar­bei­tern und eine Spiel­fläche, auf der ich mich bewege. Braucht man vier Innen­ver­tei­diger? Und wie viele Leute braucht man an der Käse­theke? Das liegt gar nicht so weit aus­ein­ander.“ Was er im Super­markt lernt, begreift er zudem als Mana­ger­schu­lung, falls ich mich dazu ent­scheide, nicht mehr tag­täg­lich auf dem Platz zu stehen“.

Ein Super­markt als Fort­bil­dungs­maß­nahme

Der Super­markt ist also Fort­bil­dungs­maß­nahme und macht ihn auch unab­hän­giger. Nicht nur finan­ziell, son­dern weil er was zu tun hat, das ihn inter­es­siert, und er ein Angebot als Trainer nicht nur annehmen muss, um vom Sofa run­ter­zu­kommen. Wobei: Nach 20 Jahren durch­gängig im Pro­fi­fuß­ball hatte ich im letzten Jahr keine Pro­bleme, mich selbst zu beschäf­tigen.“ Sehr wohl auch mit Fuß­ball. Sta­nis­lawski ist zu einigen Spielen der Cham­pions League gereist, oder hat Sami Hyypiä in Lever­kusen und seinem alten Freund Marc Fascher bei Rot-Weiss Essen über die Schulter geschaut. Viel nach­ge­dacht über die Trai­ner­ar­beit hat er auch, wie ein Spon­tan­vor­trag über die Koh­le­hy­drat­spei­cher von Ersatz­spie­lern belegt. 

Inter­es­sante Ange­bote gab es seit seinem Rück­tritt beim 1. FC Köln ver­gan­genes Jahr etliche, etwa vor dieser Saison vom 1. FC Nürn­berg. Ein hoch­in­ter­es­santer, toller Klub, von der Tra­di­tion her­aus­ra­gend.“ Sta­nis­lawski hätte jedoch seine Co-Trainer nicht mit­bringen können, also sagte er ab. Es muss halt alles passen, so unab­hängig ist er nun schon. Natür­lich gibt es Klubs, die mich wahn­sinnig inter­es­sieren und für die ich hier mein aktives Enga­ge­ment ruhen lassen würde.“ Aber das muss keine Eile haben, die Freuden der Fleisch­theke sind noch längst nicht erschöpft.