Seite 4: „Es wurde ein sehr angenehmer Urlaub“

Wie reagierte Ihr Trainer?
Der Jour­na­list ist direkt in die Pres­se­kon­fe­renz gerannt, blut­ver­schmiertes Hemd, kaputte Nase. Dort schrie er: Der Samy will mich umbringen!“ Später stand ich draußen mit Herman Ger­land. Der fragte mich: Was ist pas­siert?“ Ich sagte: Wenn Sie mich raus­schmeißen müssen, könnte ich damit leben.“ Er ant­wor­tete nur: Ich wollte eigent­lich nur wissen, warum du ihn nicht umge­bracht hast?“ Ger­land war näm­lich das zweite Opfer des Jour­na­listen. Sowieso war der Ger­land ein super Typ, knall­hart, aber mensch­lich über­ra­gend!

Es gab keine Strafe?
Die ange­drohte Anzeige des Jour­na­listen kam nie. Ich musste danach aber 2000 Mark an Ein Herz für Kinder“ zahlen, meine Mit­spieler soli­da­ri­sierten sich aller­dings mit mir, und so zahlten wir den Betrag aus der Mann­schafts­kasse.

Eine andere Geschichte endete auch blutig.
Sie meinen das Foul gegen Alex­ander Famulla. Es war eine blöde Situa­tion. Ich bin ver­se­hent­lich in ihn rein­ge­grätscht und traf mit den Stollen sein Ohr (das Ohr musste später wieder ange­näht werden, d. Red.). Ich bin später aber nach Karls­ruhe gefahren, um mich bei ihm dafür zu ent­schul­digen.

Sie hatten nach der Saison 1989/90 ein Angebot von Fener­bahce vor­liegen, ent­schieden sich aber für den Auf­steiger und Stadt­teil­klub Wat­ten­scheid. Sehnten Sie sich nach der Fami­li­en­at­mo­sphäre, die Sie in Frei­burg ken­nen­ge­lernt hatten?
Ach, darum ging es nicht. Ich bin eigent­lich ein Groß­stadttyp, ich habe schließ­lich meine Jugend in Paris ver­bracht. Ich dachte sogar daran, nach Istanbul zu gehen, doch Fener­bahce wollte die Ablöse von 2,5 Mil­lionen Mark nicht zahlen. Also machten Wat­ten­scheid und Nürn­berg einen Deal: Der Club ver­kaufte Thomas Kuhn und mich im Dop­pel­pack für den gefor­derten Preis. So kos­tete ich nur die Hälfte.

Wie kamen Sie mit Hannes Bon­gartz zurecht?
Ich habe vielen Trainer eine Menge zu ver­danken. Jörg Berger zum Bei­spiel. Und Her­mann Ger­land, auch wenn er damals an mir ver­zwei­felte, weil ich nicht mehr so häufig das Tor getroffen habe. Ich glaube, seine grauen Haare hat er mir zu ver­danken. Hannes Bon­gartz war auch wichtig, ein junger Trainer, der mir immer wieder den Rücken gestärkt hat.

Nach Wat­ten­scheids Abstieg 1994 dachte Ihr Berater, Sie hören auf mit dem Fuß­ball. Sie waren immerhin schon 33 Jahre. Hatten Sie noch was nach­zu­holen?
Weil ich erst mit 25 in Deutsch­land ange­fangen habe? Es war eher so, dass ich in meiner Kar­riere nie von Ver­let­zungen geplagt war. Ich fühlte mich also noch sehr fit. Meinem Berater sagte ich, dass er was Neues suchen sollte. Er guckte mich mit großen Augen an und fragte: Wie lange willst du noch spielen?“ Ich sagte: So lange wie es geht. Bis 40 min­des­tens!“ Ich spielte schließ­lich bis 41.

Und bis 47 spielten Sie sogar noch für Rot-Weiß Leithe und stiegen von der Kreis- bis in die Lan­des­liga auf.
Das Schönste war der erste Auf­stieg.

Wieso?
Das war im Sommer 2002, die WM stand vor der Tür. Eines Tages kam ein Anruf des Sport­mi­nis­ters der sene­ga­le­si­schen Natio­nal­mann­schaft. Er fragte, ob ich mir vor­stellen könne, bei Sene­gals erster WM-Teil­nahme dabei zu sein. Als Spieler wohl­ge­merkt. Er dachte da an Kame­runs Erfolgs­ge­schichte mit Roger Milla, der im hohen Alter noch einmal zurückkam. Und er dachte, dass er mir damit ein Geschenk machen könnte.

Sie haben über 50 Län­der­spiele gemacht, aber nie bei einer WM teil­ge­nommen.
Ich hatte sowieso häufig Pech mit der Natio­nalelf. Erin­nern Sie sich an 1990: Damals standen wir im Halb­fi­nale des Afrika-Cups und trafen auf Alge­rien. Kurz vor dem Spiel beor­derte mich der FCN zurück. Damals waren die Ver­eine noch mäch­tiger als heute. (lacht)

Und trotzdem ließen Sie sich 2002 die Chance ent­gehen?
Ich fand die Idee nicht gut, einem jungen Spieler den Platz weg­zu­nehmen, der die Qua­li­fi­ka­tion so erfolg­reich gespielt hatte. Außerdem wollte ich mit Leithe den Auf­stieg feiern. Wir sind dafür nach Spa­nien gefahren. Und dann kam es zu dem Auf­ein­an­der­treffen meiner Hei­mat­länder: Senegal und Frank­reich. Ich sagte zu meinen deut­schen Freunden: Jungs, Senegal schafft eine Über­ra­schung!“ Die anderen winkten ab: Samy, Quatsch! Frank­reich ist Welt­meister!“

Wieso waren Sie sich so sicher?
Fast alle Sene­ga­lesen spielten damals in der fran­zö­si­schen Liga, die kannten die Spiel­weise der Fran­zosen aus dem Effeff. Und es kam ja dann wirk­lich so: Senegal gewann 1:0. Das Beste aller­dings war eine Wette, die wir vorher geschlossen hatten.

Was war der Ein­satz?
Ich sagte vor dem Spiel: Wenn Frank­reich gewinnt, kaufe ich euch für den Rest des Urlaubs alle Getränke!“ Und sie ant­wor­teten: Okay, wenn Senegal gewinnt, tragen wir dich für den Rest des Urlaubs aus deinem Hotel­zimmer direkt zum Strand.“ Es wurde ein sehr ange­nehmer Urlaub.