Als ost­deut­scher Fuß­ball­meister träumte man bei Dynamo Dresden lange von einem Auf­ein­an­der­treffen mit dem west­deut­schen Meister Bayern Mün­chen. Fuß­ball war in Dresden schon immer die wich­tigste Neben­sache der Welt gewesen, und in Zeiten des Euro­pa­po­kals einer der wenigen kon­kreten Schnitt­punkte, die sich den Ost­deut­schen mit dem Westen noch boten.

Am Ufer der Elbe riefen die Fans: Ob es regnet oder schneit zu DY-NA-MO!!! DY-NA-MO!!!‘ ist es nie zu weit.“ Das galt natür­lich nur, wenn die beste Elf des Ostens nicht gerade im Westen antreten musste. Denn die Spiele die dort statt­fanden, konnten die Men­schen in Dresden ledig­lich am Fern­seher ver­folgen. So auch die Aus­lo­sung des Euro­pa­po­kals, als am 5. Oktober 1973, in einem Saal des noblen Grand Hotel“ von Zürich, vor lau­fenden Fern­seh­ka­meras eine Hand ele­gant in den glä­sernen Pokal griff, um die Begeg­nungen der zweiten Runde zu losen. Dynamo Dresden konnte in der ersten Runde mit Juventus Turin bereits eines der stärksten Teams aus­schalten, Bayern Mün­chen setzte sich sou­verän gegen den schwe­di­schen Meister Atvida­berg FF durch und war nun selbst größter Schre­cken der Ver­blie­benen. Außer natür­lich für Dresden. Hier träumte man weiter von einer Partie gegen die Mann­schaft von Udo Lattek. Es wäre das größte, einmal gegen die Bayern zu spielen. Größer noch als gegen Turin, Glasgow oder Madrid. Denn wenn die Besten im Osten gegen die Besten aus dem Westen gewinnen sollten, wären sie schließ­lich der wahre deut­sche Meister.

Bisher hatte der Fuß­ball­gott immer etwas gegen diese Begeg­nung gehabt. Erst an diesem Mittag des 5. Oktober 1973, im noblen Saal des Grand Hotel“ von Zürich, als die Hand so ele­gant den nächsten Gegner von Bayern Mün­chen aus dem glä­sernen Pokal zog, war es soweit: Dynamo Dresden.“ Das Traumlos für das Traum­duell, end­lich spielte Dynamo Dresden gegen den FC Bayern Mün­chen, end­lich. In Dresden wurde über nichts anderes mehr geredet. Auf der Straße, in den Betrieben, den Kneipen, den Fami­lien und natür­lich bei Dynamo selbst.

Hallo Dresden!“

Eine Stunde nach nach der Aus­lo­sung klin­gelte bei Heinz Maier das Telefon. Trotz der völlig ver­al­teten und oft kaputten Lei­tungen, hatte es Rolf Gro­ther von der Münchner Abend­zei­tung geschafft, den Vize­prä­si­dent von Dynamo Dresden zu errei­chen: Hallo Dresden! Herz­li­chen Glück­wunsch zum ersten echten Kräf­te­ver­gleich der beiden deut­schen Meister.“ Maier ent­geg­nete fra­gend: Warum soll im Fuß­ball nicht geschehen, was in anderen Sport­arten längst üblich ist?“ Gro­ther: Was weiß man denn in Dresden von Bayern Mün­chen?“ Wir kennen sie alle. Von Becken­bauer bis Maier. Ein Gegner, der Respekt ver­dient, aber wir gehen vor den Bayern nicht in Ehr­furcht auf die Knie.“ Dann wird es poli­ti­scher, als der West­deut­sche den Ost­deut­schen fragt: Erwarten sie einen Pres­ti­ge­kampf der beiden deut­schen Meister?“ Maier diplo­ma­tisch: Wir sehen die Begeg­nung mit Bayern Mün­chen vom rein sport­li­chen Stand­punkt aus.“ Freut man sich in Dresden auf das Duell gegen Bayern?“ Wir wollen im Euro­pa­pokal wei­ter­kommen.“ Dann Gro­thers letzte Frage: Betrachten Sie es als Vor­teil, dass Sie zuerst nach Mün­chen müssen?“ Maier: In gewissem Sinne schon, denn die end­gül­tige Ent­schei­dung, wer wei­ter­kommt, fällt erst in unserem 35.000 Mann Sta­dion in Dresden. Dieser Platz heißt nicht umsonst der Hexen­kessel der DDR’.“

Für das Minis­te­rium für Staats­si­cher­heit war das Spiel gegen Bayern wahr­lich kein Traum, viel­mehr ein Alp­traum. Gegen Mann­schaften des kapi­ta­lis­ti­schen Aus­lands“ zu spielen, bedeu­tete in der Dresdner Zen­trale immer höchste Alarm­be­reit­schaft. Unge­fähr zu glei­cher Zeit, als das deutsch-deut­sche Inter­view geführt wurde, erhielt auch Erich Mielke in der Zen­trale für Staats­si­cher­heit einen Anruf. Und wenn er es nicht schon gewusst hatte, wusste er es jetzt: aus­ge­rechnet gegen den Meister der Bun­des­re­pu­blik.

Kein Rück­spiel im Leip­ziger Zen­tral­sta­dion

Etwas Schlim­meres konnte nicht pas­sieren. Von nun an war jeder Schritt genau zu über­legen – mög­lichst schneller als der Klas­sen­feind“. Also star­tete noch am glei­chen Tag die Aktion Vor­stoß“ zur Ver­hin­de­rung jeder nega­tiven Vor­komm­nisse im Zusam­men­hang mit den beiden Spielen“. Über­le­gungen, das Rück­spiel in das 100.000 Men­schen fas­sende Zen­tral­sta­dion in Leipzig zu ver­legen, wurden aber schnell ver­worfen. Das Rück­spiel sollte in Dresden statt­finden, so wie das Hin­spiel in Mün­chen. Am 24. Oktober 1973 um 20 Uhr. Bis dahin waren es noch 19 Tage.

Um die bekannten Unbe­kannten aus Mün­chen vor dem großen Spiel wenigs­tens einmal live gesehen zu haben, musste sich Dynamos Meis­ter­trainer Walter Fritzsch also beeilen. Ganz so, wie es Vize­prä­si­dent Maier dem Redak­teur der Münchner Abend­zei­tung noch mit­ge­teilt hatte: Unser Trainer Walter Fritzsch wird zusammen mit Abtei­lungs­leiter Dieter Fuchs in die Bun­des­re­pu­blik fahren, um Infor­ma­tionen über die der­zei­tige Spiel­stärke der Bayern an Ort und Stelle zu bekommen.“ Abtei­lungs­leiter“ Fuchs war in Wahr­heit ein Haupt­mann der Volks­po­lizei und Mann der Stasi, aber eine solche Beglei­tung war Walter Fritzsch auf seinen West-Reisen nicht fremd. Ohne einen Schatten durfte er noch nie rüber.

Die Super 8 zur Spio­na­ge­ar­beit

Als der Zug am 16. Oktober den Haupt­bahnhof von Dresden in Rich­tung Mün­chen ver­ließ, hatte Fritzsch für die Spio­na­ge­ar­beit natür­lich seine Super 8 Kamera dabei. Auch seine eigenen Spieler filmte der 53-jäh­rige bei jeder Gele­gen­heit. So also auch die Bayern-Stars in West-Deutsch­land, mit all ihren Schwä­chen und Stärken. Die beiden Gäste aus dem Osten wurden in Mün­chen von Herrn Wen­gen­meyer, Mit­glied des FC Bayern und ehe­ma­liger Bun­des­li­ga­schieds­richter, in Emp­fang genommen. Er sollte sich wäh­rend ihres Auf­ent­haltes in der bay­ri­schen Haupt­stadt um sie küm­mern. Haupt­mann Fuchs notierte: Wen­gen­meyer hin­ter­ließ einen ehr­li­chen, bie­deren Ein­druck, war stets um unser Wohl besorgt.“ Die Pres­se­stelle des Clubs streute sogar Falsch­mel­dungen unter den west­deut­schen Jour­na­listen. Die beiden Herren aus dem Osten würden erst am nächsten Tag anreisen, erst kurz vor dem Bun­des­li­ga­spiel der Münchner gegen den MSV Duis­burg. So hatten die beiden Herren in aller Ruhe Zeit, das Hotel zu sehen, in dem die Dresdner Mann­schaft nach dem Hin­spiel am 24. Oktober schlafen sollte. Haupt­mann Fuchs: Der Geschäfts­führer teilte uns mit, dass es eine große Ehre für das Esso-Hotel sei, Dynamo Dresden unter­zu­bringen. Gleich­zeitig gab er zu ver­stehen, das dadurch eine aus­ge­zeich­nete Reklame für sein Hotel ent­stehe.

Am nächsten Abend war es im Sta­dion mit der Ruhe vorbei. Haupt­mann Fuchs schrieb: Trainer Fritzsch wurde in den ersten 30 Minuten des Spiels von unge­fähr 20 Foto­grafen beläs­tigt. Danach wurden die Foto­grafen vom FC Bayern ener­gisch zurück­ge­wiesen.“ Trotzdem, ein kurzes Inter­view nach dem Spiel ließ sich nicht ver­meiden. Herr Fritzsch. Was sagen Sie zum Spiel Mün­chen gegen Duis­burg?“ Mün­chen hat ver­dient gewonnen, ein gutes Spiel,“ dik­tierte Fritzsch, ich konnte mich von der Spiel­stärke der Bayern über­zeugen.“ Rechnen Sie sich Chancen gegen den FC Bayern aus?“ Ja, wenn wir in Hoch­form auf­spielen. Trotzdem ist der FC Bayern Favorit.“ Wenn Sie die Spieler Ihrer Mann­schaft mit denen vom FC Bayern Mün­chen ver­glei­chen, was stellen Sie dann fest?“ Mit Müller, Becken­bauer und Hoe­ness hat Bayern Mün­chen 3 über­ra­gende Fuß­baller.“ Haupt­mann Fuchs hatte alles im Blick: Dieses Inter­view wurde im regio­nalen Pro­gramm Bayern am Don­nerstag, dem 18. Oktober um 18 Uhr aus­ge­strahlt. Das Inter­view führte ein Herr Drechsel.

Harry Vale­rien lädt ver­geb­lich ins Sport­studio ein

Fritzsch und Fuchs blieben zwei wei­tere Tage, um sich auch noch von dem Aus­wärts­spiel der Bayern in Kai­sers­lau­tern ein Bild zu machen. Am nächsten Morgen klin­gelte das Telefon. Haupt­mann Fuchs berichtet: Um zehn Uhr meldet sich zum ersten Mal das ZDF. Man teilte uns mit, das der Fern­seh­mo­de­rator Harry Vale­rien am Sonn­abend von Wies­baden aus eine zwei­stün­dige Sport­schau führt, und das man uns gerne ins Studio zum Inter­view ein­laden will. Wir lehnten ab.“ Die Mainzer blieben jedoch hart­nä­ckig. Haupt­mann Fuchs: Das ZDF rief uns noch 3‑mal an. Man lud uns z.B. als Stu­dio­gäste ein (ohne Inter­view) und fragte uns, ob wir lieber mit dem Auto oder dem Hub­schrauber nach Wies­baden kommen wollen. Und man infor­mierte uns, dass man zwei Flug­ti­ckets von Frank­furt aus gebucht hat und rech­nete uns vor, wie viel eher wir damit wieder in Dresden sein würden. Für 2 Minuten Inter­view zahle man 300 Mark. Wir lehnten aber alle Anfragen und Ange­bote weiter ab.“ Zum Leid­wesen der Bayern, denen dadurch gute Wer­bung für das Hin­spiel durch die Lappen ging. Der Vor­ver­kauf lief schlep­pend. Im Gegen­satz zur West­be­geis­te­rung der Ost­deut­schen, gab es 1973 schon lange keine Ost­be­geis­te­rung der West­deut­schen mehr. Bayern Ver­tei­diger Schwar­zen­beck: Wir haben nicht viel gewusst über Dresden, nicht wie über eine West­mann­schaft. Man kannte ein­zelne Namen, aber nur ent­fernt.“

Ganz anders Trainer Walter Fritzsch. Er kannte auch schon vor der Aus­lo­sung jeden Spieler der Bayern. Gemeinsam mit seinem Schatten fuhr er am Freitag, den 19. Oktober, mit dem Zug nach Kai­sers­lau­tern, zur zweiten Spiel­be­ob­ach­tung. Sie bezogen das gleiche Hotel wie die Mann­schaft von Bayern Mün­chen, und wurden am Abend sogar von Robert Schwan, Manager des FC Bayern, zum Essen ein­ge­laden. Mit am Tisch saßen Bayern-Trainer Udo Lattek, Mann­schafts­arzt Müller und der Chef­re­dak­teur einer Münchner Zei­tung. Haupt­mann Fuchs wusste Erfreu­li­ches zu notieren: In den zwei Stunden, die wir zusammen waren, führte fast nur Herr Schwan das Wort. Unter anderem sagte er, dass er schon mal in der DDR war und sich vom Wachstum unseres Landes über­zeugen konnte. Weiter sagte er, dass wir sach­liche, beschei­dene und intel­li­gente Men­schen haben. In spä­tes­tens 19 Jahren’, so meinte er, über­holen sie uns auf allen Gebieten’.

Selbst der FC Bayern ist nicht unschlagbar

Nach dem Spiel in Kai­sers­lau­tern konnte es sich Dres­dens Trainer auf dem Gebiet Fuß­ball‘ sogar in ein paar Tagen schon gut vor­stellen. Fritzsch kam mit dem Filmen gar nicht hin­terher, so viel pas­sierte. Am Ende ver­loren die Bayern mit 4:7 und lie­ferten ihm damit einen will­kom­menen Beweis, dass auch die Bayern nicht unschlagbar sind. So konnte er sich am nächsten Tag mit seinem Bewa­cher wieder auf den Heimweg begeben. Aller­dings nicht, ohne vorher noch einmal nein“ zu sagen – zu Harry Vale­rien. Und dabei wurde der Mode­rator extra mit dem Hub­schrauber ein­ge­flogen, in der Hoff­nung, doch noch ein Inter­view zu bekommen. Nicht als ein­ziger, weiß Haupt­mann Fuchs: Auch die ARD und der Süd-West-Funk wollten eines. Wir lehnten alles ab.“ In Dresden wid­mete sich Walter Fritzsch sofort seinen Auf­nahmen. Über jeden Spieler der Bayern machte er sich Notizen, mit denen er seine eigenen Spieler sport­lich auf das deutsch-deut­sche Meis­ter­duell ein­stellte. Auch die Stasi aus Berlin wollte vor dem Spiel in Mün­chen noch einmal mit der Dresdner Mann­schaft reden, schließ­lich ging es für die Partie über die Grenze.

Walter Fritzsch ließ die kom­menden Tage zwei mal täg­lich auf dem Hart­platz des Dynamo-Sta­dions trai­nieren. Er galt als harter Hund, der auf dem Platz lieber schnell als langsam spielen, laufen und denken ließ. Der Dynamo-Kreisel“ sollte immer auf vollen Touren laufen und den Gegner schwindlig spielen. Dafür war Dynamo unter seiner Regie bekannt, sogar berühmt, ja berüch­tigt geworden, wie die Bayern im Westen mit ihrer ähn­lich offen­siven Spiel­weise. Mal ging es gut, wie gegen Duis­burg, mal schief, wie gegen Kai­sers­lau­tern.

Der Aus­gang der Partie schien also relativ offen, als die Dele­ga­tion der Sport­ge­mein­schaft Dynamo Dresden“ am Morgen des 23. Okto­bers in den Bus stieg. Es ging nicht Rich­tung Mün­chen, son­dern weiter nach Osten. Dort war­tete schon ein Char­ter­flug­zeug der Inter­flug auf die Mann­schaft von Dynamo Dresden. So hat es Erich Mielke im Rahmen der Aktion Vor­stoß“ ent­schieden. 15 Spieler, der Trainer, der Assis­tenz­trainer, ein Arzt, ein Mas­seur und der Ver­ant­wort­liche der Inter­flug machten es sich in den Flug­zeugses­seln bequem – ebenso die fünf als Funk­tio­näre getarnten“ Stasi-Mit­ar­beiter, deren größter Alp­traum es war, einer der Spieler würde sich im Westen absetzen“. Das musste unter allen Umständen ver­hin­dert werden. Auch Haupt­mann Fuchs flog mit nach Mün­chen, Notizen machte Kol­lege Herr­mann. Die Maschine lan­dete pünkt­lich um 11.30 Uhr, alle Ein­rei­se­for­ma­li­täten waren schnell erle­digt. Genosse Herr­mann: Die Abfer­ti­gung am Flug­hafen Mün­chen war schnell und rei­bungslos. Auch der Zoll­dienst stellte kei­nerlei Fragen. Nach schneller Erle­di­gung aller For­ma­li­täten wurden wir vom engeren Vor­stand begrüßt (Prä­si­dent Neu­de­cker, Herrn Fein­beck, Geschäfts­führer).“ Bald konnte die Mann­schaft ihre Zimmer im Esso Motor Hotel“ beziehen.

Unmo­ra­li­sche Ange­bote

Am Nach­mittag stand für die Dele­ga­tion aus Dresden noch ein Ein­kaufs­bummel in der Münchner Innen­stadt auf dem Pro­gramm. Ein paar Jour­na­listen wollten natür­lich wissen, was sich die Spieler für ihr Taschen­geld in West-Mark kaufen würden, und ob sie die Mann­schaft durch die Geschäfte wenigs­tens begleiten dürften. Die fünf Funk­tio­näre lehnten auf­trags­gemäß ab. Genosse Herr­mann: Trotzdem bemühten sich drei Bild­re­porter weiter hart­nä­ckig am Ein­kaufs­bummel teil zu nehmen. Als sie abge­wiesen wurden ver­folgten sie unseren Bus mit einem PKW. Bei Ankunft in der Innen­stadt wurden sie von mir ener­gisch darauf hin­ge­wiesen, dass die Mann­schaft keine Foto­gra­fien beim Stadt­bummel wünscht. Trotz der ein­deu­tigen und klaren Hal­tung der Mann­schaft, ließen sich die Reporter nicht abweisen. Sie machten sogar diverse Ange­bote an einige Spieler (Sammer, Boden usw.). Sie boten ihnen an, für die Ehe­frauen alles Wün­schens­werte zu kaufen. Nach Infor­ma­tionen durch die Spieler wurden alle Ange­bote abge­lehnt (durch mich aller­dings nicht über­prüfbar gewesen). Einige Fotos wurden dann doch trotz der ableh­nenden Hal­tung der Spieler gemacht. Die Reporter erklärten frei­mütig, sie hätten von ihrer Redak­tion die Auf­gabe, um jeden Preis solche Bilder zu bringen. Bei Nicht­er­fül­lung des Auf­trages wäre ihre Stel­lung in Gefahr.

Allen Mit­rei­senden war zudem der Kon­takt zu Ver­wandten im kapi­ta­lis­ti­schen Aus­land“ unter­sagt worden und sollte in Mün­chen von Mielkes fünf Funk­tio­nären auf­trags­gemäß ver­hin­dert werden. Sie hatten vor­ge­ar­beitet: Kon­takt­ver­suche von Ver­wandten und Bekannten wurden in Vor­be­rei­tung der Reise bereits ver­sucht lang­fristig abzu­blo­cken. Obwohl einige Sportler Ver­wandte haben, teil­weise bis vor einigen Monaten auch pos­ta­li­sche Ver­bin­dungen, gab es nur wenige Ver­suche von Kon­takt­auf­nahmen. Vom Spieler Sammer tauchte die Tante im Hotel auf. Ver­ein­ba­rungs­gemäß gab er uns die Infor­ma­tion und war bemüht, sie kurz abzu­fer­tigen.“ Doch Klaus Sammer wusste auch die kurze Zeit zu nutzen: Ich bekam von ihr 100 Mark West zuge­steckt. Das war damals eine Menge Geld.“

Obwohl ganz Dresden mit­ge­fahren wäre, stiegen am Morgen des 24. Okto­bers nur ganze 1000 Schlach­ten­bummler“ in zwei Son­der­züge, um ihre Mann­schaft in Mün­chen unter­stützen zu können. Was sie alle einte, war weniger die Liebe zur SGD, son­dern viel­mehr die Treue zur SED. Die Ein­tritts­karten für das Aus­wärts­spiel wurden in Dresden nur unter ver­dienten Genossen, die sich um Sport und Jugend ver­dient gemacht haben“, ver­teilt. In Mün­chen wurden die 1000 Dresdner mit Span­nung erwartet. Als die beiden Züge um 14.23 Uhr und 15.31 Uhr ein­fuhren, und die Genossen Schlach­ten­bummler“ aus­stiegen, war­teten bereits eine Menge schau­lus­tiger Münchner, die ihre Lands­leute aus dem Osten bestaunten, als kämen sie vom Mond. Doch eigent­lich mussten sie auf alle Anwe­senden gewirkt haben, wie ganz gewöhn­liche Rei­sende“.

997 Dresdner und ein Schwei­ge­marsch

Ein Reporter der Münchner Abend­zei­tung schrieb: Unter den Tau­send waren nur drei, wie man Fuß­ball­fans auch bei uns kennt. Zwei trom­pe­teten mit ihren Mehr­klang­fan­faren fröh­lich in die große Stille hinein und einer trug unter der Jacke sogar ein Bayern“-Trikot. Doch die übrigen 997 trai­nierten offenbar für einen grö­ßeren Schwei­ge­marsch. Ihre Red­se­lig­keit beschränkte sich auf 2:1’ oder 3:2’, womit sie das Ergebnis des Fuß­ball­spiels Bayern Mün­chen – Dynamo Dresden’ tippten.“ Einem anderen Münchner Jour­na­listen fiel auf, dass die Ost­deut­schen unter­wegs alles Mög­liche foto­gra­fieren: Frau­en­türme, Mer­cedes-Limou­sinen, lang­haa­rige Gammler. Außerdem ver­meiden sie jeden Kon­takt zu West­deut­schen.“ Ihr Weg führte sie bald zur Mat­häser Bier­stadt’, wo 10 West­mark und zwei Gut­scheine für ein Bier und eine Haxe rei­chen sollten.

Der Vor­ver­kauf war nicht besser geworden. Statt der erwar­teten 75.000 wollten nur 55.000 den ost­deut­schen Meister sehen. Ein Sitz­platz auf der Haupt­tri­büne kos­tete 50 DM. Ajax­preise mit Infla­ti­ons­zu­schlag“, wie Prä­si­dent Neu­de­cker es nannte. Das Ost­fern­sehen über­trug live. Punkt 20 Uhr pfiff der der bul­ga­ri­sche Schieds­richter Mat­wejew Teil 1 des ersten deutsch-deut­schen Fuß­ball­gip­fels an.

In Dresden drückte in diesen Minuten jeder Ein­wohner die Daumen. Und es half. Gerade mal 13 Minuten waren gespielt, als Dynamo Dresden durch Rainer Sachse mit 1:0 in Füh­rung ging. Zwar konnte Wil­helm Hoff­mann bereits vier Minuten später für die Bayern aus­glei­chen, und Bernd Dürn­berger den Gast­geber in der 26. Spiel­mi­nute sogar in Füh­rung schießen, doch aber­mals Sachse brachte Dynamo Dresden zurück ins Spiel. Kurz vor der Pause traf Gerd Heidler sogar noch zum 3:2 für die Gäste, was dem Bayern-Prä­si­denten gar nicht in den Kram passte. In der Halb­zeit mar­schierte Neu­de­cker in die Kabine seiner Mann­schaft und ver­dop­pelte die Sieg­prämie spontan auf 10.000 Mark. Diesen Lockruf ver­standen seine Spieler. In der 71. Spiel­mi­nute erzielte Franz Roth für die Münchner den Aus­gleich, und kurz vor Schluss mar­kierte Gerd Müller schließ­lich den Sie­ges­treffer. Obwohl Dynamo Dresden nicht bedeu­tend schlechter war, mussten sie sich im ersten Ver­gleich geschlagen geben.

Profi-Spit­zen­mann­schaft nach west­li­chem Stil“

Bayern-Trainer Udo Lattek, der die Dresdner vorher bei einem Spiel in Zwi­ckau beob­achtet hatte, rieb sich nach dem Spiel ver­wun­dert die Augen: Ich bin nicht auf die Mann­schaft getroffen, die ich erwartet hatte. In Zwi­ckau spielten die Dresdner wie Acker­gäule, hier jedoch so spritzig wie Leicht­ath­leten. Das ist eine echte Profi-Spit­zen­mann­schaft nach west­li­chem Stil.“ Sepp Her­berger pro­phe­zeite den Münch­nern trotz des gewonnen Hin­spiels: In Dresden habt ihr keine Chance.“ Gerd Müller hielt dagegen und wet­tete mit dem ehe­ma­ligen Trainer der west­deut­schen Natio­nal­mann­schaft um eine Fla­sche Sekt. Manager Robert Schwan setzte sogar noch einen drauf und bot an: Wenn wir gegen die raus­fliegen, wan­dere ich in die Zone aus.“

Fort­set­zung folgt.

Das Rück­spiel fand am 7. November 1973 im Hexen­kessel der DDR“ statt. Wer ist am Ende der wahre Deut­sche Meister geworden? Dynamo Dresden? Oder Bayern Mün­chen? https://www.11freunde.de/artikel/traumduell-unter-staatlicher-beobachtung‑2

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Autor Torsten Preuß hat über diese Zeit ein ganzes Buch geschrieben. Ein Lese­ver­gnügen, nicht nur für Fuß­ball­fans. www​.topon​line​verlag​.com