Seite 2: Auf der Titanic

Nur elf Wochen hat Klins­manns Amts­zeit gedauert. Es waren elf inten­sive Wochen, in denen Klins­mann das Bild des Ver­eins bestimmt hat; in denen er Auf­bruch­stim­mung ver­breitet hat, wie es sie bei Hertha seit 20 Jahren nicht mehr gegeben hat. Und in denen der Klub eine mediale Auf­merk­sam­keit erhielt, die nicht seiner sport­li­chen Situa­tion geschuldet war, son­dern allein Klins­mann. Dem Welt­meister. Dem Som­mer­mär­chen-Erfinder. Dem Dau­er­op­ti­misten.

Am Dienstag bekommt Hertha Klins­manns Wucht noch einmal zu spüren. Schon seine Beför­de­rung vom Auf­sichtsrat zum Trainer war eine rie­sige Über­ra­schung; noch viel rie­siger aber ist das Erstaunen über seinen Rückzug. Es ist Klins­manns selbst, der seine Ent­schei­dung per Face­book ver­kündet. Der Verein wird auch von diesem Schritt über­rum­pelt.

Die Erklä­rung endet mit den Worten HaHoHe Euer Jürgen“. Er sei nach langer Über­le­gung zum Schluss gekommen, mein Amt als Chef­trainer der Hertha zur Ver­fü­gung zu stellen und mich wieder auf meine ursprüng­liche lang­fristig ange­legte Auf­gabe als Auf­sichts­rats­mit­glied zurück­zu­ziehen“. Für eine erfolg­reiche Arbeit im Abstiegs­kampf hätte er das Ver­trauen der han­delnden Per­sonen“ benö­tigt.

Das Zer­würfnis über die wei­teren Pläne

Man darf, soll und muss das durchaus als Kritik an Michael Preetz ver­stehen. Dahinter steckt jedoch nicht der Ärger über mög­liche Kritik des Mana­gers an den dürf­tigen Auf­tritten der Mann­schaft unter Klins­mann. In Wirk­lich­keit resul­tiert das Zer­würfnis aus den unter­schied­li­chen Ansichten über das wei­tere Vor­gehen nach dem Sommer.

Her­thas ursprüng­li­cher Plan sah vor, dass der frü­here Bun­des­trainer, der seinen Lebens­mit­tel­punkt seit mehr als zwei Jahr­zehnten an der kali­for­ni­schen Pazi­fik­küste hat, nur bis zum Ende dieser Saison als Trainer ein­springt.

Aber Klins­mann hat offen­sicht­lich Gefallen an Hertha und Berlin gefunden. Dank Wind­horst und seinen Mil­lionen stehen dem Klub plötz­lich Mög­lich­keiten offen, von denen er vor einem Jahr nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Und Klins­mann hätte von diesen Mög­lich­keiten gerne Gebrauch gemacht, auch über den Sommer hinaus.

Der 55-Jäh­rige hat sich seine Rolle aller­dings eher vor­ge­stellt wie in Eng­land, wo der Trainer die allei­nige sport­liche Ent­schei­dungs­ge­walt innehat, auch bei mög­li­chen Trans­fers. Dadurch wären vor allem die Befug­nisse von Michael Preetz betroffen gewesen. Aus dem Verein wird zudem kol­por­tiert, dass Klins­mann respek­tive sein Berater exor­bi­tante Gehalts­vor­stel­lungen auf­ge­rufen hätten – und ihre For­de­rungen aus­ge­rechnet nach dem desas­trösen Spiel gegen Mainz noch einmal erhöht hätten. Ein­fach nur grö­ßen­wahn­sinnig“, sagt ein Hertha-Funk­tionär. Völlig irre.“

Da ist unglaub­lich viel am Wachsen. Die Mann­schaft spielt immer besser“

Jürgen Klinsmann im Facebook-Livevideo am Montag

Anschlie­ßend ließ er sich von Her­thas Pres­se­spre­cher zu einer Ver­an­stal­tung der Deut­schen Presse-Agentur fahren, wo er für eine gute Stunde auf dem Podium Rede und Ant­wort stand und auf die Teil­nehmer sehr ent­spannt wirkte. Danach brachte der Pres­se­spre­cher Klins­mann zurück in sein Hotel in Mitte.

Das Hotel heißt Titanic.

Bei Hertha haben sie seit Diens­tag­morgen ver­mut­lich auch das Gefühl, sie hätten einen Eis­berg gerammt. Der ganze Verein ist durch Klins­manns Move ins Schlin­gern geraten. Und das betrifft nicht nur die Mann­schaft, die als Tabel­len­vier­zehnter wei­terhin im Abstiegs­kampf steckt. Es betrifft noch viel mehr den Klub und die Frage, wie er sich künftig auf­stellen will.