Seite 3: „Wir schrieben diesen Brief, der in der Bild-Zeitung erschien“

Auch Tony Baffoe trat den Ras­sisten mit Ironie ent­gegen. Einem Gegen­spieler, der ihn ras­sis­tisch belei­digt hatte, sagte er: Du kannst auf meiner Plan­tage arbeiten.“
Der Tony war immer so. Und er beherrschte die deut­sche Sprache per­fekt. Er sprach besser Deutsch als manch Deut­scher. Dann kann man seinen Gegen­über mit Ironie bloß­stellen. Aber für mich war das schwierig – eben auf­grund der Sprach­bar­riere. Ich konnte nur über Tore und gute Spiele die Schreier mundtot machen. Immer wenn diese Affen­rufe los­gingen, dachte ich: Gleich schieße ich ein Tor, und dann seid ihr stumm!

Sie sagen Schreier“. Wieso nicht Ras­sisten?
Waren das alles Ras­sisten? Ich glaube nicht. Die Sta­dien haben sie irgendwie in Bes­tien ver­wan­delt. In der Masse ent­stand ein Hass, den ich nie erkannte, wenn ich sie fern des Sta­dions wie­der­traf. Meine Frau sagte immer: Die haben zu Hause oder bei der Arbeit nichts zu melden und lassen ihren ganze Wut beim Fuß­ball aus.“

In Glad­bach sind Sie aller­dings mal mit einem Fan anein­ander geras­selt.
Stimmt. Dem hätte ich auch bei­nahe ver­passt. Er bepö­belte mich auf dem Weg zum Bus. Als ich dann zu ihm ging, tat er so, als hätte er nichts gesagt. Wenn er die Beschimp­fung wie­der­holt hätte, wäre ich sehr sehr wütend geworden. Aber wie gesagt, es war nur ein kleiner Teil. Und auch beim HSV, wo es aus­wärts beson­ders schlimm war, gab es ja nor­male Typen in der Kurve. Einer über­reichte mir vor einem Spiel mit Wat­ten­scheid mal ein Ent­schul­di­gungs­schreiben, auf dem hun­derte HSV-Fans unter­schrieben hatten. Das fand ich gut.

Sie haben damals gesagt: Ich werde in fast jedem Spiel von einem Gegen­spieler einmal belei­digt!“ Paul Steiner hat Sie mal einen scheiß Nigger“ genannt. Hat er sich je ent­schul­digt?
Nie per­sön­lich. Aber das ist Schnee von ges­tern.

Anfang des Jahres ver­ließ Kevin-Prince Boateng nach ras­sis­ti­schen Rufen den Fuß­ball­platz. Haben Sie damals über eine solche Option nach­ge­dacht?
Klar, aber meine Mit­spieler rieten mir immer wieder davon ab. Sie bauten mich kon­se­quent auf und sagten: Komm Samy, wenn du jetzt vom Platz gehst, würden die sich als Gewinner sehen! Mach ein­fach eine Bude!“

Sie schrieben im Dezember 1990 einen offenen Brief an Fuß­ball­fans. In diesem stand: Wir wenden uns an die Öffent­lich­keit, denn die Bun­des­liga schweigt das Pro­blem tot.“ Gab es wirk­lich keine Chance, die Ver­eine und den DFB für das Thema zu sen­si­bi­li­sieren?
Kaum. Auch des­wegen ent­schieden Anthony Yeboah, Tony Baffoe und ich, dass wir was tun müssen. Wir schrieben diesen Brief, der in der Bild“-Zeitung erschien (die Über­schrift lau­tete: Helft uns! Wir wollen kein Frei­wild sein!“, d. Red.). Danach wurde es ein biss­chen besser. Immerhin star­tete der DFB bald die Kam­pagne Mein Freund ist Aus­länder“.

Sehen Sie sich heute als Pio­nier?
Nun, vor mir gab es schon Schwarze im deut­schen Fuß­ball. Guy Aco­latse bei St. Pauli oder Jean-Santos Mun­tu­bila in Saar­brü­cken zum Bei­spiel. Beide hielten es aller­dings nur kurz aus. Ich hatte immer wieder mal, die Mög­lich­keit aus Deutsch­land weg­zu­gehen, es gab Ange­bote aus Sochaux oder Metz. Doch dann dachte ich häufig an meinen Freund aus dem Schwarz­wald, den Leut­nant: Samy! Guck dir all die anderen Afri­kaner an – alle gehen weg, weil sie mit der Kultur, der Men­ta­lität nicht klar kommen. Oder an dem Ras­sismus zer­bre­chen. Aber du, mein Freund, kannst es schaffen. Du kannst der erste sein, der etwas bewegt!“ Das wurde mein Ziel.

Auch in der Presse gab es Res­sen­ti­ments. Schon vor Ihrem Wechsel nach Nürn­berg schrieb ein Jour­na­list von einer deli­katen Ange­le­gen­heit“. Fans hätten in Briefen und Tele­fo­naten angeb­lich ange­droht, ihre Dau­er­karten zurück­zu­geben, wenn ein Neger im ruhm­rei­chen Dress des 1. FCN“ spielt. Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich dachte mir, solange er nur über mich schreibt, habe ich damit kein Pro­blem. Er ist halt einer, der mich nicht mag. Warum auch immer.

Er beließ es aber nicht dabei.
Nein. Plötz­lich fing er an, dif­fa­mie­rende Artikel über meine Familie und meine Frau zu schreiben, ohne je mit uns gespro­chen zu haben. Also rief ich seinen Chef­re­dak­teur an und sagte: Ich habe jetzt wochen­lang geschwiegen, wenn er sich noch mal so etwas erlaubt, dann lernt er mich kennen!“

Sie haben ihm schließ­lich die Nase gebro­chen. Haben Sie damals daran gedacht, sus­pen­diert zu werden?
Ich traf ihn nach einem Trai­ning auf dem Park­platz, er musste zur Pres­se­kon­fe­renz. Er hatte gerade einen ellen­langen Bericht geschrieben, wieder über meine Frau. Als er mich sah, blieb er stehen, denn sein Weg führte unwei­ger­lich an mir vorbei. Da stand er dann, 20, 25 Minuten, und ich sagte: Ich habe Zeit.“ Als ich ihm dann näher kam, und ihn bat, mit dieser Bericht­erstat­tung auf­zu­hören, sagte er nur: Hier ist ein freies Land, ich schreibe, was ich will!“ Da habe ich ihm eine Kopf­nuss ver­passt.