Seite 2: „Wir haben in der DDR im eigenen Saft geschmort"

Wir sitzen hier im dama­ligen Mann­schafts­hotel der Münchner unweit des Haupt­bahn­hofes. Fotos von damals zeigen eine Men­schen­traube, die die Münchner emp­fängt.
Wir haben den Trubel gar nicht mit­be­kommen, weil wir schon einen Tag vorher ins Trai­nings­lager gefahren waren: Hin­terher waren wir sehr ent­täuscht, weil wir uns so naiv ver­halten hatten.

Der ganz große Wurf, ein inter­na­tio­naler Pokal, blieb Dresden im Gegen­satz zum 1. FC Mag­de­burg aber ver­wehrt.
Das lag letzt­lich am System. Wir haben all die Jahre zu sehr in unserem eigenen Saft geschmort. Zu Vor­be­rei­tungs­spielen fuhren wir nach Polen oder in die CSSR. Uns fehlten die inter­na­tio­nalen Ver­gleiche. Es wäre auch sinn­voll gewesen, den Spie­lern Ver­eins­wechsel zu ermög­li­chen, ob nun inner­halb der Ober­liga oder ins Aus­land. Neue Trainer, neue Kon­zepte, neue Men­ta­li­täten ken­nen­zu­lernen, bringt einen Spieler immer weiter, mensch­lich und sport­lich.

Heute gilt mög­lichst lang­jäh­rige Ver­eins­treue als höchstes mora­li­sches Gut im Pro­fi­fuß­ball.
Aber das kann man ja auch nicht ver­glei­chen. Heute bleiben die Spieler zwei Jahre bei einem Verein und ziehen dann weiter. Ich habe bei Dynamo fast 20 Jahre Fuß­ball gespielt, weil ich im Prinzip gar keine andere Chance hatte, woan­ders hin­zu­gehen.

Ich war zeitig ver­hei­ratet, Flucht kam nicht in Frage“

Die großen Fuß­baller der DDR bekamen bei inter­na­tio­nalen Begeg­nungen gerne mal Ange­bote aus dem Westen. Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, im Westen zu bleiben?
Es gab schon Ver­bin­dungen, Bekannt­schaften und bis­weilen auch Tele­fo­nate mit anderen Ver­einen. Aber letzt­lich hat sich für mich die Frage nicht gestellt. Ich war zeitig ver­hei­ratet und mir war klar, dass eine Flucht schwere Kon­se­quenzen für die Familie daheim gehabt hätte. Man darf zudem nicht ver­gessen, dass jeder, der in den Westen floh, zunächst einmal lange gesperrt wurde. Und mir ist es ja in Dresden als Fuß­baller gut gegangen. Es wäre gelogen, wenn ich jetzt sagen würde, dass alles hier Mist war. Mir hat es an nichts geman­gelt, ich konnte reisen. Die Frau musste natür­lich zu Hause bleiben, aber ich hab durch den Fuß­ball die ganze Welt gesehen.

Sie reisten als Ange­hö­rige der Volks­po­lizei.
Auf dem Papier waren wir Spieler alle­samt Ange­stellte der Volks­po­lizei, der Bezirks­be­hörde. Jeder Spieler hatte seinen Dienst­grad und wurde bei Erfolgen aus­ge­zeichnet. Aber das war nur fürs Pro­to­koll. Der Alltag bestand aus Trai­ning vor­mit­tags, Trai­ning nach­mit­tags und den Spielen am Wochen­ende. Im Prinzip haben wir nur Fuß­ball gespielt.

Nach der Saison 1977/78 wurde Fritzsch in Ehren ver­ab­schiedet, sein Assis­tenz­trainer Ger­hard Prautzsch über­nahm.
Prautzsch hat einen anderen Fuß­ball spielen lassen, vor­sich­tiger und abwar­tender. Das lag uns ein­fach nicht so. Durch die acht, neun Jahre unter Fritzsch waren wir darauf geeicht, anzu­greifen, nach vorne zu spielen. Anfangs hatten wir große Pro­bleme damit. Als dann 1981 Peter Kotte, Mat­thias Müller und Gerd Weber aus der Mann­schaft ent­fernt wurden, war das der Genick­bruch für uns.

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Müller, Kotte und Weber wurden auf dem Flug­hafen Schö­ne­feld ver­haftet, als die Natio­nal­mann­schaft nach Süd­ame­rika fliegen sollte. Weber soll seine Flucht geplant haben, die anderen beiden wurden als Mit­wisser beschul­digt.
Eine merk­wür­dige Situa­tion war das. Wir fuhren nach Süd­ame­rika und blieben dort drei Wochen, wäh­rend­dessen wurden wir infor­miert, dass die drei nach unserer Rück­kehr wieder spielen würden. Erst als wir wieder da waren, erfuhren wir, dass sie aus dem Klub aus­ge­schlossen worden waren und im Prinzip nie mehr spielen würden. Wir waren stark ver­un­si­chert, und das hat man uns auch auf dem Platz ange­merkt. Es hat sicher zwei bis drei Jahre gedauert, bis wir das ver­kraftet hatten.

Fünf Jahre später setzte sich Frank Lipp­mann nach der denk­wür­digen 3:7‑Niederlage bei Bayer 05 Uer­dingen ab. Sowohl Weber als auch später Lipp­mann waren Ihre Zim­mer­ge­nossen. Gerieten Sie da nicht in Erklä­rungsnot?
Ja, im Prinzip war ich immer dabei. Bei Weber wurde nicht bei mir nach­ge­fragt. Bei Lipp­mann musste ich mich erklären. Aber ich hatte tat­säch­lich vorher nichts mit­be­kommen. Ich habe die ganze Nacht mit anderen Spie­lern auf dem Zimmer ver­bracht.

Die große Ära von Dynamo Dresden ging zu Ende. Als neuer Seri­en­meister stand der BFC Dynamo in den Start­lö­chern.
Wir sind 1978 das letzte Mal Meister geworden, danach wurde es schwierig. Die Ber­liner hatten eine gute Mann­schaft, aber durch die Jahre haben wir immer wieder Punkte ein­ge­büßt durch kuriose Ent­schei­dungen. Nur so kann eine Mann­schaft zehnmal hin­ter­ein­ander Meister werden. Wie es wirk­lich um die Kräf­te­ver­hält­nisse bestellt war, sah man immer in den Pokal­end­spielen. Die wurden live im Fern­sehen über­tragen, vor 55 000 Zuschauern, da mussten sie es mit rechten Dingen zugehen lassen und haben auch immer ver­loren. Wenn der Schieds­richter da eini­ger­maßen kor­rekt pfeifen musste, dann waren sie unter­legen. Aber in die Liga sind merk­wür­dige Dinge pas­siert.

Können Sie sich an eine beson­ders krasse Fehl­ent­schei­dung erin­nern?
Wir haben 1979 hier 1:2 ver­loren. Beim Stand von 1:1 geht Hans-Jürgen Rie­diger durch und steht etwa 15 Meter im Abseits. Das ganze Sta­dion hat gepfiffen, wir ver­loren das Spiel.

Hat der Fuß­ball da noch Spaß gemacht?
Die ersten zwei Jahre habe ich das gar nicht so mit­ge­kriegt. Irgend­wann begriffen wir, dass wir gar nicht mehr Erster werden konnten. Da haben wir uns dann auf Platz zwei oder drei oder den Pokal­sieg kon­zen­triert. Wir wollten ja inter­na­tional spielen.