Die Sonne strahlt über dem Ver­eins­ge­lände von San Lorenzo. Der argen­ti­ni­sche Herbst zeigt sich von seiner besten Seite. Ber­nardo Romeo beob­achtet auf­merksam, wie Trainer Juan Antonio Pizzi die Spieler über den Platz scheucht. Vor gut sechs Monaten wäre der Schweiß an einem Tag wie diesem auch bei ihm noch in Strömen geflossen. Doch die kurzen Hosen hat er mitt­ler­weile gegen Jeans und Hemd getauscht. Abseits im Schatten berät sich Romeo mit Klub­prä­si­dent Matías Lam­mens.
 
Seit Oktober 2012 arbeitet der ehe­ma­lige Profi des Ham­burger SV als Manager beim argen­ti­ni­schen Tra­di­ti­ons­klub. Dank seiner Treff­si­cher­heit ist der Ex-Angreifer dort zum Idol geworden. Mit 99 Tref­fern belegt er Platz neun der ewigen Bes­ten­liste.
 
Das Trai­ning ist vorbei. Romeo schreitet in Rich­tung Büro. Sein neues Reich ist ein spar­ta­nisch ein­ge­rich­teter Raum im Bauch der Haupt­tri­büne des Sta­dions Nuevo Gas­ó­metro“. Aus dem Fenster kann der 35 Jahre alte Argen­ti­nier direkt auf den Rasen bli­cken. Die Spiel­stätte von San Lorenzo ist ein eigen­tüm­li­ches Kon­strukt.
 
Wie aus dem Bau­kasten hat man vier schlichte Beton­tri­bünen um das Spiel­feld grup­piert. Wäh­rend der Mili­tär­dik­tatur in Argen­ti­nien war San Lorenzo 1979 von seinen Wur­zeln im Stadt­teil Almagro der Haupt­stadt Buenos Aires ver­trieben worden.
 
Ber­nardo Romeo, gut ein halbes Jahr sind Sie nun im Amt. Wie fällt ihre Bilanz aus?
Sehr positiv. Als ich anfing, herrschte viel Unruhe und Chaos im Klub. In der Vor­saison hatten wir uns erst in der Rele­ga­tion knapp den Klas­sen­er­halt gesi­chert. Seitdem arbeite ich gemeinsam mit dem neuen Prä­si­denten Matías Lam­mens und Trainer Pizzi rund um die Uhr daran, das Schiff wieder flott zu kriegen. Wir haben schon einiges bewegt, aber noch liegt ein weiter Weg vor uns. Zumin­dest haben wir uns zuletzt ein biss­chen von den unteren Tabel­len­re­gionen ent­fernt.
 
Für Sie per­sön­lich war es ein Sprung ins kalte Wasser. Vom Platz direkt auf den Mana­ger­posten.
Ja, das stimmt. Am 2. Juli 2012 habe ich in der Rele­ga­tion gegen Insti­tuto de Cór­doba mein letztes Spiel für San Lorenzo als Profi bestritten. Drei Monate später kam schon das Angebot, als Manager zu arbeiten. Mir hat der Gedanke gleich gefallen. Am Ende der Kar­riere macht man sich ja schon Gedanken, in wel­cher Form es wei­ter­gehen soll. Ich war mir früh klar, dass ich eher als Manager denn als Trainer arbeiten wollte. Da steht man nicht ganz so in der Schuss­linie und kann etwas ruhiger arbeiten. Ich denke, das liegt mir mehr.
 
Die Auf­gabe hätte aber kaum anspruchs­voller sein können. Der Klub steckt sowohl sport­lich als auch finan­ziell in großen Pro­blemen. Ist das nicht ein biss­chen viel für einen Novizen als Manager?
San Lorenzo ist mein Klub. Da musste ich nicht lange über­legen. Ich möchte dem Verein in diesen schwie­rigen Zeiten helfen und Ver­ant­wor­tung über­nehmen. Noch ist natür­lich vieles neu für mich. Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss. Aber die Auf­gabe macht unheim­lich viel Spaß. Ich liebe die Her­aus­for­de­rung. Mein Ver­trag läuft noch bis Dezember. Dann wird die Klub­füh­rung neu gewählt und man wird sehen, wie es anschlie­ßend wei­ter­geht.
 
Mit vielen Spie­lern des aktu­ellen Kaders haben Sie noch zusam­men­ge­spielt. Bringt der Sei­ten­wechsel Pro­bleme mit sich?
Die Situa­tion ist natür­lich nicht ganz ein­fach. Plötz­lich bin ich nicht mehr der Kol­lege son­dern der Vor­ge­setzte. Aber die Jungs wissen, nach wel­chen Maximen ich handle. Ich bin immer gerad­linig. Gegen­sei­tiger Respekt steht für mich an erster Stelle. Von daher gibt es auch keine Pro­bleme. Wir alle wissen, in welch schwie­riger Situa­tion sich der Klub befindet. Alle müssen nun an einem Strang ziehen und per­sön­liche Dinge hinten anstellen, damit es wieder auf­wärts geht. Das ist ein langer Weg, und wir werden viel Geduld brau­chen.
 
Der Mana­ger­posten an sich hat in Argen­ti­nien keine große Tra­di­tion.
Richtig. Momentan haben in der ersten Liga glaube ich nur Vélez Sárs­field, Racing Club, Estu­di­antes de La Plata und Colón de Santa Fé einen Manager. Dabei ist für mich ein Bin­de­glied zwi­schen Mann­schaft und der Klub­füh­rung unver­zichtbar. Beson­ders als Ex-Profi mit jah­re­langer Erfah­rung kann man sich ganz anders ein­bringen und wert­volle Denk­an­stöße geben. Jemand, der nie selbst Fuß­ball gespielt hat, sieht viele Dinge viel­leicht anders. Den meisten Funk­tio­nären, die aus anderen Berei­chen kommen, fehlt oft­mals dieses Insi­der­wissen. Zudem sind viele ja auch wei­terhin in anderen Berufen tätig und können dadurch allein schon aus Zeit­gründen nicht ständig prä­sent sein.
 
Findet in dieser Rich­tung der­zeit ein Struk­tur­wandel im argen­ti­ni­schen Fuß­ball statt?
Noch ist es viel­leicht etwas früh, diese Frage mit Ja zu beant­worten. Doch zumin­dest scheinen immer mehr Klubs zu erkennen, wie wichtig ein Manager ist. Ins­be­son­dere wenn es darum geht, Struk­turen im Verein von der Jugend bis zu den Profis zu ordnen und pro­fes­sio­neller zu gestalten. In Europa ist das ja schon seit langer Zeit der Fall. Argen­ti­nien ver­fügt über sehr gute Spie­lern und Rah­men­be­din­gungen, aber wir müssen viel pro­fes­sio­neller werden, um das vor­han­dene Poten­zial noch besser aus­zu­schöpfen.
Sie waren drei­ein­halb Jahre in der Bun­des­liga aktiv. Haben Sie sich da Dinge abge­schaut, die Sie nun gerne umsetzen möchte?
Auf jeden Fall. Es ist ja bekannt, wie gut orga­ni­siert alles in Deutsch­land ist. Und auch sport­lich hat das Niveau der Bun­des­liga in den letzten Jahren enorm zuge­nommen. Das haben nicht zuletzt Bayern Mün­chen und Borussia Dort­mund in der Cham­pions League ein­drucks­voll demons­triert. Meine Zeit im Aus­land hat meinen Hori­zont unheim­lich erwei­tert. Aus den Erfah­rungen schöpfe ich viele Ideen, die ich nun hier bei San Lorenzo gerne umsetzen möchte. Ein Bei­spiel sind die Finanzen. Bis auf wenige Aus­nahmen haben die Klubs in Deutsch­land ihre Finanzen im Griff. Hier ist das nicht der Fall. Das erschwert die Auf­gabe, sport­lich etwas auf­zu­bauen und wett­be­werbs­fähig zu sein.
 
Kurz nachdem Sie zum HSV gewech­selt sind, kam mit Dietmar Bei­ers­dorfer ein junger Manager. Für ihn war es damals die erste Sta­tion. Dient Bei­ers­dorfer Ihnen mög­li­cher­weise als Vor­bild?
Ein paar Par­al­lelen sind durchaus vor­handen. Er war auch sehr jung, als er in Ham­burg anfing und hatte keine vor­he­rige Erfah­rung als Manager. Ins­ge­samt hat er groß­ar­tige Arbeit abge­lie­fert. Auch der HSV schwamm damals nicht im Geld. Aber Bei­ers­dorfer hat daraus eine Tugend gemacht. Mit einem guten Blick für Talente und Ver­hand­lungs­ge­schick hat er Spieler geholt, die bei den großen Ver­einen noch nicht ganz oben auf dem Zettel standen. Khalid Bou­lah­rouz und Daniel van Buyten zum Bei­spiel. Später kamen dann Rafael van der Vaart und Nigel de Jong hinzu. Das hat mich beein­druckt und ist sicher­lich ein Weg, der auch für San Lorenzo inter­es­sant sein kann.
 
Wie viel Kon­takt haben Sie noch nach Ham­burg?
Allzu eng ist er leider nicht mehr. Rodolfo Car­doso ist einer der wenigen, mit dem ich noch regel­mäßig tele­fo­niere. Und wenn er in Buenos Aires ist, dann treffen wir uns. Er hält mich auf dem Lau­fenden über den HSV. Mitt­ler­weile ist er ja schon fast ein Deut­scher (lacht). Ansonsten sind aus meiner Zeit ja keine Spieler mehr da. Bar­barez, Hol­ler­bach, Piecken­hagen und wie sie alle heißen.
 
Was bedeutet die Stadt Ham­burg im Rück­blick für Sie?
Mit Ham­burg ver­binde ich nur die besten Erin­ne­rungen. Eine wun­der­bare Stadt, in der meine Familie und ich uns immer sehr wohl­ge­fühlt haben. Von dem Schmud­del­wetter reden wir an dieser Stelle mal nicht (lacht). Das war in der Tat eine Kata­strophe.
 
Und der Verein HSV?
Ein Top-Verein, der mich begeis­tert hat. Ein tolles Sta­dion, immer voll. Dazu die lei­den­schaft­li­chen Fans. Nur mit der Sprache hat es nicht so gut geklappt. Ich habe mich unheim­lich schwer getan, richtig Deutsch zu lernen.
 
Aber im Fuß­ball kommt man ja auch mit wenigen Worten aus, oder?
Genau. Als ich Anfang 2002 kam, war Kurt Jara der Trainer. Aus seiner Zeit als Spieler beim FC Valencia konnte er ein biss­chen Spa­nisch. In den Mann­schafts­be­spre­chungen brauchte er aber nicht viele Worte. Mit beiden Händen hat er ein Rechteck in die Luft gemalt und dann mit dem Finger in die Mitte gedeutet: Du, Ball, da rein!“ Das war’s (lacht). Die Pfeile auf der Tak­tik­tafel mit den Lauf­wegen waren für die anderen. Meine Auf­gabe war klar: Tore schießen, egal wie.
 
Das hat ja auch ganz gut geklappt. In Ham­burg schwärmen die Fans noch heute von Ihrer Tor­quote: 35 Treffer in 77 Par­tien.
Darauf bin ich sehr stolz. Es freut mich, dass die Fans sich gerne an mich erin­nern. Die Quote ist in der Tat nicht übel (lacht). Das ist das beste Argu­ment dafür, dass die Fans dich lieben. Aber ich denke auch, dass die Leute regis­triert haben, dass ich immer alles für ihren Klub gegeben habe und ihnen stets mit viel Respekt begegnet bin.
 
Für Ihren Lands­mann Cris­tian Ledesma, mit dem Sie beim HSV kurz zusam­men­ge­spielt haben, lief es dagegen nicht so gut. Nach nur 16 Ein­sätzen war für ihn Schluss.
Da war auch viel Pech im Spiel. Für ihn war das damals seine erste Aus­lands­sta­tion. Ob der hohen Ablö­se­summe waren die Erwar­tungen an ihn enorm. Und dann traf er auf einen Trainer mit Kurt Jara, der nicht voll auf ihn setzte. Dass er ein her­vor­ra­gender Spieler ist, hat er aber hin­terher bei seinen anderen Klubs ein­drucks­voll bewiesen. Der­zeit ist er bei River Plate gesetzt und spielt eine tolle Saison. Das freut mich unheim­lich für ihn.
 
Ihr Ende in Ham­burg begann mit dem Abgang von Klaus Topp­möller im Herbst 2005. Dessen Nach­folger Thomas Doll hat nicht mehr auf Sie gesetzt – trotz Ihres Tor­rie­chers. Hat Sie das ent­täuscht?
Nein, nicht wirk­lich. Thomas Doll hatte eben andere Vor­stel­lungen. Er hat mit Ben­jamin Lauth und Emile Mpenza auf zwei schnelle, sprint­starke Stoß­stürmer gesetzt. Da habe ich plötz­lich nicht mehr ins Kon­zept gepasst. Groß erklärt hat er mir das nicht. Aber so ist das im Fuß­ball eben. Ich saß auf der Bank, trotz meiner Top-Quote. Denn auch wenn ich reinkam, habe ich wei­terhin meine Tore gemacht. Das war eine sehr unan­ge­nehme Situa­tion für mich. Irgend­wann wollte ich ein­fach wieder regel­mäßig spielen. Schließ­lich kam das Angebot aus Spa­nien vom RCD Mal­lorca. Alles ist sauber gelaufen. Ich bin keinem böse.
 
Wann waren Sie denn das letzte Mal in Ham­burg?
Das ist schon eine ganze Weile her. Mit Osasuna in der Cham­pions League-Qua­li­fi­ka­tion 2006. Nach dem 0:0 im Volks­park haben wir zu Hause 1:1 gespielt und der HSV ist damals in die Grup­pen­phase ein­ge­zogen. Anschlie­ßend haben mich Kum­pels wie David Jarolim immer mal wieder ein­ge­laden. Aber irgendwie hat es zeit­lich leider nie geklappt. Auch jetzt bin ich sehr beschäf­tigt. Trotzdem hoffe ich, irgend­wann zurück­zu­kehren.

Ver­missen Sie manchmal die über­wie­gend fried­liche Stim­mung in den deut­schen Sta­dien? In Argen­ti­nien scheint die Gewalt im Fuß­ball immer extremer zu werden.
Das ist in der Tat ein trau­riges Thema. Es kann nur gelöst werden, wenn alle zusam­men­ar­beiten: Fans, Ver­eine und Sicher­heits­kräfte. Auch die Politik ist gefor­dert. Denn was an Gewalt in und um die Sta­dien pas­siert, ist auch ein Spie­gel­bild der Gesell­schaft. So kann es auf jeden Fall nicht wei­ter­gehen. Es muss end­lich etwas pas­sieren. Die Begeis­te­rung für den Fuß­ball nimmt Schaden und die Gewalt beschmutzt diesen wun­der­baren Sport. Wir alle wissen, wie fuß­ball­ver­rückt die Argen­ti­nier sind. Davon lebt der Sport ja auch und wir alle wollen gute Stim­mung in den Sta­dien. Letzt­lich ist es aber nur ein Spiel und die Euphorie darf nicht in Fana­tismus umschlagen. Erst vor ein paar Tagen sind Hoo­li­gans auf dem Ver­eins­ge­lände von Zweit­li­gist Huracán ein­ge­fallen. Das ist unfassbar.
 
In Argen­ti­nien ist vor allem der Abstiegs­kampf hart.
Richtig. In Europa wird das gelas­sener gesehen. Aber hier haftet einem Abstieg ein enormes Stigma an. Für die meisten Fans bricht eine Welt zusammen. Da ist soviel Lei­den­schaft im Spiel, dass diese leider häufig in Gewalt umschlägt.

Spielt der Liga­modus der Kurz­tur­niere, den soge­nannten tor­neos cortos“, dabei auch eine Rolle? In Argen­ti­nien spielt man keine Saison mit Hin- und Rück­runde, son­dern kürt pro Jahr prak­tisch zwei Meister.
Sicher­lich. Dadurch bleibt den Klubs und Trai­nern noch weniger Zeit, als in Europa. Es ist fast unmög­lich, lang­fristig zu planen und etwas auf­zu­bauen. Statt­dessen denkt man nur von Spiel zu Spiel. Das erzeugt einen enormen Druck, der sich von den Tri­bünen auf den Rasen poten­ziert. Eine Art per­ma­nenter Alarm­zu­stand. Das schafft natür­lich eine hit­zige Atmo­sphäre, die sich dann leider oft in den fal­schen Bahnen ent­lädt. Ein Trainer, der drei, vier Spiele ver­liert, muss sofort gehen. Das ist ver­rückt. Aber gut, mit dieser Situa­tion müssen wir umgehen. Hof­fent­lich ändert sich die Men­ta­lität mit der. Doch die Struk­turen lassen sich nur langsam ver­än­dern. Da spielen die Spon­soren, die Medien und die Ver­bände mit rein.
 
Abschlie­ßend noch eine Frage zu einem erfreu­li­cheren Thema: Was hat die Papst­wahl für San Lorenzo bedeutet?
Die Wahl von Jorge Ber­go­glio war eine groß­ar­tige Geschichte für den Klub. Ein Argen­ti­nier als Papst, der dazu noch glü­hender Anhänger von San Lorenzo ist. Der Verein war über Nacht welt­weit in den Fokus gerückt. Das öffnet uns natür­lich Türen. Die Mög­lich­keiten müssen wir jetzt nutzen, um den Klub vor­an­zu­bringen. Eine Europa-Tournee wäh­rend der Vor­be­rei­tung ist zum Bei­spiel eine Option.