1. FC/SG Dynamo Dresden
2. Platz / 32:20 Punkte / 48:28 Tore 


Es ist eine teure Rück­kehr. Eine Mil­lion Mark lässt sich Dynamo Dresden den Transfer von Heiko Scholz kosten. Jener Scholz, den sie ein paar Jahre zuvor nach Leipzig schickten, als er die hohen Ansprü­chen der Dresdner nicht erfüllen konnte. Nun, im Sommer 1990, als es erst­mals einen Trans­fer­markt nach kapi­ta­lis­ti­schen Regeln gibt, ist er gut genug und wird der teu­erste Kicker der DDR, der ein­zige Spieler, für den ein Ober­li­gist jemals eine sie­ben­stel­lige Summe aus­gibt. Rekord.



Dynamo kann sich das leisten, sie haben gerade Sammer ver­kauft, Kirsten, Traut­mann, Döschner, Pilz, eine halbe Mann­schaft. Ihr Ziel ist trotzdem klar umrissen, sie wollen min­des­tens Zweiter werden, die Bun­des­liga errei­chen. Sie kaufen sogar im Westen ein, holen Sergio Allievi, Peter Lux. Ein biss­chen stolz sind die Sachsen schon auf ihre Bun­des­li­ga­profis, wissen aber auch, dass die ver­meint­li­chen Star­ein­käufe dort nur Bank­drü­cker waren. 

Nach der Wende ver­liert Dynamo eine halbe Mann­schaft

Dynamo hat viel zu ver­lieren, sie sind der belieb­teste Verein der DDR, haben den höchsten Zuschau­er­schnitt der Ober­liga und gerade erst die läh­mende Dominaz des BFC beenden können. Sie haben keine andere Wahl, als die Bun­des­liga zum Ziel zu machen, das sind sie ihrem Selbst­ver­ständnis schuldig. Das Team kann dem enormen Druck stand­halten, am vor­letzten Spieltag siegen sie bei Lok Leipzig und sichern sich den zweiten Platz. Den ent­schei­denden Treffer erzielt: Heiko Scholz. Ein klas­si­scher Fall von aus­ge­rechnet“ – der teu­erste Spieler der DDR trifft gegen seinen Ex-Klub. Trotzdem liegt ein Schatten über der Saison. Das Rück­spiel im Vier­tel­fi­nale des Meis­ter­cups gegen Roter Stern Bel­grad wird wegen schwerer Kra­wallen abge­bro­chen, Dynamo inter­na­tional gesperrt. 

Mit gedämpfter Freude machen sich die Dynamos an die Bun­des­liga, feuern Auf­stiegs­trainer Rein­hard Häfner und holen Helmut Schulte. Häfner gilt als zu weich für die Bun­des­liga, von Schulter erhofft sich Dynamo einen sol­chen Auf­schwung, wie ihn Uwe Rein­ders nach Ros­tock brachte. Der Start in die neue Liga geht trotzdem schief, von Anfang muss Dynamo stram­peln, das Leis­tungs­ge­fälle zwi­schen Ober- und Bun­des­liga ist offen­sicht­lich. Eine völlig neue Her­aus­for­de­rung für einen Kader, der es gewohnt war, um Titel zu spielen. Spät, aber nicht zu spät, fangen sie sich, ein starker End­spurt führt sie auf Platz 14. Für Schulte kommt Klaus Sammer, auch unter ihm legt Dynamo eine Zit­ter­saison hin, wird am Ende 15. 

Zu weich für dei Bun­des­liga

Im Januar 1993 lässt sich ein hes­si­scher Bau­un­ter­nehmer zum Prä­si­denten wählen. Rolf. Jürgen. Otto. Jahre später wird sein Name untrennbar mit dem Nie­der­gang Dynamos ver­bunden sein. Er kommt der Geschäfte wegen nach Dresden, will auf dem ost­deut­schen Bau­markt Fuß fassen. Das Ram­pen­licht auf dem Dynamo-Chef­sessel kommt da gelegen. Er bie­dert sich an („Ich bin jetzt ein Sachse“) und steht zunächst wie ein Retter da, als es ihm gelingt, Kne­bel­ver­träge mit einer Ver­mark­tungs­agentur zu lösen, die Dynamo um den Groß­teil der eigenen Wer­be­ein­nahmen prellt. Auch die in Frage ste­hende Lizenz kann er mit einer pri­vaten Bürg­schaft sichern, aller­dings muss Dynamo mit einem Vier-Punkte-Abzug in die Saison 1993/94 starten. Und ohne Jörg Stübner, dessen Ver­trag nicht ver­län­gert wird. Er steht vor den Trüm­mern seiner Kar­riere. Mit 25 Jahren hatte er schon knapp 50 Län­der­spiele für die DDR auf dem Buckel, war unver­zichtbar im defen­siven Mit­tel­feld, mit dem Mau­er­fall aber wendet sich für ihn alles zum schlechten.

Der Eigen­ver­ant­wor­tung eines Fuß­ball­profis ist er nicht gewachsen, er ver­misst die Rund­um­ver­sor­gung, die Spie­lern in der DDR zuteil wurde. Er kann nur Fuß­ball, ist nicht in der Lage, sein Leben zu orga­ni­sieren. Wäh­rend seine eins­tigen Kol­legen Kar­riere machen, bleibt Stübner hilflos zurück. Nach dem Ende bei Dynamo startet Stübner eine Tin­gel­tour durch die Pro­vinz. Neu­bran­den­burg, Sang­erhausen, Eres­burg-Ober­mars­berg. Er findet Trost im Alkohol. Mit Tabletten zuge­dröhnt rast er gegen ein Wand, absicht­lich, ein Selbst­mord­ver­such. Stübner über­lebt, zieht sich immer weiter zurück, iso­liert sich. Erst anläss­lich des Abschieds­spiels von Ulf Kirsten Ende 2003 tritt er kurz­zeitig wieder in die Öffent­lich­keit. Das alles ahnt im Sommer 1993 natür­lich nie­mand. 

Siggi Held über­nimmt, sport­lich ist es die beste Saison der Dresdner Bun­des­li­ga­jahre. Trotz der Hypo­thek eines Vier-Punkte-Abzugs wird Dynamo 13., der kau­zige Held zum Kult­star. Er ist der Gegen­ent­wurf zum pol­ternden Des­poten Otto, der sich immer wieder in der Öffent­lich­keit lächer­lich macht. Gerüchte über Miß­wirt­schaft und Ver­un­treuung halten sich so hart­nä­ckig, bis sie nicht mehr nur Gerüchte sind. Die Stim­mung kippt, Otto wird zuneh­mend als Pro­blem wahr­ge­nommen. Im August 1995 muss Otto in den Knast, vor­sätz­li­chen Bank­rott, Kon­kurs­ver­schlep­pung und Nicht­ab­füh­rung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trägen – alles im Rahmen seiner Tätig­keit als Bau­un­ter­nehmer – wirft ihm die Staats­an­walt­schaft vor. Zu diesem Zeit­punkt ist Dynamo nur noch Regio­nal­li­gist, aus der Bun­des­liga sind sie abge­stiegen, die 2. Liga traut ihnen der DFB wirt­schaft­lich nicht zu. Lizenz­entzug. In nicht einmal drei Jahren hat Otto den Verein kom­plett rui­niert und dis­kre­di­tiert. 

Der pol­ternde Despot aus Hessen muss in den Knast

Der Regio­nal­liga wird zu Dynamos Tret­mühle, Jahr für Jahr wollen sie auf­steigen, ver­passen ihr Ziel aber immer wieder. Einzig die Zuschau­er­zahlen können ermu­tigen, nach wie vor rennen die Dresdner zu ihrem Verein. Immer wieder können sie neue Trainer begrüßen, unter ihnen auch Rolf Schaf­stall. Der ist ist erst ein paar Wochen da, als er dem Spiegel“ sein Leid klagt. Er sehe überall Dreck, allen fehle der nötige Respekt. Schlu­ßend­lich bringt er es auf den Punkt: Lauter Ossis“.

Am nächsten Tag muss Schaf­stall zum Arbeitsamt. Im Früh­jahr 2000 ver­passt Dynamo die Qua­li­fi­ka­tion zur zwei­glei­sigen Regio­nal­liga. Statt­dessen Ober­liga, Fünfter werden die Schwarz-Gelben dort, ein wei­terer Tief­punkt der Ver­eins­ge­schichte. Das Trai­neramt wird dar­aufhin Chris­toph Franke anver­traut, die erste glück­liche Ent­schei­dung seit langer Zeit. Akri­bisch leistet Franke Auf­bau­ar­beit und erreicht schon in seiner ersten Saison, im Sommer 2002, die Rele­ga­ti­ons­spiele um die Regio­nal­liga gegen die Reserve von Hertha BSC. Nach einem 1:0‑Hinspielsieg ermauern sich die Dresdner vor 14.000 mit­ge­reisten Fans ein 0:0 in Berlin. Ein erster Schritt zurück in die über­re­gio­nale Wahr­neh­mung. Kurz darauf sorgt Dynamo erneut für Schlag­zeilen. Nega­tive. Nach dem Derby gegen den Dresdner SC prü­geln sich 1500 (!) Dynamo-Anhänger mit der Polizei, diese ist scho­ckiert über den hohen Anteil an Mit­läu­fern, die sich an den Kra­wallen betei­ligen.

1500 Dynamo-Anhänger prü­geln sich mit der Polizei

Längst gilt Dynamos Kurve als eine der radi­kalsten und hem­mungs­lo­sesten der Repu­blik, die Vor­fälle nach dem Derby mani­fes­tieren dieses Image. Öffent­lich sucht die Polizei nach den Rädels­füh­rern, ver­öf­fent­licht Fahn­dungs­fotos. Die Kra­walle beschäf­tigen die Presse wie schon lange nicht mehr. Es dauert, bis wieder sport­liche Themen im Vor­der­grund stehen. Trainer Franke macht unbe­irrt weiter und erklimmt die nächste Stufe, 2004 erreicht er mit Dynamo die 2. Liga, neun Jahre nach dem Lizenz­entzug sind die Schwarz-Gelben wieder im Pro­fi­fuß­ball. Dort tun sie sich anfangs schwer, erst­mals wackelt Franke, doch der Verein ent­lässt ihn nicht. Mit einer for­mi­da­blen Rück­runde kann sich Franke für das Ver­trauen bedanken, letzt­end­lich wird Dynamo Achter. Als großer Kredit erweist sich die über­ra­schend gute Plat­zie­rung nicht, ein halbes Jahr später wird Franke dann doch ent­lassen, Peter Pacult über­nimmt, erzielt gute Ergeb­nisse, steigt aber den­noch ab. 

Wieder heisst es Regio­nal­liga, eine neu­er­liche Trai­ner­fluk­tua­tion beginnt. Auf Pacult folgt Nor­bert Meier, auf diesen der eins­tige Meis­ter­coach Eduard Geyer. Inzwi­schen ist aus dem 1. FC wieder die SG Dynamo Dresden geworden. Ein Ver­weis auf bes­sere Zeiten. Geyer gelingt zwar die Qua­li­fi­ka­tion für die 3. Liga, gemessen an den Erwar­tungen hält der Verein das aber für zu wenig – so muss auch Geyer gehen. Mitt­ler­weile steht alles im Zei­chen des Sta­di­on­neu­baus. Um end­lich in einem modernen Sta­dion spielen zu können, macht sich Dynamo völig nackig. Der Verein unter­schreibt einen Nut­zungs­ver­trag, der ihn jähr­lich zur Zah­lung von 2,5 Mil­lionen Euro Miete ver­knackt. Zwölf Jahre soll dies so gehen, ein ziem­li­ches Pro­blem für einen chro­nisch klammen Dritt­li­gisten. Im Falle eines Auf­stiegs müsste Dynamo sogar noch mehr zahlen, weil der Zuschuss der Kom­mune dann ziem­lich gestutzt würde. Ein Ver­trags­werk, dass Dynamo-Idol Ralf Minge dazu bringt, seinen Posten als Geschäfts­führer auf­zu­geben. Als erdrü­ckend betrachtet er die Belas­tungen, die zukünf­tige Kon­kur­renz­fä­hig­keit stellt er in Frage. 

Immerhin spielt Dynamo Dresden nun in der Arena, die sie sich immer gewünscht haben – aber eigent­lich gar nicht leisten können.