Seite 3: „Dann höre ich auf“

Dort schlugen Sie Mainz 05, in jenem Jahr deut­scher A‑Ju­gend-Meister. Von diesem Finale gibt es noch ein Plakat. (Springt auf, läuft aus dem Raum und kommt mit einem Plakat wieder.) Das hat einer meiner Spieler von damals vor kurzem auf Face­book gestellt. Hier sieht man, dass ich damals noch FC Mainz“ geschrieben habe und dazu: 37 Mil­lionen Budget plus Bus­chauf­feur.“ Dar­über malte ich deren rie­sigen Bus. Bei uns, also dem FC Thun, habe ich geschrieben: 3,7 Mil­lionen Budget, Chauf­feur: Mosi.“

Wer war Mosi?
Der Moser David, unser U19-Tor­wart, er hat damals den Bus gefahren. Schauen Sie hier, ich habe damals mit 3 – 5‑2-System gespielt.(Lacht.) Wie gegen die Bayern.

Also haben Sie die Bayern mit der Taktik von diesem Jugend­tur­nier geschlagen?
Das natür­lich nicht, das wäre auch zu ein­fach gedacht. Das Spiel­ni­veau ist ein anderes, der Fuß­ball hat sich ver­än­dert, mein Spie­ler­ma­te­rial natür­lich und auch mein Wissen. Es ist nicht ver­gleichbar. Wir hatten im Trai­ner­team vor dem Bayern-Spiel über diese tak­ti­sche Vari­ante gespro­chen, die man aus der Bun­des­liga schon kennt und die bei­spiels­weise Juventus Turin auch schon jah­re­lang so spielt. Aber für uns war es eben eine neue Her­an­ge­hens­weise. Und dann ist mir das Plakat von 2009 wieder ein­ge­fallen, das war aber nicht mehr als eine lus­tige Anek­dote.

Den Mainzer Trainer Thomas Tuchel haben Sie damals so beein­druckt, dass er Sie später zum FSV holte.
Daran merkt man, wie der Fuß­ball und das Leben von Zufällen bestimmt werden. Damals waren wir beide Jugend­trainer. Einen Monat später wurde Thomas Bun­des­li­ga­trainer und erin­nerte sich irgend­wann an mich. Das ist schon ver­rückt, wie unsere Welten wieder zusam­men­kamen. Sieben Jahre nach diesem Tur­nier stehen wir uns beide gegen­über beim Spiel in Dort­mund, nicht im Pokal, nicht in der Regio­nal­liga, son­dern in der Bun­des­liga, vor 80 000 Zuschauern – und dann spielt der Zweite gegen den Fünften. Thomas hat schon sehr viel richtig gemacht, die Dort­munder haben eine tolle Mann­schaft. Aber bei uns ist es auch nicht schlecht gelaufen.

Wie erklären Sie sich diesen Mainzer Auf­schwung? Es heißt, für Ihr Team sei Laufen die Basis …
… nicht nur das, son­dern die Leis­tung. Und das schon im Trai­ning. Wer da nicht mit­zieht, hat es sehr schwer bei uns. Wir haben uns im Sommer als Ziel gesetzt, das lauf­stärkste Team der Bun­des­liga zu werden – das ver­dient Opfer. Die Spieler müssen von ihrer Men­ta­lität her zu diesem Stil passen. Wir haben außerdem den Grund­ge­danken des lauf­in­ten­siven Spiels und des Umschalt­ver­hal­tens in viele Übungs­formen im Trai­ning ein­ge­baut.

Wie schaffen Sie es, dass die Spieler bereit sind für diesen hohen Auf­wand?
Die Spieler müssen sowieso die intrinsi­sche Moti­va­tion haben zu laufen. Danach scouten wir sie. Wenn wir vom typi­schen Mainz-05-Spieler spre­chen, dann von einem, der gerne läuft, gerne sprintet. Mitt­ler­weile haben wir viele Spieler dieses Typus rein­ge­bracht, unser Team also auch danach aus­ge­richtet. Bei anderen Trai­nern, die mehr auf Ball­be­sitz bauen, besteht das Team eher aus feinen Tech­ni­kern. So ist es, jeder Trainer formt sein Team nach seiner Phi­lo­so­phie.

Wie sieht Ihr per­sön­li­cher Plan aus? 05-Trainer sind schließ­lich in Dort­mund gefragt.
Ich kann das nicht beant­worten. Ich weiß nur, dass ich in meiner Lauf­bahn bisher immer nur Rot-Weiß getragen habe. Beim FC Naters, beim FC Raron, in Thun, bei Mainz. Ich kann mir keine anderen Farben vor­stellen.

Sie sagten, dass Sie einen Job nicht länger als zwanzig Jahre machen können. Auch Fuß­ball nicht?
Je länger ich von zu Hause weg bin, umso mehr ver­misse ich meine Familie, die Men­schen, die Berge, das Ski­fahren. Ich bin mir sicher, dass es in den nächsten Jahren einen Tag gibt, an dem ich sage: So, das war jetzt Fuß­ball. Ich gehe wieder heim.“ Davon bin ich zu ein­hun­dert Pro­zent über­zeugt.

Selbst wenn Ihr Team im Euro­pa­pokal spielt?
Selbst dann. Sobald ich merke, dass bei mir an einem Punkt die Lei­den­schaft nach­lässt, dann muss ich die Finger davon lassen. Wenn ich nicht zu ein­hun­dert Pro­zent drin bin, kann ich die Leute nicht anste­cken, dann habe ich keinen Erfolg – und Miss­erfolg will ich nicht. Wenn mein Team irgend­wann nicht mehr lei­den­schaft­lich auf­treten sollte, muss ich mir ein­ge­stehen, dass ich meine Arbeit nicht gut mache. Dann ist der Zeit­punkt gekommen, an dem ich sage: Gut, Fuß­ball habe ich gesehen, jetzt beginnt was Neues.“

Sie könnten die Lei­den­schaft auch dros­seln.
Dann wäre ich nicht mehr Martin Schmidt. Dann wird es nicht gut.