Seite 3: „Khedira 2014? Ein Zeichen großer mentaler Stärke“

Das Selbst­ver­trauen von Spie­lern lässt sich also gezielt auf­bauen?
Sofern der Spieler von sich aus dazu bereit ist, ja. Bei Spie­lern, die es bis zur Natio­nal­mann­schaft gebracht haben, ist das sicher auch so. Es gibt aber bei jedem Men­schen Phasen, in denen es sinn­voll ist, daran erin­nert zu werden. Wenn ich mir selbst ver­traue, dann könnte ich mich auch weniger ver­letzen, weil ich meinem Körper ver­traue.

Kann das nicht dazu führen, dass man sich über­schätzt und spielen will, obwohl es im Muskel zwickt?
Ganz im Gegen­teil. Viel­leicht ist Selbst­be­wusst­sein“ in diesem Zusam­men­hang der prä­zi­sere Begriff als Selbst­ver­trauen“. Wer sich der eigenen Stärken und Schwä­chen genau bewusst ist, ein Bewusst­sein für seinen Körper hat und auf Signale achtet, kann besser Ent­schei­dungen treffen, die der Mann­schaft dienen. Das beste Bei­spiel ist Sami Khe­dira. Beim Auf­wärmen vor dem Finale der WM 2014 hat er gemerkt, dass etwas nicht stimmt, dass er sich ver­letzt hat. Ihm war klar, dass er seine Leis­tung nicht hun­dert­pro­zentig abrufen können würde und darauf ver­zichtet, das größte Spiel seines Lebens zu spielen, um den Erfolg der Mann­schaft nicht zu gefährden. Das zeugt von großer men­taler Stärke.

Letzt­lich bleibt das alles aber Vor­be­rei­tung. Wäh­rend des Spiels haben Sie keinen Ein­fluss. Frus­triert es Sie, wenn Sie merken, dass ein Spieler auf dem Platz in alte Muster zurück­fällt?
Ich ärgere mich jeden­falls nicht über den Spieler. Wenn er auf dem Platz nicht das abrufen kann, was wir bespro­chen haben, dann war es even­tuell schlicht der fal­sche Weg für ihn oder er hat in dem Bereich noch Trai­nings­be­darf. Dann geht die Arbeit eben nach dem Spiel weiter. Anders­herum freue ich mich mit dem Spieler, wenn ich merke, dass ihm meine Arbeit geholfen hat.

Paul Breitner sagt, dass er sich bis heute nicht daran erin­nern kann, im Finale der WM 1974 den Elf­meter zum Aus­gleich erzielt zu haben. Da wäre jede Art von men­taler Vor­be­rei­tung wohl umsonst gewesen.
Wirk­lich? (Lacht.)

Ja. Er selbst glaubt, dass es daran lag, dass er sich so stark kon­zen­triert hat.
Wenn das wirk­lich stimmt, muss er in einem Tunnel gewesen sein. Wie gesagt, Einige Spieler bringen sich im Laufe ihrer Kar­riere gewisse Men­tal­tech­niken auch selbst bei. Eine sport­psy­cho­lo­gi­sche Vor­be­rei­tung wäre also nur inso­fern umsonst gewesen, dass Breitner sie in dem Fall schlicht nicht nötig hatte. Wobei mir ein totaler Film­riss wirk­lich noch nie unter­ge­kommen ist.

Ist das schon wieder bedenk­lich?
Es erschwert zumin­dest meine Arbeit. Ich kann mit Spie­lern keine Erfah­rungen auf­ar­beiten, an die sie sich nicht erin­nern. (Lacht.) Aber eigent­lich kann man immer ver­su­chen, solche Situa­tion auf­zu­ar­beiten. Man könnte bei­spiels­weise gemeinsam Videos von sol­chen Momenten bespre­chen. In dem Fall wäre das aber wahr­schein­lich nicht nötig, er hat ja getroffen. (Lacht.)