Nachher war das Gejaule groß. Wir müssen nichts schön­reden, in der ersten Runde gegen einen Dritt­li­gisten aus­zu­scheiden, ist eine Bla­mage“, urteilte Manager Thomas Eichin. Das ist eine Kata­strophe, die brutal weh tut“, befand Zlatko Junu­zovic. Wir haben uns nie richtig gewehrt“, wusste Cle­mens Fritz. Und Trainer Robin Dutt gab allen Nörg­lern einen Frei­fahrt­schein: Man darf eigent­lich nach dieser Leis­tung alles kri­ti­sieren.“ Zumin­dest in Sachen Kata­stro­phen-Rhe­torik ist Werder Bremen noch erst­klassig.

Die 1:3‑Niederlage nach Ver­län­ge­rung gegen den Dritt­li­gisten vom 1. FC Saar­brü­cken war in vie­lerlei Hin­sicht beschä­mend. Nicht nur, dass Werder zum dritten Mal nach­ein­ander gegen einen Dritt­liga-Klub aus der 1. Runde des DFB-Pokals flog (2010÷11: 1:2 gegen FC Hei­den­heim, 2011/12: 2:4 nach Ver­län­ge­rung gegen Preußen Münster) – die Mann­schaft der Gegen­wart hat auch einen ver­eins­ei­genen Mythos mit Füßen getreten und ver­mut­lich sogar zer­stört: Den DFB-Pokal-Spe­zia­listen Werder Bremen gibt es seit Sonntag nicht mehr.

Werder ist im Pokal nur noch eine Lach­nummer

Zehnmal stand der SVW in seiner His­torie in einem End­spiel um den wich­tigsten deut­schen Ver­eins­pokal, sechsmal hat er ihn gewonnen. Nur Schalke 04 (12 Mal) und Bayern Mün­chen (19) standen häu­figer im Finale, nur der FC Bayern hat den Pokal häu­figer gewonnen (16 Mal). Unzäh­lige Male erreichte Werder Viertel- oder Halb­fi­nal­spiele, die Bremer waren in den ver­gan­genen Jahr­zehnten stets ein gefürch­teter Gegner in den tra­di­tio­nellen K.o.-Duellen. Nie­mand trat gerne gegen Werder Bremen im DFB-Pokal an. Weil man wusste, dass der Klub in den hart-auf-hart-Spielen stets in der Lage war, über sich hinaus zu wachsen. Das Wunder von der Weser“-Erbgut war auch in der natio­nalen DNA zu finden. Nach drei Erst­runden-Nie­der­lagen gegen Dritt­li­gisten ist Werder nur noch eine Pokal-Lach­nummer.

Drei Dritt­li­gisten, dreimal in Folge. Auch das schmerzt: Dass aus­ge­rechnet der Verein, der den Satz Dreimal ist Bremer Recht!“ in der DFB-Pokal-His­torie ver­an­kerte, sich nun dreimal in Folge bla­miert hat. Weil Werder 1989 und 1990 zwar ins Pokal­fi­nale ein­ge­zogen war, dort aber jeweils ver­loren hatte, holte die hei­mi­sche Presse vor dem End­spiel 1991 gegen den 1. FC Köln die alte Bremer Weis­heit aus der Schub­lade und lie­ferte die Pointe für ein dra­ma­ti­sches Spiel: Erst im Elf­me­ter­schießen ent­le­digte sich der SVW seinem Final-Trauma. Aus­ge­rechnet der nun wahr­lich nicht fürs Tore schießen berühmte Uli Borowka ver­wan­delte damals den ent­schei­denden Straf­stoß, ver­schwand anschlie­ßend in der Jubel­traube einer bro­delnden Werder-Kurve und tauchte zur Sie­ger­eh­rung mit einer grün-weißen Bal­lon­mütze wieder auf. Diese Bilder sind erst 22 Jahre alt. Gegen­wärtig hat man das Gefühl, sie stammen aus der Geschichte eines anderen Ver­eins. Die Werder-Fans beti­telten ihre Cho­reo­grafie vor dem Anpfiff in Saar­brü­cken gar mit dem Spruch Alle fünf Jahre ist Bremer Recht“ – 2009 hatte ihr Klub das vor­erst letzte Mal den Pokal gewonnen. Der anschlie­ßende Auf­tritt ihrer Mann­schaft muss sich für sie wie blanker Hohn ange­fühlt haben.

Der Pokal war stets auch ein Trost­spender in schweren Zeiten

Und noch etwas macht diese Nie­der­lage gegen Saar­brü­cken so schmerz­haft für den Bremer Anhang: der DFB-Pokal war in schweren Bun­des­liga-Zeiten auch immer eine Art Trost­spender, ein Ret­tungs­anker, der den Fans das Gefühl gab, dass die lau­fenden Saison doch nicht für die Katz war. Wie beim Tri­umph 1993/94, als Werder als amtie­render Deut­scher Meister nur Achter in der Liga wurde, auf dem Weg zum Pokal­sieg aber den HSV im Ach­tel­fi­nale aus dem Wett­be­werb schmiss und der Stadt einen ver­söhn­li­chen Sai­son­aus­klang bescherte. Wie 1998/99, als die Jahre voller Frust“ mit der Anstel­lung von Thomas Schaaf als Chef­trainer und dem sen­sa­tio­nellen End­spiel-Erfolg gegen den Cham­pions-League-Fina­listen aus Mün­chen endeten. Das 6:5 im Elf­me­ter­schießen gegen die großen Bayern war Balsam auf die geschun­dene Werder-Seele und ent­schä­digten für eine Spiel­zeit voller Ent­täu­schungen und Abstiegs­angst.

Die Bun­des­liga-Saison 2013/14 hat noch nicht begonnen. Werder Bremen kann alle Kri­tiker, die der Mann­schaft eine schwache Spiel­zeit pro­gnos­ti­zieren, eines Bes­seren belehren. Kann zeigen, dass die 1:3‑Pleite gegen Saar­brü­cken nur ein Aus­rut­scher war und nicht der Start­schuss für neue Jahre voller Frust. Man will nicht so recht daran glauben, wenn man das Spiel gegen den Dritt­li­gisten gesehen hat. Wesent­lich rea­lis­ti­scher ist, dass es ver­mut­lich viele Jahre dauern wird, bis der Mythos vom Bremer Pokal-Spe­zia­listen wieder restau­riert ist.