Seite 3: Das Chaos beginnt nun erst richtig

Nach dem miss­glückten Expe­ri­ment mit dem frü­heren Nach­wuchs­coach Ante Covic als Chef­trainer sollte Klins­mann den Verein kraft seiner Aus­strah­lung und Erfah­rung eigent­lich wieder befrieden. Schaut man allein auf die Tabelle, ist ihm das sogar halb­wegs gelungen. Den Abstand auf die Abstiegs­plätze hat er auf sechs Punkte aus­ge­baut. Mit seinem Rück­tritt aber hat Klins­mann den Verein erst richtig ins Chaos gestürzt. So dra­ma­tisch war die Situa­tion ver­mut­lich seit 2012 nicht mehr, als Hertha in einer Saison drei Chef­trainer beschäf­tigte und am Ende unter dem Hau­degen Otto Reh­hagel in die Zweite Liga stürzte.

Dass Michael Preetz nun wieder einen neuen Trainer finden muss, ist womög­lich noch das kleinste Pro­blem. Das heißt aber nicht, dass dieses Pro­blem klein ist.

Einst­weilen über­nimmt Alex­ander Nouri den Posten. Der 40-Jäh­rige wird wohl auch am Samstag, im Spiel beim Tabel­len­letzten SC Pader­born, auf der Trai­ner­bank sitzen. Die Idee aber, dass er dau­er­haft die Ver­ant­wor­tung für die Mann­schaft über­tragen bekommt, halten viele nicht für unbe­dingt erfolg­ver­spre­chend.

Nouri wird als Klins­manns Mann fürs Prak­ti­sche und Tak­ti­sche in erster Linie für die fuß­bal­le­risch unan­sehn­li­chen Auf­tritte des Teams ver­ant­wort­lich gemacht; für das Fehlen eines klaren Plans, vor allem im Spiel nach vorne. Schon in seiner Zeit bei Werder Bremen ist Nouri für seine defen­sive Her­an­ge­hens­weise kri­ti­siert worden. Beim FC Ingol­stadt, seiner zweiten Sta­tion als Chef­trainer im Pro­fi­fuß­ball, hat er dann nicht unwe­sent­lich zum Abstieg aus der Zweiten Liga bei­getragen. Bereits nach acht Spielen wurde Nouri ent­lassen, nachdem der Mann­schaft in diesen acht Spielen kein ein­ziger Sieg gelungen war.

Schnelles und üppiges Wachstum, das ist gewünscht

Braucht Hertha also noch einen wei­teren Inte­rims­trainer bis zum Sai­son­ende? Oder findet Preetz jemanden, der den neuen, geho­benen Ansprü­chen des Ver­eins schon jetzt gerecht wird? Und der vor allem den Ansprü­chen des Inves­tors gerecht wird, dem für Hertha ein schnelles und üppiges Wachstum vor­schwebt.

Bevor Klins­mann Ende November den Trai­nerjob bekam, hat sich Preetz vor allem um den gebür­tigen Ber­liner und frü­heren Hertha-Spieler Niko Kovac bemüht, der gerade erst beim FC Bayern Mün­chen ent­lassen worden war. Mit einem solch ver­gleichs­weise pro­mi­nenten Trainer hätte sich auch Wind­horst anfreunden können, aber Kovac hatte kein Inter­esse. Er will auch jetzt nicht bei Hertha ein­springen, weil er ins­ge­heim auf ein Enga­ge­ment in Eng­land spe­ku­liert.

Mit seinen 224 Mil­lionen Euro hat Wind­horst im ver­gan­genen Sommer 49.9 Pro­zent der Anteile an der Hertha BSC Kom­man­dit­ge­sell­schaft auf Aktien (KGaA) erworben. Gemäß der soge­nannten 50+1‑Regel muss die Stim­men­mehr­heit immer beim Verein liegen. Und tat­säch­lich kann Wind­horst von der bis­he­rigen Ver­eins­füh­rung jeder­zeit über­stimmt werden; de facto aber hat Wind­horst mit seinem Invest­ment zumin­dest das Recht erworben, zu allen wich­tigen Themen gehört zu werden.

Schon bei der Ent­schei­dung für Klins­mann als Trainer hat er maß­geb­lich mit­ge­mischt. Klins­mann war sein Mann. Erst drei Wochen zuvor hatte Wind­horst ihn als einen seiner Ver­treter in den Auf­sichtsrat der KGaA ent­sandt. Und mit Klins­manns Bestel­lung zum Trainer reichte sein Ein­fluss sogar bis in Her­thas Kabine. Dagegen hilft dann auch keine 50+1‑Regel.

Das wird Preetz bedauern“

Ein ehemaliger Hertha-Funktionär nach Klinsmanns Amtsantritt

Ein frü­herer Funk­tionär und intimer Kenner der Bun­des­liga hat schon Ende November, nach Klins­manns Amts­an­tritt als Trainer bei Hertha BSC, pro­phe­zeit: Das wird Preetz bedauern.“ Durch Klins­manns Rück­tritt ist auch die Rolle des Manager noch einmal ver­stärkt in den Fokus gerückt. Hat Preetz jetzt wirk­lich bewiesen, dass sich die Ver­eins­füh­rung nicht von außen rein­reden lässt, son­dern jeder­zeit autark ent­scheidet? Oder hat er Klins­mann weg­ge­bissen, weil er um seine eigene Posi­tion fürchten musste?

Zumin­dest brö­ckelt die Fas­sade vom har­mo­ni­schen Mit­ein­ander, die Preetz seit der Vor­stel­lung Klins­manns errichtet hatte. Es sei seine Idee gewesen, Klins­mann zum Trainer zu machen, hatte er behauptet. Inof­fi­ziell hört man etwas anderes.

Preetz als Mann der Ver­nunft, als Bremser

Inof­fi­ziell hört man auch, dass Preetz auf der Inves­to­ren­seite längst nicht so gut gelitten ist, wie es nach außen den Anschein macht. Preetz hat sich den großen Zielen des Klubs sogar recht offen wider­setzt, als er im Trai­nings­lager in Flo­rida für einen Kurs der wirt­schaft­li­chen Ver­nunft warb und für sich die Rolle des Brem­sers in Anspruch nahm. Man kann sich aus­malen, wie solche Aus­sagen bei Klins­mann und Wind­horst ange­kommen sind, denen es gar nicht schnell genug nach oben geht.

Bisher konnte sich Preetz vor allem der Unter­stüt­zung durch Werner Gegen­bauer sicher sein. Her­thas Prä­si­dent hat ihn immer geschützt und gestützt, selbst nach zwei Abstiegen und erra­ti­schen Per­so­nal­ent­schei­dungen, vor allem auf der Trai­ner­po­si­tion. Bisher aber musste Gegen­bauer nur dem Wider­stand der Mit­glieder stand­halten; durch Wind­horsts Ein­stieg haben sich die Macht­ver­hält­nisse im Verein ver­än­dert.

Auch Jürgen Klins­mann wird wei­terhin ein Faktor sein. In seiner Erklä­rung bei Face­book hat er über das man­gelnde Ver­trauen der han­delnden Per­sonen geklagt. Es sind genau die Per­sonen, die er künftig als Auf­sichtsrat wieder kon­trol­lieren soll. Von seiner Ent­schei­dung, bei Hertha als Trainer auf­zu­hören, hat Klins­mann erst Lars Wind­horst in Kenntnis gesetzt, dann seine Mann­schaft. Erst ganz zum Schluss ist er zu Manager Michael Preetz ins Büro gegangen.

Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Tages­spiegel.