Vor etwas mehr als acht Jahren ver­sam­melte sich eine sehr bunte Truppe in Wien-Flo­rids­dorf. Bunt war sie zum einen, weil sehr viel Grün und Weiß zu sehen war. Und auch, weil sich Ver­treter von zwei ver­wandten, aber doch sehr unter­schied­li­chen Sport­arten ein­ge­funden hatten. Zuerst hielt Rudolf Edlinger eine Rede, der Prä­si­dent des SK Rapid Wien. Dann sprach Michael Eschlböck vom Ame­rican Foot­ball Bund Öster­reich. 

Schließ­lich musste, wie das bei sol­chen Anlässen unver­meid­lich ist, auch noch ein Poli­tiker die Stimmer erheben, in diesem Fall Heinz Lehner von der SPÖ, der Bezirks­vor­steher von Flo­rids­dorf. Und dann wurde unter dem Bei­fall von Fuß­bal­lern von Rapid und Ame­rican Foot­bal­lern von den Danube Dra­gons ein Stra­ßen­schild ent­hüllt: Toni-Fritsch-Weg.

Toni Dop­pel­pack

Der 2005 ver­stor­bene Fritsch war auch als Wem­bley-Toni“ bekannt, weil er gleich in seinem ersten Län­der­spiel und an eben jenem Ort in die Fuß­ball­ge­schichte seines Landes ein­ging. Am 20. Oktober 1965 ent­eilte der flinke, kleine Außen­stürmer gleich zweimal seinem Bewa­cher Nobby Stiles und traf dop­pelt. Öster­reich fei­erte an jenem Tag einen sen­sa­tio­nellen 3:2‑Sieg im Wem­bley-Sta­dion gegen ein eng­li­sches Team, das nur neun Monate später Welt­meister werden sollte. 

Eines der beiden Tore von Fritsch, ein ful­mi­nanter Distanz­schuss mit seinem berühmten rechten Fuß, deu­tete viel­leicht schon ein wenig an, wel­chen zweiten Kar­rie­reweg Toni ein­schlagen sollte. Denn als die Dallas Cow­boys sechs Jahre später auf einer Euro­pa­tour durch Wien kamen und erwähnten, dass sie nach einem Spe­zia­listen suchten, der so eine Art ruhenden Ball weit und prä­zise treten konnte, emp­fahl Öster­reichs Natio­nal­trainer Leo­pold Stastny den Ame­ri­ka­nern den Star von Rapid: Fritsch. Der Fuß­baller hatte einiges von seiner Schnel­lig­keit ein­ge­büßt, aber er wusste immer noch, wie man Wucht hinter einen Schuss bekam. 

Fritsch sprach kein Wort Eng­lisch und hatte noch nie ein Foot­ball-Ei gesehen. Die Gäste aus Texas fuhren mit ihm in den 19. Bezirk, denn dort standen noch einige Foot­ball-Tore, die US-Sol­daten in den fünf­ziger Jahren errichtet hatten. Fritsch trat den Ball über die Quer­stange und unter­schrieb noch an Ort und Stelle einen Ver­trag. Der Öster­rei­cher war erfreut und auch biss­chen amü­siert dar­über, dass man ihm gutes Geld zahlte, um – wie er sagte – einen komi­schen Sport aus­zu­üben“.

Er wusste ein­fach nur, wie man einen Ball tritt“

Doch er schlug sofort ein. Gleich in seinem ersten Spiel, im November 1971 gegen die St. Louis Car­di­nals, wurde Fritsch beim Stand von 13:13 zwei Minuten vor dem Ende auf den Rasen geschickt, um ein Field goal zu erzielen. Einer der Gegen­spieler rief ihm zu You choke, you choke!“ – du wirst unter dem Druck ver­sagen. Doch Fritsch konnte ihn ja nicht ver­stehen, also lief der Ex-Fuß­baller ein­fach an, trat den Ball durch die Stangen und holte die sieg­brin­genden Punkte.

Etwas mehr als zwei Monate später, im Januar 1972, wurde er der erste – und bisher ein­zige – Öster­rei­cher, der den Super Bowl gewann, im Finale gegen die Miami Dol­phins. Vier Jahre später stand er noch mal im End­spiel, doch da ver­loren die Cow­boys. Als Fritsch seine zweite Kar­riere 1985 been­dete, waren ihm 157 Field goals gelungen, dar­unter 13 am Stück in den Play­offs. Gil Brandt, der für die Per­so­nal­ent­schei­dungen der Cow­boys ver­ant­wort­lich war, sagte: Von dem Tag, an dem er zu uns kam, war er einer der Jungs. Er hatte keine Ahnung von Ame­rican Foot­ball, er wusste ein­fach nur, wie man einen Ball tritt.“

Fritsch ist nicht der ein­zige Super-Bowl-Sieger, der als Fuß­baller begonnen hat. (Der Ame­ri­kaner Matt Bahr spielte in der 2. US-Liga Soccer, bevor er mit den Pitts­burgh Stee­lers und den New York Giants Erfolge fei­erte.) Aber er ist der ein­zige, der auch im Fuß­ball wich­tige Titel holte, denn er sam­melte drei Meis­ter­schaften und zwei Pokale in Öster­reich. Und so vergaß er nie den Sport, der ihn eigent­lich bekannt gemacht hatte. Als er im Alter von nur 60 Jahren an einem Herz­an­fall starb, hatte er gerade seine Ein­tritts­karten für ein Cham­pions-League-Spiel zwi­schen Rapid und dem FC Bayern abge­holt. 

Inter­es­san­ter­weise ist der Mann, dessen Leis­tungen in beiden Sport­arten denen von Fritsch noch am nächsten kommen, eben­falls ein Öster­rei­cher: Anton Toni“ Lin­hart. Er bestritt in den 1960ern sechs Län­der­spiele für die Fuß­ball­na­tio­nalelf seines Landes und war später bei den Bal­ti­more Colts in der NFL unter Ver­trag. Zwei Jahre in Folge, 1975 und 1976, kamen die Colts in die Play­offs, schafften es aber nicht zum Super Bowl. In beiden Sai­sons wurde Lin­hart aller­dings ins Pro-Bowl-Team gewählt (also zum All-Star-Spiel der NFL berufen), woran ersicht­lich wird, dass er nicht nur ein großer Fuß­baller war, son­dern auch ein richtig guter Foot­baller.

Rüdes Freund­schafts­spiel

Trotzdem kennen manche Leute Lin­hart aus ganz anderen Gründen. Er spielte näm­lich eine wich­tige Rolle bei einem der skan­da­lö­sesten Spiele auf bri­ti­schem Boden. Es wurde am 8. Mai 1963 zwi­schen dem Gast­geber Schott­land und Öster­reich in Glasgow aus­ge­tragen und war ein Freund­schafts­spiel. Aller­dings nur auf dem Papier, muss man hin­zu­fügen, ruft man sich ins Gedächtnis, was der Schotte Dave Mackay über die Partie berich­tete: Ich glaube, alles fing damit an, dass sie uns bespuckten. Die drehten wirk­lich durch, sie waren nicht mehr richtig im Kopf.“ 

Elf Minuten vor dem Ende führten die Schotten 4:1. Öster­reich spielte nur noch mit acht Mann, weil man einen ihrer Akteure ver­letzt vom Platz getragen hatte und zwei andere des Feldes ver­wiesen worden waren. (Horst Nemec wegen Meckerei, Erich Hof für etwas, was die bri­ti­sche Presse eine teuf­li­sche Grät­sche in Hüft­höhe“ nannte.) 

Glaubt man Mackay, dann sorgten sich die Schotten nicht um ihre Füh­rung, son­dern um ihren Anführer: Wir ver­suchten, Denis Law zu beschützen, den sie wie einen Hasen hetzten.“ Der Öster­rei­cher, der ihn schließ­lich kriegte, war der Mann, der auch das ein­zige Tor der Mann­schaft erzielt hatte: der zukünf­tige NFL-Star Lin­hart. In der 79. Minute senste er Law um und als der Gefoulte vor lauter Schmerzen nicht sofort wieder auf­stehen konnte, hatte Schieds­richter Jim Finney genug gesehen. Er brach die Partie ein­fach ab. Ich hatte das Gefühl, dass ich das tun musste, bevor jemand wirk­lich ernst­lich ver­letzt wurde“, erklärte Finney anschlie­ßend. Viel­leicht war Lin­hart tat­säch­lich gar nicht so schlecht beim Ame­rican Foot­ball auf­ge­hoben.
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Teile dieses Textes sind dem Buch Wer erfand den Über­steiger?“ ent­nommen. Das man hier (»>) kaufen kann. Und das noch viele wei­tere Ant­worten auf viel zu selten gestellte Fragen parat hat. Zum Bei­spiel: Wer war der erste deut­sche Fuß­ball­profi? Können Ele­fanten Elf­meter schießen? In wel­cher tak­ti­schen For­ma­tion gewann Nord­korea 1966 gegen Ita­lien?