Seite 3: „Für Schewtschenko hatten wir nicht den Wagemut"

1986 been­deten Sie Ihre Kar­riere. Anschlie­ßend arbei­teten Sie im Nach­wuchs­be­reich, beim DDR-Ver­band und schließ­lich lange Jahre beim DFB. Dann wurden Sie als erster ost­deut­scher Trainer von einem Bun­des­li­gisten ver­pflichtet, von Werder Bremen als Nach­folger von Aad de Mos.
Es war ein Wagnis, eine Chance. Ich habe es auch nie bereut. Das war eine ganz wich­tige Erfah­rung für mich. Aber ich würde heute einiges anders machen. Inzwi­schen ist es ja auch üblich, dass man seinen Trai­ner­stab mit­bringt. Ich war damals alleine und bekam eigent­lich ständig mit­ge­teilt, dass Otto Reh­hagel das aber ganz anders gemacht habe.

Als Manager wirkte damals Willi Lemke, nicht gerade ein Fuß­ball­fach­mann.
Prin­zi­piell ist es besser, wenn der Sport­di­rektor aus dem Fuß­ball kommt. Aber Lemke hatte mir von vorn­herein gesagt, er mische sich nicht in sport­liche Dinge ein, davon ver­stehe er nichts.

Es heißt, Sie hätten Bal­lack und Andrij Schewt­schenko ver­pflichten wollen.
Es gab Inter­esse an den beiden. Schewt­schenko war 21 und man sah schon, was das für ein Riese wird. Es ging es um 12 oder 13 Mil­lionen Mark. Den Wagemut hatte man damals nicht. Mit Bal­lack war das im Prinzip das Gleiche. Der kam von Chem­nitz, war weithin unbe­kannt und Werder zu teuer.

Was wurde auf­ge­rufen?
Eine Mil­lion. Das hätte man sicher­lich ver­han­deln können. Aber dann hat Otto Reh­hagel zuge­schlagen. Ich weiß aber nicht, was er bezahlt hat.

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Pic­ture Alli­ance

Hans-Jürgen Dörner, wenn Sie auf Ihre Kar­riere zurück­bli­cken: Gibt es für Sie ein Spiel des Lebens, unver­gess­lich nach all den Jahren?
Es gibt viele Spiele, aber mein erstes Euro­pa­po­kal­spiel war schon beson­ders. Wir haben gegen Leeds United gespielt und 0:1 ver­loren. Durch einen Hand­elf­meter, von mir ver­schuldet. Der Tor­wart war geschlagen und ich habe den Ball im Hecht­sprung über die Latte gelenkt. Damals gab es keine Gelbe Karte, nur Elf­meter. Diese Atmo­sphäre in Leeds war unver­gess­lich. Und dann ist da natür­lich Uer­dingen.

Das Hin­spiel gewonnen, im Rück­spiel 3:1 geführt und am Ende 3:7 ver­loren.
Dafür gibt es keine Erklä­rung. Viele haben spontan gesagt, wir hätten das Spiel ver­kauft. Aber das haben wir nicht. Es gab viele wid­rige Umstände. Unser Stamm­tor­hüter war ver­letzt, dann kriegten wir in der zweiten Hälfte zwei frag­wür­dige Elf­meter gegen uns, dann ging gar nichts mehr. Das kann sich ein Außen­ste­hender nicht erklären.

Wenn man mit frü­heren DDR-Sport­lern spricht, ist die Erfah­rung sehr prä­sent, dass das Geleis­tete aus der Zeit vor der Wende im ver­ei­nigten Deutsch­land wenig gilt. Wie haben Sie das erlebt?
Ich habe das große Glück gehabt, dass der Über­gang durch meine Tätig­keit beim DFB relativ nahtlos erfolgte. Aber es stimmt schon, wenn bei­spiels­weise heute im Fern­sehen über Fuß­ball gespro­chen wird, ist unter den Talk­gästen so gut wie nie einer aus der ehe­ma­ligen DDR dabei. Das finde ich per­sön­lich schade. Denn ich bin mir sicher, die hätten viel zu erzählen.