Seite 2: „Die Fans sind ganz entscheidend für den Erfolg“

Wie sieht so ein Work­shop zum Thema Druck aus?
Man kann bei­spiels­weise in Klein­gruppen Erfah­rungen aus­tau­schen. Wann habe ich Druck­si­tua­tion schon mal erlebt? Wie bin ich damals damit umge­gangen? Außerdem ver­suche ich, kör­per­liche Pro­zesse, die damit zusam­men­hängen, trans­pa­rent zu machen. Ich möchte, dass die Spieler ver­stehen, was mit ihnen in so einer Situa­tion pas­siert. Das nimmt ihnen ein wenig die Angst vor dem Druck und hilft, damit umzu­gehen. Was ich vielen Spie­lern erkläre, ist, dass Druck nicht nur normal ist, son­dern auch wichtig, um Leis­tung bringen zu können. Wenn ein Spieler das begriffen hat, ist er schon einen ganzen Schritt weiter. Druck ist für Fuß­ball­spieler wie eine Welle für Surfer. Er baut sich vor dir auf und kann ein­schüch­tern wirken, aber du bist auf ihn ange­wiesen. Je höher die Welle, desto weiter kann sie dich tragen, falls du weißt, wie. Darauf folgt eine Ruhe­phase, in der Wasser und Geist ruhen sollten.

In der heu­tigen Zeit von Life­hacks und Inter­net­er­folgs­gurus scheint es für jede Her­aus­for­de­rung eine ein­fache Lösung zu geben. Gibt es solche Tipps & Tricks in der Sport­psy­cho­logie?
Tricks in diesem Sinne gibt es nicht. Natür­lich gibt es Rituale und kleine Übungen, die sich viele Spieler ange­wöhnen. Atem­tech­niken, zum Bei­spiel. Was helfen kann, ist, sich immer auf über­schau­bare, kon­krete Hand­lungs­auf­gaben zu kon­zen­trieren. Dann spielt das Drum­herum in diesem Moment keine Rolle mehr.

Eine Ball­an­nahme bleibt eine Ball­an­nahme, ob vor 10 oder 10.000 Zuschauern.
Genau. Aber wie gesagt: Druck kann leis­tungs­för­dernd sein. Ganz aus­blenden sollte man die Zuschauer oder das Ereignis im grö­ßeren Kon­text also nicht. Von einigen Spie­lern weiß ich, dass sie Fans brau­chen, um Höchst­leis­tungen zu erbringen. Das merkt man ja gerade bei der Natio­nal­mann­schaft auch immer wieder. In Test­spielen, bei denen es um nichts geht, fällt es ihr manchmal schwer, Leis­tung abzu­rufen.

Dann sind Fak­toren wie Stim­mung im Sta­dion und Heim­vor­teil mehr als nur Fuß­ball­ro­mantik?
Vieles deutet darauf hin. Es ist ganz ent­schei­dend, sich die Energie der Fans als Mann­schaft zunutze zu machen. Die Fran­zosen sind nicht ohne Grund auf dem besten Wege, ihr drittes von drei großen Tur­nier im eigenen Land zu gewinnen.

Wie bereitet man jemanden, abge­sehen von Erfah­rungs­aus­tausch, psy­chisch auf den extremen Druck eines EM-Finales vor?
Ich könnte mit ihnen indi­vi­du­elle Stärken defi­nieren und ihnen ihre besten Spiele und Erfah­rungen in Erin­ne­rung rufen. Es gibt einen Grund, warum sie im Finale der Euro­pa­meis­ter­schaft stehen. Außerdem rate ich ihnen, sich aus­führ­lich mit Details zu beschäf­tigen, die auf den ersten Blick unwichtig oder selbst­ver­ständ­lich erscheinen: Wo genau spielen wir? Zu wel­cher Uhr­zeit spielen wir? Wie ist das Wetter? Damit ver­in­ner­li­chen sie unbe­wusst das Gefühl, alles unter Kon­trolle zu haben. Viele wenden diese Men­tal­stra­te­gien ohnehin an, ohne es zu merken. Meine Auf­gabe ist es, sie dafür zu sen­si­bi­li­sieren und ihnen gege­be­nen­falls neue Werk­zeuge mit­zu­geben.