Cat­weazle ver­stand die Welt nicht mehr. Diese auf­ge­ta­kelte Frau regte sich tat­säch­lich über seine Trommel auf. Der Mann mit den Zot­tel­haaren und dem grauen Bart gab seit Jahr­zehnten den Takt in der Schalker Nord­kurve an. Nun war er irgendwie zu den feinen Herr­schaften vor­ge­stoßen, zum Blauen Salon“ im Gel­sen­kir­chener Park­sta­dion.

Der Raum war sowas wie der VIP-Bereich der Neun­ziger. Und Cat­weazle, der eigent­lich den für diese Region typi­schen Namen Olschewski trug, dachte gar nicht daran, seine Trommel am Ein­gang abzu­geben. Die feine Dame beschwerte sich laut­stark, was ihn zu einer unmiss­ver­ständ­li­chen Replik ver­an­lasste: Du Trulla, dann geh doch zum Schach.“

Die Trulla“ war keine Gerin­gere als die Gemahlin des Son­nen­kö­nigs“, des Prä­si­denten Günter Eich­berg. Cat­weazle schimpfte Leute wie ihn Fuzzis“ oder Ses­sel­furzer“. Warum auch nicht? Das hier war sein Revier. Sein Park­sta­dion. Ein Bau aus den sieb­ziger Jahren mit einem Fas­sungs­ver­mögen von über 70 000 Zuschauern, der das Attribut alte Schüssel“ red­lich ver­diente.

Möl­le­mann kam per Fall­schirm

An Som­mer­tagen war dieses Sta­dion impo­sant, fast kolossal, mit viel Grün drum herum. Die Fans saßen in den Bäumen, Tau­sende auf der schier endlos wir­kenden Gegen­ge­raden holten sich einen Son­nen­brand, auf der Tar­tan­bahn fanden Umzüge statt. Jürgen W. Möl­le­mann flog mit dem Fall­schirm auf den Rasen. An der Außen­linie weinte, hüpfte, quiekte, der­wischte das Schalke-Ori­ginal Charly Neu­mann. Das Fan-Magazin Schalke Unser“ nannte ihn ob seines üppigen Bauch­um­fangs ehr­furchts­voll den Herrn der Ringe“.

Doch genau­ge­nommen waren die Fans in diesem Sta­dion meis­tens eher klitsch­nass als son­nen­ver­wöhnt. Regen und Wind peitschten hier an tristen Tagen ohne Gnade, die Pils-Papp­be­cher füllten sich in den Schauern wie von selbst wieder auf. Rentner rannten die gott­ver­las­sene Gegen­ge­rade ent­lang und reckten dro­hend den Schirm gen Spiel­feld, durch den sich Männer wie Bernd Thiele oder Michael Prus grätschten. Aus den kräch­zenden Laut­spre­cher kam noch keine Wer­bung für ein rus­si­sches Gas­un­ter­nehmen, son­dern für Bau­ma­schinen Hohen-Hin­ne­busch – und selbst bei Minus­graden emp­fahl eine Stimme: Halb­zeit – Zeit für eine eis­kalte Erfri­schung“.