Als ich ein kleiner Junge war, gab mir meine Mutter einen Spitz­namen: Bommel. Ver­mut­lich, weil ich immer etwas größer, schwerer und bol­liger wirkte als die gleich­alt­rigen Kinder in unserer Nach­bar­schaft. Ich wurde älter und die anderen größer. Ich verlor meinen Spitz­namen. Erst in der Bunten Liga meiner Uni­stadt Mar­burg holte ich ihn mir zurück und ließ ihn auf mein Trikot flo­cken. Da war der Nie­der­länder Mark van Bommel längst ein inter­na­tional bekannter Dreck­sack. Wir wurden unge­wollte Namens­vet­tern. Und auch unsere Spiel­stile ähnelten sich. Wir wollten gewinnen, ob nun gegen Tur­bine Torhagel oder Borussia Dort­mund. Und dafür war uns jedes Mittel recht. Als vor einiger Zeit wäh­rend einer Mit­fahr­ge­le­gen­heit zwi­schen Mar­burg und Berlin der Name Bommel“ fiel, erin­nerte sich der Bei­fahrer mit fol­genden Worten an mich: Das war doch dieses Arsch­loch mit der komi­schen Frisur!“ Ganz genau. Ich bin mir sicher, auch Mark van Bommel ist stolz darauf, wenn man sich in ein paar Jahren so an ihn erin­nert.

Gelbe Karten. Für die Mann­schaft

Meine Zeit in der Bunten Liga ist längst vorbei und tut auch nichts zur Sache. Nur kamen all die alten Erin­ne­rungen an wüste Grät­schen, Body­checks und Wort­ge­fechte auf den Mar­burger Kno­chen­bre­cher-Wiesen hoch, als Mark van Bommel am ver­gan­genen Wochen­ende seine Kar­riere been­dete. Mit einer Gelb-Roten Karte in der 70. Minute zwi­schen seiner Mann­schaft PSV Eind­hoven und Twente Enschede. Stil­echt, bei­nahe form­schön. Manchmal musst du eben Gelbe Karten für deine Mann­schaft holen“, hat van Bommel mal in einem Inter­view mit der Sport Bild“ gesagt. Ein schöner Satz wie ich finde.

Hier geht’s lang: Mark van Bom­mels Kar­riere in Bil­dern »>

Fuß­ball-Ästheten ist diese Sicht der Dinge schwer zu ver­mit­teln. Ein Fuß­baller wie Mark van Bommel, den Ottmar Hitz­feld einst tref­fend als Aggres­sive Leader“ beschrieb, ist im Jahr 2013 so unmo­dern wie die Schlag­hose. Seine Nach­folger in der Defen­siv­zen­trale, die Schwein­s­tei­gers, Xabi Alonsos und Ben­ders, ver­richten ihre Arbeit offenbar ähn­lich erfolg­reich, ohne dabei Gift und Galle zu spu­cken. Sie müssen keine Gegen­spieler mehr über die Bande“ treten, um mal ein Zei­chen“ zu setzen. Doch als die deut­sche Natio­nal­mann­schaft, neben den Spa­niern die Vor­zei­ge­truppe für alle Fuß­ball-Ästheten, 2010 und 2012 vor­zeitig aus den großen Tur­nieren aus­schied, da schrie das Volk nach den Über-die-Bande-Tre­tern und Zei­chen­set­zern. Nach Fuß­bal­lern, die zwar Fuß­ball spielen, aber im Zweifel eben auch mal Arsch­loch sein können. Nach den Mark van Bom­mels dieser Welt.

Obwohl: Gibt es sie noch, Spie­ler­typen wie van Bommel? Oder ist, war, der 36-Jäh­rige der Letzte seiner Art? Ist diese Form des Gewin­ner­typs, der zur Not eben den Bad Boy spielt, viel­leicht mit dem Kar­rie­re­ende von Mark van Bommel aus­ge­storben? Es wäre schade drum.

Denn van Bommel war ja nicht nur Böse­wicht, er war vor allem ein Sieger. 20 Titel hat der Mit­tel­feld­spieler gewonnen, dar­unter Meis­ter­schaften in den Nie­der­landen, Spa­nien, Ita­lien und Deutsch­land, sowie 2006 die Cham­pions League mit dem FC Bar­ce­lona. Titel waren seine Antriebs­feder, seine Moti­va­tion. Wie es sich für einen Leis­tungs­sportler gehört. Wenn Pro­fi­fuß­baller sagen, dass ihnen das schöne Spiel mehr bedeute als gewon­nene Titel, dann lügen sie. Oder waren bis­lang nicht gut genug. Mark van Bommel hat mal gesagt: Du musst am Ende die Auto­gramm­karte umdrehen und schauen, was einer gewonnen hat. Dafür spielst du Fuß­ball: um sagen zu können, das und das habe ich gewonnen.“ Des­halb werden wir uns auch noch in 20 Jahren an ihn erin­nern: weil er so viel gewonnen hat.

Viel­leicht geht es ihm dann wie Stefan Effen­berg, der wäh­rend seiner Kar­riere das Arsch­loch-Image ver­passt bekam und es so lange hegte und pflegte, bis man fast vergaß, was für ein toller Fuß­baller er doch eigent­lich war. Heute ist Effen­berg zwar noch immer nicht Everybody´s Dar­ling“, aber kein ver­nünftig den­kender Mensch würde ernst­hafte Zweifel an seiner fuß­bal­le­ri­schen Klasse äußern. Über Effen­berg hat Mark van Bommel 2010 im Inter­view mit der FAZ“ gesagt: Es macht mich ein wenig stolz, mit Effen­berg ver­gli­chen zu werden. Einem Mann, der fuß­bal­le­ri­sche Qua­li­täten hatte, der aber eine Mann­schaft auch führen und ein­stellen konnte.“

Eier muss man haben

Führen und ein­stellen. Wie macht man das? Ein guter Fuß­baller muss man sein, das sowieso. Und auf der rich­tigen Posi­tion spielen. Außen­ver­tei­diger Philipp Lahm wird eine Mann­schaft nie so führen können, wie Bas­tian Schwein­s­teiger. Vor allem aber braucht es Auto­rität und die Lust daran. Wer keiner Fliege etwas zu Leide tun kann, wer sich vor der Ver­ant­wor­tung drückt, ist für den Job nicht geeignet. Eier haben“, hat das van Bommel mal genannt. Und nicht nur Oliver Kahn wusste, was er damit meinte.

Der hat dich beein­flusst mit seiner Kör­per­sprache, seinem Gesichts­aus­druck. Er hatte eine natür­liche Auto­rität. In der Kabine hat jeder nur geschaut, ob der Kapitän da ist.“ So hat sich Mark van Bommel an sein Vor­bild und frü­heren Mit­spieler Luc Nilis erin­nert. So einer wollte er damals, in seinen Anfangs­jahren beim PSV Eind­hoven Ende der neun­ziger Jahre, auch sein. So einer ist er später in Bar­ce­lona, Mün­chen, Mai­land und zuletzt wieder Eind­hoven geworden und gewesen. So hat er seine Auto­gramm­karte voll bekommen.

Jetzt ist Schluss. Mit einem Tritt gegen den Knö­chel von Twente-Mann Dusan Tadic hat er seine Lauf­bahn vor­zeitig beendet. Sein Team lag zu diesem Zeit­punkt mit 1:3 zurück. Viel­leicht wollte Mark van Bommel ein Zei­chen setzen. Manchmal braucht eine Mann­schaft einen Push, wenn sie ein Spiel noch drehen will.“ Auch so ein Satz von ihm. Viel­leicht wollte er sich auch mit einem seinem Image ange­mes­senen Knall von der großen Bühne ver­ab­schieden.

Wahr­schein­lich kam er aber ein­fach zu spät in den Zwei­kampf. Es ist Zeit zu gehen.