Seite 2: „Wo sind die 500 Mark hin?“

Haben Sie sich hei­misch gefühlt?
Wenn man neu ist, fühlt man sich überall zunächst ein biss­chen fremd. So ver­hielt es sich ja auch mit dem Senegal: Als ich mein erstes Län­der­spiel machte, lebte ich lange schon in Deutsch­land und kannte ganz andere Maß­stäbe. Ich kam damals im Mann­schafts­hotel an und dachte, ich sei auf einem Floh­markt gelandet. Da gingen neben den Spie­lern hun­derte von wild­fremden Men­schen ein und aus. Plötz­lich saßen Ver­wandte, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, bis tief in die Nacht bei mir auf dem Zimmer – vor einem wich­tigen Spiel.

Wie fanden Sie im Schwarz­wald Anschluss?
Durch den Fuß­ball. Ein Leut­nant hatte meine Akten durch­ge­sehen. Er fragte: Was machst du hier? Du bist Fuß­ball­profi!“ Ich erklärte ihm die Situa­tion. Dann sagte er, dass die Lage leider aus­sichtslos sei und ich das Beste draus machen solle. Er inte­grierte mich in die Kom­pa­nie­mann­schaft, mit der wir ein Sol­daten-Tur­nier spielten und gewannen – das erste Mal seit 20 Jahren. Später nahm er mich mit zum FV Donau­eschingen, die gerade gegen den Abstieg spielten. In dieser Mann­schaft spielten zwei Lehrer, die gutes Fran­zö­sisch spra­chen. Mit denen habe ich sehr viel Deutsch geübt.

Hatten Sie damals vor, nach Frank­reich zurück­zu­gehen?
Auf jeden Fall. Ich wollte ein Jahr meinen Mili­tär­dienst ableisten, par­allel für Donau­eschingen spielen – und dann wieder heim. Es kam anders. Denn der Prä­si­dent bat mich ein wei­teres Jahr zu bleiben. Er konnte mir mit­hilfe eines Spon­sors ein ähn­li­ches Gehalt zahlen, das ich auch in Frank­reich bekommen hätte. Gleich­zeitig musste ich bei dem Sponsor, einem Schuh­fa­bri­kanten, arbeiten.

War das nicht trotzdem ein Rück­schritt für Sie? Schließ­lich waren Sie zuvor auf dem Weg in die erste fran­zö­si­sche Liga.
Die Sache mit der Arbeit war ein wenig seltsam für mich. Ich hatte zwar vier Jahre als Kon­ditor gear­beitet, wo ich um 4 Uhr mor­gens auf­stehen musste – aber als ich in der Zweiten Liga anfing, habe ich das beendet. Und ja, auch sport­lich war es natür­lich ein Rück­schritt, und ich habe mich oft gefragt, ob das klug ist. Schließ­lich ent­schied ich mich: Ein Jahr noch Donau­eschingen – und dann kann ich immer noch zurück nach Frank­reich.

Sie blieben aber, weil der SC Frei­burg sie ver­pflich­tete. War es damals üblich, dass Scouts von Pro­fi­klubs auf Lan­des­li­ga­plätzen nach neuen Spie­lern suchten?
Die hatten über mich in den Zei­tungen gelesen. Hier Sané fünf Tore, da Sané sechs Tore. Stutt­garter Kickers, Hessen Kassel und Kickers Offen­bach fragten an. Die meisten dachten aller­dings, ich sei eh bald wieder weg. Sie wussten nicht, dass ich gar nicht mehr beim Militär war. Schließ­lich gab jemand den Frei­bur­gern einen Tipp – und dann stand eines Tages Achim Sto­cker auf dem Platz und beob­ach­tete ein Spiel, bei dem ich schon in der ersten Halb­zeit fünf Tore machte. Nach dem Spiel kam unser Trainer zu mir und sagte: Weißt du, wer heute hier war? Der Prä­si­dent des SC Frei­burg! Er will sich nächste Woche mit dir treffen!“

» Sou­ley­mane Sanés Kar­riere in Bil­dern

Nach zwei Jahre Ama­teur­fuß­ball kehrten Sie also in den Pro­fi­fuß­ball zurück. Hatten Sie keine Sorge, dass Sie sich zwi­schen­zeit­lich ver­schlech­tert hatten?
Doch, klar. Zumal in der Zweiten Liga beim SC ein anderer Wind wehte. Ich lernte, was deut­sche Dis­zi­plin heißt. Früher, in Frank­reich, war ich immer fünf Minuten vor Trai­nings­be­ginn gekommen, jetzt hieß es: Eine halbe Stunde vor Start in der Kabine. Ich zuckte mit Schul­tern, egal, dachte ich. Am Ende des Monats guckte ich dann ins Porte­mon­naie und dachte: Wo sind die 500 Mark hin? Alles war für Strafen drauf­ge­gangen. Danach habe ich einige Dinge geän­dert. (lacht)

Auch Ihr Spiel?
Das musste ich. Einmal sagte Jörg Berger: Du kannst gerne wei­terhin mit Hacke und Bein­schüssen spielen. Nur sei dir sicher: Beim ersten Mal wird nie­mand was sagen, beim zweiten Mal können wir den Kran­ken­wagen rufen.“ Und er hatte Recht, die Spieler in der Zweiten Liga gingen viel härter rein, und wer gefoppt wurde, der trat richtig drauf. Ich lernte also abzu­geben.

Und Sie trafen regel­mäßig. In der ersten Saison 17 und der zweiten 18 Mal. Warum bekamen Sie eigent­lich keine Ange­bote von Bun­des­li­ga­klubs?
Das habe ich mich damals auch häufig gefragt. Nicht dass ich auf Teufel komm raus aus Frei­burg weg­wollte, doch die Bun­des­liga reizte natür­lich. Nach der zweiten Saison nahm mich Jörg Berger zur Seite und sagte: Du musst immer besser als Deut­scher sein. Gleichgut reicht nicht!“ Na dann, dachte ich, werde ich halt Tor­schüt­zen­könig…

…mit 21 Toren in der dritten Saison. Sie waren der Stür­mer­star im Breisgau. Blieb Frei­burg für Sie trotzdem so fami­liär und unauf­ge­regt wie zu Beginn?
In Frei­burg konnten Fuß­ball­profis ent­spannt durch die Stadt gehen. In Nürn­berg wurde das Ganze ein biss­chen größer. Damals wussten die Fans ja auch, wo wir wohnen. Die standen fast täg­lich vor unserer Tür und fragten nach Auto­grammen. Das hat mir zwar geschmei­chelt, aller­dings war ich meis­tens gar nicht zu Hause. Und meiner Frau wurde das irgend­wann zu viel, und sie hing einen Zettel vor die Tür: Für Auto­gramm­wünsch fragt doch bitte direkt beim Verein nach. Danke!“

Es gab auch andere Fans, die sie jah­re­lang aufs Übelste beschimpften. Wie sind Sie damit umge­gangen?
Anfangs habe ich nicht ver­standen, was sie gerufen haben. Husch, husch, Neger in den Busch!“ Was sollte das? Später, als ich die deut­sche Sprache besser beherrschte, hat mich das natür­lich getroffen. Das prallte jeden­falls nicht ab. Manchmal habe ich ver­sucht, diese Schreier über Ironie bloß­zu­stellen.

Was haben Sie gemacht?
Einmal, als ich beim HSV ein Tor gemacht hatte, bin ich zur Eck­fahne gelaufen und habe getanzt. Dann hagelten die Bananen und Orangen auf mich nieder. Ich hob eine Banane auf, schälte und aß sie.