Wenn du in Nigeria einen Ein­hei­mi­schen ver­är­gerst – sagen wir: in einem Pub – dann kann es sein, dass er dich einen Dundee“ schimpft. Das heißt so viel wie: Idiot. Wenn er richtig sauer ist, kann ihm sogar ein Dundee United“ raus­rut­schen: Voll­idiot! Auch wenn Fans des schot­ti­schen Erst­li­gisten das nicht gerne hören, der Name ihres Klubs gilt im bevöl­ke­rungs­reichsten afri­ka­ni­schen Land (200 Mil­lionen Ein­wohner) als üble Belei­di­gung. Und das hat eine Geschichte, die aller­dings (fast) nie­mand kennt. Nicht in Nigeria und schon gar nicht im fernen Schott­land.

Es war im Jahr 2010, als die bri­ti­sche BBC eine mehr­tei­lige TV-Doku über Lagos aus­strahlte. In der zweiten Folge ver­riet ein Bewohner, dass das Leben in der nige­ria­ni­schen Mil­lio­nen­me­tro­pole eine gewisse Intel­li­genz erfor­dere: Wer nach Lagos kommt und nicht lernt, seinen Grips ein­zu­schalten, der wird es wohl nir­gends lernen“, sagte der Mann. Und: Wenn du dich hier dumm anstellst, werden sie dir schnell bei­bringen, deinen Grips zu benutzen. Wenn du ein Dundee United bist und sie dich mit Scheiße über­schütten, dann musst du deinen Kopf ein­schalten.“ Was als Erklä­rung gemeint war, warf beim bri­ti­schen Publikum eine Frage auf – vor allem natür­lich bei den Schotten und spe­ziell unter den Anhän­gern eines bestimmten Ver­eins. Wenn du ein Dundee United bist …“ – was soll das denn?

Warum Victor Ikpeba mit dem Schimpf­wort nichts zutun haben kann

Nun, der Begriff Dundee United“ hat streng genommen gleich meh­rere Bedeu­tungen: Er kann sowohl einen ein­zelnen Voll­idioten bezeichnen (quasi als Stei­ge­rung von Dundee) als auch eine Gruppe von Idioten (quasi als Plu­ral­form von Dundee). Wer oder was im Ein­zel­fall gemeint ist, erschließt sich aus dem Gespräch. Oder, besser: aus dem Wort­ge­fecht. Nun ist es ja so eine Sache mit rät­sel­haften Begriffen, die sich im Sprach­ge­brauch eta­bliert haben. Man benutzt sie ein­fach. Teil­weise schon seit Genera­tionen. Und ihr Ursprung gerät in Ver­ges­sen­heit. Wenn es sich dabei um ein Slang­wort han­delt, noch dazu um ein böses, kann man diesen Ursprung nicht mal im Ety­mo­lo­gi­schen Wör­ter­buch nach­schlagen.

Das bri­ti­sche Nutmeg Maga­zine wollte der Sache den­noch auf den Grund gehen und begann, unter Nige­ria­nern und nige­ria­nisch-stäm­migen Briten zu recher­chieren: Einige glauben, das Ganze habe mit Nige­rias Teil­nahme an der U16-Welt­meis­ter­schaft 1989 in Schott­land zu tun. Wäh­rend des Tur­niers trai­nierten die jungen Super Eagles“ um Stür­mer­star Victor Ikpeba auf dem Klub­ge­lände von Dundee United. Dort sollen sie von Ortan­säs­sigen ras­sis­tisch belei­digt worden sein. Ob es derlei Vor­fälle gab, lässt sich nicht belegen. Und wenn, waren sie nicht die Ursache für die miss­bräuch­liche Nut­zung von Dundee United“. Das Nutmeg-Inves­ti­gativ-Team fand näm­lich heraus, dass das Schmäh­wort schon Mitte der 80er-Jahre in einem nige­ria­ni­schen Wer­be­spot für ein Anti-Malaria-Medi­ka­ment benutzt wurde.

Andere Nige­rianer meinen, sich erin­nern zu können, dass Dundee United“ wäh­rend des Lan­des­meister-Cups 1983/84 zum Schimpf­wort wurde. Damals waren die Schotten um Abwehr­kante Richard Gough sen­sa­tio­nell ins Halb­fi­nale ein­ge­zogen, wo man trotz eines 2:0‑Hinspielsiegs gegen die AS Rom den Kür­zeren zog. Im Rück­spiel setzte es ein 0:3. Zig­tau­sende sport- und wett­be­geis­terte Nige­rianer sollen zuvor auf ein Wei­ter­kommen der Schotten gezockt und anschlie­ßend bitter geflucht haben. Auch diese Her­lei­tung wirkt, ober­fläch­lich betrachtet, absolut plau­sibel. Doch sie ebenso ist falsch.

Die Verbal-Injurie exis­tiert näm­lich schon seit den 1970er-Jahren im nige­ria­ni­schen Sprach­schatz. Und das hat sich der Verein aus Nordost-Schott­land wahr­haftig selbst zuzu­schreiben: Im Früh­sommer 1972 hatte sich die Mann­schaft aus der damals noch hoch ange­se­henen schot­ti­schen Liga auf einen zwei­wö­chigen PR-Trip durch West­afrika begeben – mit voller Kapelle, aber mit leeren Akkus. Und wohl auch mit geringer Moti­va­tion, wie Kenny Cameron durch­bli­cken ließ. Der United-Tor­jäger läs­terte noch wäh­rend der Reise, dass sein Team am Flug­hafen von Kano (Nigeria) von Geiern und Hyänen emp­fangen“ worden sei.

Don’t come back“

Derlei Kom­men­tare bescherten den Schotten ebenso wenig Plus­punkte wie ihre lust­losen Auf­tritte gegen afri­ka­ni­sche Ama­teur­teams. Zum Auf­takt, am 27. Mai 1972, mühte sich Dundee United zu einem 2:2 gegen die Sta­tio­nary Stores aus Lagos. Vier Tage später gewannen die Gäste mit 1:0 gegen die Vipers“ aus dem Nach­bar­land Benin. Das sollte der ein­zige Sieg bleiben. Es folgten ein 0:2 gegen die Enugu Ran­gers, ein 1:1 gegen die Mighty Jets und eine 1:4‑Klatsche im zweiten Auf­ein­an­der­treffen mit den Sta­tio­nary Stores. Die nige­ria­ni­sche Tages­zei­tung Renais­sance berich­tete: Dundee United war da – ein Team aus der 1. schot­ti­schen Liga! Sie spielten Fuß­ball – ziem­lich zweit­klas­sigen.“

Kenny Cameron (der mit den Geiern und Hyänen) behaup­tete, die schlechten Leis­tungen hätten vor allem an der hohen Luft­feuch­tig­keit vor Ort und an der völlig unzu­rei­chenden Reise-Logistik gelegen. Die Ver­kehrs­pro­bleme hier sind wesent­lich schlimmer als auf der High Street in Dundee“, urteilte der Profi. Man kann sich vor­stellen, wie derlei Aus­reden bei afri­ka­ni­schen Fans ankamen, die zum Teil einen ganzen Wochen­lohn für ein Ticket hin­ge­blät­tert hatten. Der Nige­rian Daily Express titelte am Tag nach dem Heim­flug von Dundee United: Don’t come back“.