Per Mer­te­sa­cker machte sich keine Gedanken um sein Bild in der Öffent­lich­keit, er wollte ein­fach nur hilfs­be­reit sein. Der Innen­ver­tei­diger erhob sich von seinem Platz, ging an die Sei­ten­linie und reichte Thomas Müller ein Hand­tuch. Der große Thomas Häßler hat, als er schon nicht mehr ganz so groß war, auch einmal nie­dere Dienste ver­richtet. In einem Pokal­spiel schleppte er einen Sech­ser­träger mit Getränken übers Feld. Das Bild wurde anschlie­ßend immer wieder her­vor­ge­kramt, um Häß­lers Abstieg vom Welt­meister zum Was­ser­träger zu illus­trieren. Per Mer­te­sa­cker ist davon weit ent­fernt – auch wenn er bei der Euro­pa­meis­ter­schaft noch nicht eine Sekunde gespielt hat.

Ver­mut­lich hat der Ver­tei­diger vom FC Arsenal nicht in erster Linie an sich selbst gedacht, als er Mitte Mai über die neue Qua­lität der deut­schen Natio­nal­mann­schaft phi­lo­so­phierte, über die üppigen per­so­nellen Mög­lich­keiten des Bun­des­trai­ners. Inzwi­schen könne jeder jeden ersetzen, sagte Mer­te­sa­cker. Wir brau­chen das auch, um viel­leicht im Viertel- oder Halb­fi­nale noch einmal den beson­deren Kick zu bekommen. Viel­leicht hat uns das in den letzten Tur­nieren gefehlt.“ Und viel­leicht kommt es den Deut­schen schon heute im Vier­tel­fi­nale gegen die Grie­chen zugute.

Wenn man wissen will, welch erfreu­liche Ent­wick­lung der deut­sche Fuß­ball genommen hat, muss man nur auf die Ersatz­bank schauen. Da sitzen bei dieser EM neben Mer­te­sa­cker: Miroslav Klose, der zweit­beste Tor­schütze der Län­der­spiel­ge­schichte, Toni Kroos, der einmal als Jahr­hun­dert­ta­lent geführt wurde, Mario Götze, der Kroos inzwi­schen beerbt hat, und Marco Reus, der beste Spieler der abge­lau­fenen Bun­des­li­ga­saison. Es ist ein gutes Gefühl, wenn ich weiß, dass von der Bank immer Qua­lität in unser Spiel kommt“, sagt Joa­chim Löw. Alle, die dabei sind, können auch spielen.“ Am Sonntag gegen Däne­mark nahm der Bun­des­trainer nach einer Stunde Lukas Podolski vom Feld. Er hat nicht mehr viel gemacht“, sagte sein Gegen­spieler Lars Jacobsen. Der Typ, der dann reinkam, war viel gefähr­li­cher. Der hatte viel mehr Speed in den Beinen und hat mir einige Pro­bleme gemacht.“ Der Typ war André Schürrle.

Marco Reus sitzt im Pres­se­büro der Natio­nal­mann­schaft. Überall liegen deut­sche Zei­tungen, Bus­fahrer Wolf­gang Hoch­fellner steht am Kopierer, Holger Bad­stuber lässt sich am Com­puter etwas zeigen – und Joa­chim Löw ist auch da. Der Bun­des­trainer spricht aus dem Fern­seher, er sitzt bei der Pres­se­kon­fe­renz, 300 Meter Luft­linie ent­fernt. Manchmal schaut Reus mit einem Auge zum Fern­seher und ver­sucht, ein paar Wörter auf­zu­schnappen.

Es war ganz am Anfang der Vor­be­rei­tung, als Löw bei einer sol­chen Pres­se­kon­fe­renz aus dem Nichts eine neue Rolle für Reus ent­warf. Er würde ihn gerne mal ganz vorne im Sturm sehen, weil Reus wendig, beweg­lich und abschluss­stark sei. Gegen große ath­le­ti­sche Innen­ver­tei­diger – da ist er prä­de­sti­niert“. Als die Deut­schen gegen die Dänen mit ihren großen und ath­le­ti­schen Innen­ver­tei­di­gern spielten, blieb Reus 90 Minuten auf der Bank, genauso wie in den beiden Spielen zuvor. Für mich ist es brutal schwer, nicht ein­greifen zu können“, sagt der Offen­siv­spieler von Borussia Mön­chen­glad­bach. Ich war in Mön­chen­glad­bach ein wich­tiger Spieler – daher ist es schwierig, bei der Natio­nal­mann­schaft nur auf der Bank zu sitzen. Ich muss erst lernen, damit umzu­gehen.“

Löw hat immer wieder gesagt, dass man ein Tur­nier nie mit der­selben Mann­schaft beenden werde, mit der man es begonnen hat. Bisher hat es den Anschein, als wollte er sich selbst wider­legen. Die Deut­schen haben alle drei Vor­run­den­spiele mit der­selben Auf­stel­lung bestritten, die ein­zige Ände­rung, die Löw vor­ge­nommen hat, war eine erzwun­gene: Weil Jerome Boateng gegen Däne­mark gesperrt war, rückte Lars Bender in die Startelf. Selbst bei den Aus­wechs­lungen hat Löw sich als extrem bere­chenbar erwiesen. In allen drei Spielen hat er Kroos und Klose ein­ge­wech­selt. Und Bender konnte der Bun­des­trainer gegen Däne­mark nur des­halb nicht zum dritten Mal bringen, weil er von Anfang an spielte.

Von den 23 Spie­lern im deut­schen EM- Kader haben acht noch keine ein­zige Minute gespielt. Es sind einige dabei, von denen das zu erwarten war, aber eben auch her­aus­ra­gende Fuß­baller wie Reus und Götze. Wenn man es positiv wenden will, könnte man sagen: Die Deut­schen besitzen auf ihrer Bank, auch mit Kroos, Schürrle und Klose, noch eine Menge Droh­po­ten­zial – und mög­li­cher­weise hält Löw es bewusst zurück. Das ist anders, als vor sechs Jahren bei der WM. Im Grunde hatten Löw und sein dama­liger Chef Jürgen Klins­mann nur David Odonkor. Der berei­tete im zweiten Grup­pen­spiel gegen Polen das 1:0 vor und brachte damit die Nation zum Tanzen. Doch als die Deut­schen das Über­ra­schungs­mo­ment drin­gender gebraucht hätten, im Halb­fi­nale gegen Ita­lien, war Odon­kors Spiel längst ent­schlüs­selt.

Joa­chim Löw hätte Marco Reus gegen Hol­land beim Stand von 2:0 ein paar Ein­satz­mi­nuten schenken können – aber viel­leicht wollte er noch nicht zu viel preis­geben. Viel­leicht braucht er ihn für einen bestimmten Moment. Viel­leicht schon heute gegen die sper­rigen Grie­chen. Das ist mein erstes Tur­nier, da möchte man natür­lich nicht bis zum letzten Moment warten“, sagt Reus. Aber wenn ich am Ende ein ent­schei­dender Faktor sein kann, nehme ich das gerne an.“

Mario Götze hat dieser Tage erzählt, dass es an ihm nage, nicht spielen zu dürfen: Ich zweifle an mir. “ Marco Reus berichtet von Gesprä­chen mit dem Bun­des­trainer, der den Reser­visten immer wieder auf­trägt, dass man dran­bleiben soll, weil alles pas­sieren kann“. Eine Garantie ist das nicht. Man weiß ja nie, wie so ein Tur­nier läuft“, sagt Reus, des­halb könne der Bun­des­trainer ihnen auch nicht ver­spre­chen, dass ihr Moment noch kommen werde. Man sollte sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Sonst kommt es anders, und der Bun­des­trainer hätte sein Wort nicht gehalten. Das wäre natür­lich nicht schön für ihn.“ Für Marco Reus auch nicht.