Seite 2: Kampf um den schönsten Pass

Mats Hum­mels, der im Ver­gleich zu seinem Ver­eins­kol­legen Boateng sogar die noch beein­dru­cken­dere Leis­tung ablie­ferte, sagte dazu: Seit zehn Jahren sage ich im Verein spa­ßes­halber, dass ich die Zehn will, wenn sie jemand abgibt.“ Das war natür­lich nur ein kleiner Gag, machte aber deut­lich, wie sehr sich die Rol­len­ver­tei­lung in einer so varia­blen Mann­schaft wie der deut­schen Aus­wahl ver­schieben kann – wenn es der Gegner denn erfor­dert. Joa­chim Löw erklärte das nach dem 3:0‑Sieg recht anschau­lich: Wir haben erkannt, dass die Abwehr mit Dia­go­nal­bällen und Spiel­ver­la­ge­rung auf­zu­reißen ist, weil sich die Mann­schaft der Tsche­chen im Zen­trum zusam­men­zieht. Mit den Dia­go­nal­bällen kamen wir hinter die Abwehr und haben dort Pro­bleme geschaffen.“

Zucker­pässe von den Wand­schränken

Echte Zucker­pässe“ nannte das der später ein­ge­wech­selte Bene­dikt Höwedes, der zuvor in den Genuss gekommen war, seinen Kol­legen bei ihrer Ball­fer­tig­keit zuzu­schauen. Die beiden Wand­schränke (Hum­mels ist 1,91 Meter groß, Boateng 1,92 Meter) brachten ihre 20 bis 50-Meter-Pässe so sauber an den Mann, dass das Ham­burger Publikum irgend­wann begann, die hohen Bälle mit ent­zücktem Geraune zu begleiten. Das Tiki-Taka hätte sich im Grabe umge­dreht. So regel­mäßig bediente das Duo seine Vor­der­leute, dass Manuel Neuer von einem Battle“ sprach, wer den schönsten Pass spielt“. Gewinner in dieser Kate­gorie: der Außen­ris­t­pass von Mats Hum­mels nach einer halben Stunde von halb­links auf halb­rechts in den Lauf von Mario Götze über die Köpfe der tsche­chi­schen Vie­rer­kette hinweg. Dass das Schieds­rich­ter­ge­spann fälsch­li­cher­weise auf Abseits ent­schied, zeigt, dass der Fuß­ball sich erstmal an diese neue Krea­ti­vität aus der letzten Reihe gewöhnen muss. Wann hat man das denn schon mal gesehen, dass ein Innen­ver­tei­di­gerduo den Rhythmus einer Mann­schaft bestimmt? Nord­ir­land, der mor­gige WM-Quali-Gegner sollte viel­leicht dar­über nach­denken, Boateng und Hum­mels in Mann­de­ckung zu nehmen.

Zeit­gleich gibt ein Tiki-Taka-Ver­treter seinen Rück­tritt bekannt

Pas­send zum Thema hat der Spa­nier Piqué am heu­tigen Montag seinen Rück­tritt aus der Natio­nal­mann­schaft nach der WM 2018 ange­kün­digt. Der ist zwar nur ein Jahr älter als Jerome Boateng, kommt aber trotzdem aus einer anderen Zeit. Mit Spa­nien wurde er Welt- und Euro­pa­meister, viermal gewann er mit dem FC Bar­ce­lona die Cham­pions League. Er ist noch immer einer der besten Ver­tei­diger der Welt. Aber seine Nach­folger aus Deutsch­land sind gerade dabei, ihn zu über­spielen. Sie wissen ja, wie das geht.