Es ist voll­bracht! Miroslav Klose hat den Tor­re­kord von Gerd Müller geknackt. End­lich haben wir das Thema von den Hacken. Was haben wir uns abge­ar­beitet. Rekorde sind im Pro­fi­fuß­ball, wo ständig Ball­treter zu Über­flie­gern gemacht oder der Unfä­hig­keit bezich­tigt werden, neben der Titel­samm­lung die letzte sta­bile Wäh­rung, die einen Uwe Rahn von Franz Becken­bauer unter­scheidbar macht. Klose bekommt also end­gültig den offi­zi­ellen Ein­trag in seinen Lebens­be­rech­ti­gungs­schein, ein großer Kicker in der DFB-Ahnen­ga­lerie zu sein. Glück­wunsch auch von dieser Stelle.

Unser Mr. Zuver­lässig“

Der Spät­be­ru­fene aus der Pfalz, der seine Fer­tig­keiten nicht in Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren, son­dern in Klein­ar­beit beim SG Blau­bach-Diedel­kopf in der Bezirks­liga aus­bil­dete. Das Poker­face mit den pol­ni­schen Wur­zeln. Mit dem­nächst vier WM-Teil­nahmen unser Mr. Zuver­lässig“, eis­kalt sogar noch als Profi-Methu­salem. Einem Alter, das man ihm allein des­halb anmerkt, weil er keine Salti mehr voll­führt, son­dern nach Tref­fern nur noch mys­te­riös-drollig die Finger spreizt und heim­liche Grüße ver­sendet. Kein Phi­lo­soph, kein Dampf­plau­derer, kein klas­si­scher Leit­wolf – ein­fach nur ein Goal­getter mit dem untrüg­li­chen Kil­ler­instinkt. Wer würde wider­spre­chen? Klose ist ein Guter, einer, der auch abends mal zum Essen kommen darf. Warum auch nicht, viel reden tut er ja nicht.

Den­noch: Dieses Theater um den Mül­ler­schen Tor­re­kord ging einem schon mächtig auf den Sender. Drei, zwei, eins…meins! Kol­legen, tat das wirk­lich Not? Klose selbst hatte doch gebets­müh­len­artig bekundet, seine Leis­tung im DFB-Jersey stehe zu den Erfolgen des vier­eckigen Nörd­lin­gers in keinem Ver­hältnis. Der guten Ord­nung hier noch ein letztes Mal: Müller erzielte seine 68 Län­der­spiel­tore in 62 Ein­sätzen, Klose seinen 68. Treffer erst im 129. Spiel für Deutsch­land. Auch mathe­ma­tisch minder Begabte werden erkennen, dass da etwas bei der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit nicht stimmt.

Es kommt immer noch auf die Per­spek­tive an

Da werden Äpfel mit Birnen ver­gli­chen, weil die Welt stets neue Rekorde braucht, um nicht zu ver­öden. Michael Schu­ma­cher gilt in der Formel 1 als Maß aller Dinge. Er hat in gut zwanzig Jahren in der Königs­klasse die meisten WM-Titel gewonnen. Seinem Vor­gänger in der Kate­gorie, Juan Manuel Fangio, gelang das Kunst­stück in nur acht Jahren. Egal. Die Beatles schafften in sieben Jahren Akti­vität auf dem ame­ri­ka­ni­schen Plat­ten­markt 29 Top-Ten-Sin­gles. Madonna über­flü­gelte die Fab Four“ in der Dis­zi­plin als erste nach gut 25 Jahren als Hit­pro­du­zentin. Und wenn schon? Win­ston Chur­chill sagte, er glaube nur Sta­tis­tiken, die er selbst gefälscht habe. Was der bri­ti­sche Pre­mier meinte: Es kommt bei einem Sach­ver­halt trotz Fak­ten­dichte eben immer noch auf die Per­spek­tive an.

Und so fällt mir bei der Beschäf­ti­gung mit Kloses ein­ge­stelltem Rekord auf, dass er vor drei Jahren schon Joa­chim Streich hinter sich gelassen hat. Über dieses Ereignis schrieb kaum eine Zei­tung. Streich erzielte in 102 Spielen für die DDR beein­dru­ckende 55 Tore, er ver­suchte sich nach der Kar­riere mit wenig Erfolg als Trainer und arbei­tete anschlie­ßend in einem Mag­de­burger Sport­ge­schäft.

Wer ihn dort traf, erlebte einen freund­li­chen Ver­käufer, der mit großer Gelas­sen­heit über seine Fuß­ball­kar­riere sprach. So wie über eine ver­flos­sene Jugend­liebe, die er in seinem Herz wohnte und derer er sich gern erin­nerte, ohne dabei noch Tren­nungs­schmerz zu emp­finden. Streich hatte offenbar keine Pro­bleme, nach der Lauf­bahn ein neues, gere­geltes Leben zu beginnen, obwohl er die Euphorie ent­schei­dender Tore, das Glück gewon­nener Titel und das Gefühl, auf Händen getragen zu werden, nur allzu gut kannte. Gerd Müller hin­gegen ging das Tore­schießen nach dem Rück­tritt derart ab, dass er zu trinken begann. Seine ein­zig­ar­tige Bega­bung zur Anti­zi­pa­tion ließ sich im Leben durch keine Auf­gabe – auch keinen Kauf­hausjob – kom­pen­sieren. Als Con­fe­ren­cier wie sein Kumpel Franz eig­nete sich der gelang­weilte Bomber“ eben­falls nicht. Müller lebte als Spieler von Intui­tion und Spon­ta­nität. Es war für ihn eine zu schwere Bürde, diese her­aus­ra­gende Gabe im Leben in völlig neue Bahnen zu lenken.

Was wird aus Miro nach der Pro­fi­kar­riere?

Auch Miro Klose wird nach Ende seiner Lauf­bahn wohl kein TV-Experte werden. Er spricht, wie erwähnt, nicht über­mäßig gern. Ent­spre­chend schwer fällt es, sich vor­zu­stellen, dass er als Reprä­sen­tant für Spon­soren durch die Welt­ge­schichte gon­delt oder als adre­na­linge­tränkter Kon­zept­trainer aus mäßig begabten Kickern eine Meute junger Wilder formt. Seine wirt­schaft­liche Situa­tion würde es ihm erlauben, bis ans Ende seiner Tage im Geld­spei­cher die Taler zu zählen und auf seinem Land­sitz Pfälzer Wein anzu­bauen.

Es wäre ihm zu wün­schen, dass er in etwas Der­ar­tigen eine Erfül­lung findet. Denn Distanz zu gewinnen zu der Auf­merk­sam­keit, die Klose seit mehr als einem Jahr­zehnt als Deutsch­lands Angreifer Nummer 1 ent­ge­gen­ge­bracht wird, ist die viel­leicht größte Her­aus­for­de­rung, die vor dem 35-Jäh­rigen liegt. Wenn er in abseh­barer Zeit die bunten Stol­len­schüh­chen im begeh­baren Klei­der­schrank an den Nagel hängt, ist und bleibt er wohl auf Jahre Deutsch­lands Rekord­tor­schütze.

Aber erst, wenn ihm der tosende Applaus der Massen nicht in seinen Träumen begegnet und er sich nicht bis an die Grenzen zum Schwermut nach Flug­kopf­bällen in der Nach­spiel­zeit sehnt, erst wenn er mehr mit sich anzu­fangen weiß, als wieder und wieder seine bild­schönen Treffer auf dem über­di­men­sio­nalen Flach­bild­fern­seher anzu­schauen, dann hat Miroslav Klose die Trans­for­ma­tion vom Rekord­fuß­baller zu einer großen Per­sön­lich­keit des Fuß­balls geschafft.