Auf dem Trai­nings­ge­lände von Olym­pique Mar­seille hetzen Poli­zisten umher. Sie durch­su­chen Büro­räume und tragen meh­rere Akten­ordner heraus. Die sind nicht wegen mir gekommen“, sagt Mar­seilles Mit­tel­feld­spieler Joey Barton auf der Pres­se­kon­fe­renz. Und er ist wohl der ein­zige aktive Profi, bei dem sich bei einem sol­chen Satz in die Erhei­te­rung der Zuhörer auch eine Prise Erleich­te­rung mischt. Joey Barton. Sie nennen ihn Enfant ter­rible“ oder die tickende Zeit­bombe“ und spotten, dass er es fer­tig­bringe, in einem leeren Raum eine Schlä­gerei anzu­fangen. Tat­säch­lich werden die Sicher­heits­be­amten nicht sei­net­wegen bei Olym­pique vor­stellig, son­dern weil sie mut­maß­liche Ver­bin­dungen der Ver­eins­funk­tio­näre zur orga­ni­sierten Kri­mi­na­lität unter­su­chen. Barton aller­dings ist durchaus schon häu­figer mit dem Gesetz in Kon­flikt geraten, er saß wäh­rend seiner Zeit bei New­castle sogar 74 Tage lang im Gefängnis.

Wo soll man anfangen bei einem wie ihm? Ein Profi, der Nietz­sche und Orwell zitiert. Der sich für die Hin­ter­blie­benen der Hills­bo­rough-Opfer ein­setzt. Der einem Mann im Drive-in 20 Mal ins Gesicht schlug. Der seinen Aston Martin weggab und mit dem Mofa und der Bahn zum Trai­ning fuhr. Der einem Mit­spieler eine Zigarre ins Auge drückte, weil dieser ihm das T‑Shirt anzünden wollte. Der Gale­rien besucht und beim Glastonbury“-Festival im Schlamm zeltet. Der als einer der talen­tier­testen Mit­tel­feld­spieler Eng­lands galt und trotzdem nur ein Län­der­spiel bestritt. Der sich mit dem eng­li­schen Ver­band und unzäh­ligen Ver­eins­funk­tio­nären anlegte. Ein Mann, dem fast zwei Mil­lionen Men­schen auf Twitter folgen und der im Netz regel­mäßig poli­ti­sche Debatten anstößt. Für viele Fans ist Joey Barton der nie­der­träch­tigste Fuß­baller über­haupt – wenn sie es milde aus­drü­cken. Leute, die ihn ken­nen­ge­lernt haben, umschreiben ihn hin­gegen durchweg als den net­testen und ange­nehmsten Typ, den man sich vor­stellen kann.

Joey Barton, wer ist in Ihren Augen ein Rebell?
Es gibt sehr viele Ikonen. Man kann Zidane dazu­zählen, nach dem, was er im WM-Finale 2006 getan hat. Che Gue­vara natür­lich. Aber auch jemanden wie Sub­com­man­dante Marcos – einen mexi­ka­ni­schen Revo­lu­tionär, der seine wahre Iden­tität ver­borgen hält. Diese Leute fas­zi­nieren mich, weil sie eine Linie durch­bre­chen, sie sind keine Unter­tanen des Sys­tems. In der Geschichte gab es immer wieder Ver­suche, die Men­schen gleich­zu­schalten, wie Roboter. Bei­spiel Nord­korea. Der Kom­mu­nismus funk­tio­niert nicht, doch auch in anderen Staats­formen geht es auch nur um Kon­trolle über die Men­schen – und weil wir in einer dar­wi­nis­ti­schen Welt leben, wehrt sich nie­mand mehr. Alle haben Angst, ihren Status zu ver­lieren.

2011 gab es jedoch den Ara­bi­schen Früh­ling“.
Ja, doch dabei taten sich keine Ikonen des Wider­standes hervor, die Antriebs­feder waren die sozialen Netz­werke im Internet. Ohne sie hätte sich diese Revolte nie Bahn bre­chen können. Man konnte auch im ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampf sehen, welche Bedeu­tung Twitter mitt­ler­weile hat. Es ist zu einem Spiel­zeug der Macht geworden. Selbst die Unruhen in Eng­land 2011 waren ein Pro­dukt des Inter­nets. Plötz­lich brannten überall die Shops. Doch das war das Pro­blem: Ich hätte ver­standen, wenn sie das House of Par­li­a­ment ange­zündet hätten. Aber einem nor­malen Shop­be­sitzer von nebenan alles zu nehmen – das ist keine poli­ti­sche Bot­schaft, das ist ein­fach nur dumm.

Gibt es im Ver­gleich zu den Sech­zi­gern in der west­li­chen Welt noch etwas, wogegen man rebel­lieren kann?
Natür­lich, wir leben immer noch in einer Gesell­schaft voller Tabus. Solange es Leute gibt, die anderen sagen, was sie tun oder lassen sollen, so lange wird es auch Auf­leh­nung geben. Men­schen, die sich wehren und sagen: Leck mich!“ Die Frage ist dann, wie sie die Gesell­schaft ändern. Ich bin ein großer Fan von George Orwells Buch Animal Farm“.

So bezeichnen Sie auch ganz gerne mal den eng­li­schen Fuß­ball­ver­band.
Ja, aber die haben auch keinen Humor und ver­stehen das gleich als Angriff. In diesem Jahr feiert der Ver­band sein 150-jäh­riges Bestehen, und nie­mand hat mich zur Party ein­ge­laden. Dabei habe ich mit meinen ganzen Straf­gel­dern min­des­tens das Buffet alleine bezahlt. Ich liebe es, ver­bale Hand­gra­naten nach den Kra­wat­ten­trä­gern zu schmeißen und zu sehen, wie sie in Deckung gehen. Ich weiß auch nicht, das macht mich irgendwie lebendig.

Ihnen geht es also darum, zu pro­vo­zieren.
Nicht nur, aber es ist wichtig. Manchmal sage ich in einer Dis­kus­sion ein­fach Das ist kom­pletter Blöd­sinn“ und nehme einen gegen­sätz­li­chen Stand­punkt ein. Das regt die Leute zumin­dest an, sich mit den unter­schied­li­chen Sicht­weisen aus­ein­an­der­zu­setzen. Das ist das eine, das andere ist meine Emo­tio­na­lität. Ich haue die Sätze unge­fil­tert raus, frei von der Leber weg, ohne Rück­sicht auf die Kon­se­quenzen. Ich bin anders – von Geburt an. Und damit habe ich kein Pro­blem. Ich bin nun mal nicht David Beckham.

Sie bemän­gelten des Öfteren, dass die meisten Fuß­baller keine klare Mei­nung ver­treten würden.
Die meisten wollen ihre Wer­be­ver­träge nicht aufs Spiel setzen. Fuß­baller sind meis­tens nur Hand­puppen, aber wenn Sie sich mal anschauen, welche Men­schen im Gedächtnis bleiben, ob im Sport, in der Kunst, in der Musik, in der Politik, dann sind das doch immer die­je­nigen mit den Eiern in der Hose. Wenn mir jemand sagt, ich solle dies oder jenes tun, dann können Sie sicher sein, dass ich genau das Gegen­teil mache. In New­castle redete mein Trainer Alan Shearer einmal vor dem Spiel auf mich ein, ich solle auf keinen Fall vom Platz fliegen. Prompt sah ich die Rote Karte. Und Shearer ging in der Kabine auf mich los.

Über Mario Balo­telli kur­siert eine ähn­liche Geschichte. José Mour­inho wies ihn in der Halb­zeit­pause ein­dring­lich darauf hin, dass er mit Gelb vor­be­lastet sei. In der 48. Minute flog Balo­telli mit Gelb-Rot vom Platz.
Ja, aber Balo­telli ist nicht so wie ich, auch wenn uns viele mit­ein­ander ver­glei­chen. Ich fühle mich ihm kein Stück nah. Er ist ein Faker, alles, was er macht, ist auf­ge­setzt.

Sein Bade­zimmer brannte nach einer Party mit Feu­er­werks­kör­pern ab. Das war zumin­dest kein Fake.
Ja, aber das war ein­fach nur idio­tisch, nicht rebel­lisch. Und am nächsten Tag steht er auf dem Platz mit einem vorher ange­fer­tigten T‑Shirt, auf dem Why always me?“ steht. Das ist doch nicht spontan, son­dern alles geplant! Ich sage Ihnen was: Als ich im ver­gan­genen Jahr gegen Man City vom Platz musste, rannte er auf mich zu. Ich dachte: Ok, du willst einen Kampf, dann komm her!“ Doch plötz­lich schreckte er zurück. Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe, aber Balo­telli ist nur ein Heuchler.

Am Tag vor dem Inter­view ent­schul­digte sich Barton bei Dietmar Hamann, weil er ihn in einem Twitter-Streit unter anderem eine Made“ genannt hatte und zu dessen Trai­ner­am­bi­tionen meinte: Dich würde ich nicht mal eine Tier­hand­lung leiten lassen.“ Selbst seriöse deut­sche Zei­tungen echauf­fierten sich, was sich dieser bad boy da her­aus­nehme. Mar­seilles Prä­si­dent hin­gegen ließ ver­lauten, Barton sei mit seiner höf­li­chen Art ein echtes Vor­bild“. Barton kennt auf dem Trai­nings­ge­lände jeden, scherzt mit der Küchen­an­ge­stellten und dem Sta­di­on­spre­cher. Der fran­zö­si­sche Kaffee ist eine Kör­per­ver­let­zung“, sagt Barton. Der Unter­schied zu euch Eng­län­dern ist, dass wir die Mon­ar­chie gekillt haben“, sagt der Sta­di­on­spre­cher. Ihr habt doch immer noch eine Königin: Angela Merkel. Sie regiert euch, ohne dass ihr es merkt“, kon­tert Barton. Er spricht in einer Sekunde vom Zweiten Welt­krieg, in der nächsten über Denzel Washington, dann über Bayern Mün­chen. Hamann? Ich könnte noch mehr sagen, aber ich lasse es besser.“ Dann ver­fällt er in einen zehn­mi­nü­tigen, nicht zitier­fä­higen Monolog über Hamann.

Herr Barton, waren Sie in der Schule ein Rauf­bold?
Ich war kein schlechter Schüler. Das eigent­liche Pro­blem waren meine Freunde. Sie haben sich einen Dreck um die Schule geschert, sich besoffen und Drogen geraucht. Ich wollte kein Außen­seiter sein, also habe ich mich auch ständig besoffen. Erst mit 16 sagte ich mich von ihnen los. Einige meiner Freunde wurden Kri­mi­nelle, ich wurde Fuß­ball­profi.

Sie sagten einmal: Wenn du in meiner Heimat ein fal­sches Wort sagst, dann zieht dir jemand ein Glas über den Kopf.“
Wenn man Glück hat. Aber solche Bezirke wie Huyton gibt es überall, in Berlin, London und auch in Mar­seille. An man­chen Ecken knallen sie dich sogar ab.

Viele Beob­achter erklären Ihre Über­re­ak­tionen auf und außer­halb des Platzes mit Ihrer Her­kunft.
Das stimmt nicht ganz. Ich habe ein­fach ein aus­ge­prägtes Gerech­tig­keits­emp­finden. Wenn mir jemand etwas antut, dann reagiere ich direkt. Es ist schwierig zu erklären. Die Emo­tionen tragen mich davon, Adre­nalin strömt durch meine Adern und ich denke nicht mehr klar. Ich ver­gesse auf dem Platz auch, dass Mil­lionen Men­schen zuschauen. Beob­achten Sie mal den Stra­ßen­ver­kehr, beson­ders hier in Frank­reich. Ein Auto­fahrer schneidet den anderen, und der flippt total aus, benimmt sich wie ein Tier. Das sind mensch­liche Reak­tionen. Warum soll es die auf dem Fuß­ball­platz nicht geben? Ich hoffe, meine Lek­tion gelernt zu haben. Aber wer weiß das schon.

Das klingt nicht, als würden Sie viele Ihrer Taten bedauern.
Doch, unend­lich viele. Wir könnten hier den ganzen Nach­mittag sitzen und sie durch­gehen. Ich war dumm, hatte mich oft nicht im Griff. Dafür habe ich bezahlt. Aber es wird mir immer vor­ge­halten, selbst wenn ich zehn Jahre lang ruhig bin.

Im Internet gibt es ein Video mit ihren Aus­ras­tern, unter­legt mit dem Lied Barton – Figh­ting Round the World“.
Ich frage mich, warum sich manche Leute so viel Zeit nehmen, um so ein Video anzu­fer­tigen. Ich glaube, dass es eine Seite meiner Per­sön­lich­keit gibt, die diese Leute ins­ge­heim bewun­dern. Sie halten mich einer­seits für einen Dreck­sack, aber ganz tief drinnen wün­schen sie sich, meinen Mut zu haben. Die meisten Leute können eben ihrem Chef nicht ein­fach ins Gesicht sagen, was sie denken.

Gut und schön. Aber Sie sind Mann­schafts­sportler. Ihr Platz­ver­weis im Mai 2012 hätte die Queens Park Ran­gers bei­nahe den Klas­sen­er­halt gekostet.
Ja, dafür habe ich mich ent­schul­digt. Ich habe dem Verein und den Fans geschadet. Aber was noch dazu­kommt: Ich habe auch immer wieder mir selbst geschadet. Ich bin mir sicher, dass ich ansonsten viel mehr Tro­phäen gewonnen und viel mehr Län­der­spiele absol­viert hätte. Fabio Capello sagte einmal, er würde mich gern in die eng­li­sche Natio­nal­mann­schaft berufen, aber ich sei ein­fach zu gefähr­lich.

Macht Sie das nicht wahn­sinnig?
Wen interessiert’s? Was bringt dir ein Län­der­spiel? Macht es dich zu einer bes­seren Person? Ganz bestimmt nicht. Ich kenne Spieler, die an die 70 Län­der­spiele gemacht haben und abso­lute Spinner sind. Die Tro­phäen und der Ruhm zählen doch am Ende einen Dreck. Mein Opa ist vor kurzem gestorben, ich habe ihn in seinen letzten Tagen begleitet. Als ich ihn so ansah, wurde mir bewusst, dass nur bleibt, welche Per­sön­lich­keit man hatte, was man mit seinen Ver­trauten zusammen erlebt hat.

War Ihnen das etwa vorher nicht klar?
Wir leben doch in einer Gesell­schaft, die uns dazu ver­führt, etwas anderes zu glauben. Kinder hecheln heute den letzten Idioten hin­terher, weil das Fern­sehen sie als Stars beti­telt. Kim Kar­da­shian zum Bei­spiel. Die Bot­schaft ist: Ver­kaufe deine Seele, lass dich von einem anderen Idioten durch­vö­geln, stell es ins Internet und werde berühmt! Wie kann man sol­chen Leuten eine Platt­form geben? Ich sage Ihnen: In zwanzig Jahren wird sich die Mensch­heit einer Epi­demie der Idiotie gegen­über­sehen. Die Leute werden fetter, dümmer und immer häu­figer krank. Alles ist gerade in Bewe­gung: Europa und Ame­rika hängen am Tropf, China und Bra­si­lien sind die neuen wirt­schaft­li­chen Mächte. Die Bevöl­ke­rung der Erde wächst, wäh­rend die Res­sourcen knapp werden. (Pause.) Selt­sames Inter­view, oder? Ich schweife immer etwas ab.

Das ist kein Pro­blem, aber zurück zu Ihnen. Sie saßen 74 Tage wegen schwerer Kör­per­ver­let­zung im Gefängnis. Wie wird man dort als Pro­fi­fuß­baller auf­ge­nommen?
Anfangs fragten mich alle aus: Wie ist dieser Spieler drauf? Wie ist dieses Sta­dion? Und, und, und. Aber mit der Zeit wurde ich ganz normal behan­delt, weil ich mich auch nicht wie ein Star auf­ge­führt habe. Ich arbei­tete in der Metall­ver­ar­bei­tung, ein ein­fa­cher Job, aber er gab meinen Tagen etwas Struktur. Meine Arbeits­kol­legen und Zel­len­ge­nossen waren merk­würdig, einige waren auf Amphet­aminen. Doch ich begeg­nete ihnen mit Respekt, schließ­lich waren wir in der­selben Situa­tion.

Hat die Zeit im Gefängnis Sie ver­än­dert?
Ich habe ein Gespür für das wahre Leben bekommen. Als Fuß­baller bist du abge­kop­pelt davon, doch der Knast, das ist die harte Rea­lität. Bevor ich rein musste, hatte ich echte Bauch­schmerzen. Meine Team­kol­legen redeten dar­über, dass sie in den Urlaub fliegen, nach Miami oder Dubai. Ich saß neben ihnen in der Kabine und sagte, dass ich in den Knast gehe. Ich ver­diente zu dieser Zeit als Profi 75 000 Pfund in der Woche, im Gefängnis hatte ich für sieben Tage nur 7,50 Pfund zur Ver­fü­gung.

Wofür haben sie die 7,50 Pfund aus­ge­geben?
Dosen­fraß, Nudeln, Tee, Kaffee – so was. Noch heute denke ich daran, wenn ich eine Fünf-Pfund-Note in der Hand halte. Für andere Fuß­baller ist das nicht mal Papier.

In der Folge unter­zogen Sie sich einer Anti-Aggres­si­ons­the­rapie und wurden tro­ckener Alko­ho­liker.
Ich habe gelernt, meine innere Stärke in einem posi­tiven Sinne zu nutzen. Sehen Sie, ich wurde immer abge­schrieben, ob damals im Knast oder im ver­gan­genen Jahr bei QPR. Das hat mich nie zurück­ge­worfen. Ich han­delte immer nach dem Motto: allein gegen alle. Nach dem, was ich durch­ge­macht habe, wäre ich eigent­lich der per­fekte Trainer.

Streben Sie das ernst­haft an?
Ich weiß, das klingt absurd: Joey Barton als Trainer. Aber ich wäre ein unglaub­li­cher Coach, im Ernst. Alles, was junge Fuß­baller falsch machen können, habe ich bereits hinter mir. Den fal­schen Umgang mit dem Ruhm, das Geld, den Alkohol, die Schlä­ge­reien. Manche Trainer sagen diesen Jungs ein­fach: Macht es nicht!“ Ich kann erklären, wohin es führen kann. Wie sagte Mao: Um den wahren Geschmack einer Birne zu kennen, musst du sie selbst gegessen haben.“

Sie zitieren häufig große Denker auf ihrem Twitter-Account. Manche halten das für eine PR-Show.
Was ist denn Twitter? Twitter ist Pro­pa­ganda, dort können die Men­schen sich selbst eine zweite Iden­tität geben. Das Netz ist meis­tens nur eine andere Ver­sion der Rea­lität. Aber schauen Sie sich meinen Account an, meine Tweets sind so wahllos und so spontan, dass man es nicht erfinden kann.

Viele Ihrer Bot­schaften sorgen für Skan­dale.
Die Skan­dale ent­stehen, weil ich die Wahr­heit sage. Und die Wahr­heit ist etwas, was die meisten Men­schen nicht mögen.

Joey Bar­tons Geschichte könnte die eines working class hero sein, der sich aus ein­fa­chen Ver­hält­nissen und mit wenig Talent hoch­ge­kämpft hat zum Natio­nal­spieler, wäh­rend seine Freunde von früher an der Nadel hängen. Hätte er irgend­wann die Atti­tüde abge­legt, dass es besser ist, andere dreimal so hart zu treffen, bevor man Gefahr läuft, selbst ver­letzt zu werden. Doch noch in seinem zehnten Profi- und 31. Lebens­jahr genügen die sim­pelsten Sti­che­leien, um bei ihm den Impuls für den Ver­gel­tungs­schlag aus­zu­lösen. Bar­tons Gesichts­züge ver­fins­tern sich dann, er beißt auf seine Unter­lippe und in Sekun­den­bruch­teilen wird aus einem smarten Jungen ein tumber Haudrauf.

In Eng­land haben sie ihm früh den Stempel des skru­pel­losen Rowdys aus der Unter­schicht ver­passt. Barton gefiel es, sein Image mit allerlei phi­lo­so­phi­schen Sprü­chen zu kon­ter­ka­rieren. Er liebt den Wider­spruch. Wohl kein Profi spricht der­zeit so unge­fil­tert, keiner zeigt sich so viel­fältig. Sein Inter­esse für Kunst, Musik und Bücher ist nicht geheu­chelt, doch seine Sys­tem­kritik dient der Ver­tei­di­gung: Wer will über ein­zelne wie mich urteilen in einer unmo­ra­li­schen Welt? Twitter-Ein­träge als Feu­er­werk zu Ehren seiner Non­kon­for­mität. Habe gerade eine Hand­gra­nate in die Twit­ter­sphäre geschmissen und genieße das Gemetzel“, kom­men­tierte er einmal seinen Bei­trag zur eng­li­schen Sozi­al­po­litik.

Nach meh­reren Stunden Small Talk und Inter­views auf dem Gelände ver­ab­schiedet sich Barton herz­lich von jedem ein­zelnen Mit­ar­beiter. Dann rauscht er vom Park­platz. In einem alten Armee­jeep.