Seite 2: „Pass auf deinen Bruder auf“

Was haben sich Ihre Eltern für Sie erhofft?
Meine Mutter ver­suchte, alles Schlechte von uns fern­zu­halten. Vor allem hoffte sie, dass wir Abitur machen (beide Brüder haben das Fach-Abi gemacht, d. Red.). Wenn wir schlechte Schul­noten mit nach Hause brachten oder abends mit merk­wür­digen Leuten um die Blocks zogen, verbot sie uns Fuß­ball. Sie fand es sehr wichtig, dass wir aus­rei­chend schlafen. Als Toni schließ­lich sagte, dass er so wie ich Fuß­ball­profi werden wollte, sagte sie zu mir: Pass auf deinen Bruder auf. Wenn es schief­geht, mache ich dich dafür ver­ant­wort­lich!“
 
Warum?
Meine Kar­riere war okay. Aber sie hätte besser sein können. Ich hatte mich zu wenig auf Fuß­ball kon­zen­triert und mich zu oft mit fal­schen Freunden und Bera­tern umgeben. Meine Mutter hatte Sorge, dass es bei Toni ähn­lich läuft.
 
Sind Sie des­halb mit Ihrem Bruder nach Stutt­gart gezogen?
Eines Tages unter­schrieb Toni einen Ver­trag beim VfB. Meine Mutter fragte mich: Sahr, was steht in diesem Ver­trag?“ Ich konnte ihr keine Ant­wort geben, denn ich hatte den Ver­trag nie gelesen. Von diesem Tag an war klar: Ich muss mich mehr um meinen Bruder küm­mern. Also wurde ich offi­ziell sein Berater. Danach schraubte ich meine eigene Kar­riere zurück und wech­selte in die Regio­nal­liga nach Groß­as­pach, und wir zogen in eine gemein­same Woh­nung nach Win­nenden, 20 Kilo­meter nord­öst­lich von Stutt­gart.
 
Wie ist Antonio als Mit­be­wohner?
Sehr sauber. Er hat einen regel­rechten Putzf­immel. Aller­dings mussten wir uns am Anfang neu ken­nen­lernen. Er war nicht mehr der Toni aus Neu­kölln.
 
Was meinen Sie?
Als ich 2013 mit ihm zusam­menzog, war er ruhiger geworden. Viel­leicht auch intro­ver­tierter und miss­traui­scher. Bis heute ist es so, dass er erst einmal prüft, wer ihm gegen­über sitzt. Und wer es gut mit ihm meint. Wir saßen oft gemeinsam in der Woh­nung und spra­chen stun­den­lang sehr wenig mit­ein­ander. Er starrte auf sein Handy, ich las oder schaute Fern­sehen. Manchmal dachte ich: Mensch, Toni. Ich bin’s doch, Sahr, dein Bruder. Du kannst mit mir reden.“ Aber er blieb wort­karg.
 
Wie haben Sie ihn geknackt?
Nach einer Nie­der­lage. Er kam nach Hause und war ziem­lich ent­täuscht. Ich habe mich neben ihn gesetzt, ihn auf­ge­baut und das Spiel ana­ly­siert. Danach blickte er mich an und sagte: Sahr, du hast Recht. Das war super.“ Es war ein guter Moment.
 
Haben Sie über­legt, mit ihm nach Rom zu ziehen?
Nein. Toni ist älter und selb­stän­diger, er schafft das ohne mich. Außerdem habe ich mitt­ler­weile meine Bera­ter­agentur in Trier. Aber natür­lich ver­folge ich seine Spiele.
 
Ist seine Mutter oft bei ihm?
Sie war am Tag des Cham­pions-League-Spiels gegen den FC Bar­ce­lona in Rom.
 
Antonio erzählte uns, das sei sein bestes Spiel gewesen.
Stimmt. Meine Mutter war aber an jenem Abend nicht im Sta­dion, son­dern im Vatikan. Das war schon immer ihr großer Traum gewesen. Und viel­leicht hat es Toni etwas gebracht.

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