Deutsch­land, einig Tor­wart­land. All die Maiers, Tureks, Schu­ma­chers und Kahns haben auf der inter­na­tio­nalen Fuß­ball-Bühne mächtig Ein­druck hin­ter­lassen. Seit Jahren müssen sich deut­sche Natio­nal­trainer mit dem Luxus­pro­blem Nummer Eins her­um­schlagen: Zu viele gute Tor­hüter für nur eine ein­zige Posi­tion. Eine Plage! Viel­leicht wird der Schmerz des deut­schen Fuß­bal­ler­her­zens gelin­dert, wirft der von T‑Fragen geschun­dene Fan einen Blick in den Süd­westen Europas. Zum Euro­pa­meister, der bekannt­lich Spa­nien heißt. Hier ist näm­lich alles noch viel schlimmer.



Dabei ist eigent­lich alles klar. Die Nummer Eins, seit Jahren, ist Iker Cas­illas. Längst Tor­wart-Ikone von Real Madrid und mit der Kapi­täns­binde in der natio­nalen Aus­wahl geadelt. Ein fan­tas­ti­scher Keeper. Reak­ti­ons­schnell. Sprung­ge­waltig. Erfahren, wie nur wenige Kol­legen. Ball­si­cher. So gut ist Cas­illas, dass er 2008 zum »Welt­tor­hüter des Jahres« ernannt wurde. Und auch in der lau­fenden Spiel­zeit ist der Mann, den sie in Spa­nien schon »San Iker« getauft haben, ein Garant für die defen­sive Sta­bi­lität vom in der Offen­sive brutal auf­ge­rüs­teten Real Madrid. Nur 13 Gegen­tore hat Cas­illas in 16 Spielen kas­siert, eine groß­ar­tige Quote in einer der besten Ligen der Welt. Kein Grund also für Natio­nal­trainer Vicente del Bosque seinen alten Real-Schütz­ling vom natio­nalen Tor­wart­thron zu stoßen. Wenn da nicht die nicht minder begabte Kon­kur­renz wäre.

»San Iker« sitzt fest auf seinem Thron

Zum Bei­spiel José Manuel, genannt »Pepe« Reina Páez. Auch er: amtie­render Euro­pa­meister, Luis Ara­gones ließ ihn beim 2:1‑Erfolg gegen die Grie­chen sogar auf­laufen. Bei der Wahl zum Welt­tor­hüter tauchte auch der 1,87-Meter-Glatzkopf auf. Zwar nur auf Posi­tion acht, aber immerhin. Reina löste 2005 Jerzy Dudek als Nummer eins im Tor des dama­ligen Cham­pions-League-Sie­gers FC Liver­pool ab. Eine beacht­liche Leis­tung, war es doch der Pole Dudek gewesen, der mit seinen Paraden die Eng­länder zum großen Tri­umph über den AC Milan geführt hatte. Seither ist Reina eine der wenigen Insti­tu­tionen im Tor eines eng­li­schen Erst­li­gisten, neben Petr Cech (Chelsea) und Edwin van der Sar (Man­chester United) ist der Spa­nier sicher­lich einer der besten Schluss­männer der Pre­mier League. Reina, dessen Vater Miguel spa­ni­scher Natio­nal­keeper und in den legen­dären Final­spielen um den Cup der Lan­des­meister 1974 gegen Bayern Mün­chen für Atlé­tico Madrid auf dem Platz stand, besticht durch schnelle Reflexe und vor allem sicheres Stel­lungs­spiel. Seine Qua­li­täten als »Elf­me­ter­killer« bewies er spä­tes­tens in der Saison 2004/05, als er im Trikot von Vil­lareal sieben von neun Straf­stößen abwehren konnte. Ein wei­teres Merkmal, dass ihn als Tur­nier-Tor­wart (siehe WM 2010) inter­es­sant machen dürfte.

Und dann ist da noch Victor Valdes, FC Bar­ce­lona. Län­der­spiele für Spa­nien: 0. Gewon­nene Titel mit Barca: 11. Ohne Zweifel hat sich der in seinen ersten Jahren oft kri­ti­sierte (»zu unsi­cher, zu langsam, zu uner­fahren«) Valdes in den ver­gan­genen drei Jahren zu einem Mit­glied der inter­na­tio­nalen Tor­war­telite ent­wi­ckelt. In Valdes steckt die explo­sive Kraft, die seine Kol­legen auf dem Spiel­feld für geg­ne­ri­sche Abwehr­reihen so unbe­re­chenbar machen. Mit dem feinen Unter­schied, dass der 27-jäh­rige Barca-Lehr­ling fürst­lich bezahlt wird (man mun­kelt: fünf Mil­lionen Euro pro Saison) Tore zu ver­hin­dern, statt sie zu zele­brieren. Das Spek­takel-Volk aus Bar­ce­lona hat den nur 1,83 Meter großen Schluss­mann auch des­halb ins Herz geschlossen, weil seine nüch­terne und so penible Arbeit erst all die Kunst­stück­chen seiner Kol­legen ermög­licht, derent­wegen das Volk ins Nou Camp pil­gert.

Der Barca-Lehr­ling ver­dient fürst­lich

Zuletzt gesehen in der Ferne, bei der Klub-Welt­meis­ter­schaft in Abu Dhabi. Im Finale gegen die Argen­ti­nier von Estu­di­antes de la Plata (mit dem her­vor­ra­genden Juan Sebas­tian Veron) bewies Valdes jene finale Ner­ven­stärke, die ihn bereits beim Cham­pions-League-Tri­umph 2006 gegen den FC Arsenal zum »Held von Paris« werden ließen. 2006 ver­zwei­felte sein heu­tiger Mann­schafts­kol­lege Henry am glän­zend parie­renden Valdes, 2009 in Abu Dhabi hießen die Gegner Mauro Boselli oder Leandro Damián Benítez. Keine Frage: Mit einem Victor Valdes im Tor lassen sich Titel gewinnen.

Bis­lang hat das spa­ni­sche Natio­nal­trainer nicht wirk­lich gejuckt: nicht eine ein­zige Nomi­nie­rung in den National-Kader steht aktuell zu Buche. Seine ein­zigen Län­der­spiele, neun an der Zahl, absol­vierte Valdes, der im kata­la­ni­schen L’Hospitalet de Llob­regat geboren wurde, für – Über­ra­schung! – die Aus­wahl Kata­lo­niens. Never change a win­ning team – der mit Spa­nien mühelos durch die WM-Qua­li­fi­ka­tion spa­zierte Natio­nal­trainer del Bosque hat momentan eigent­lich keinen Grund den wich­tigsten Stein aus seiner ein­ge­spielten Defen­sive her­aus­zu­schlagen; Iker Cas­illas bleibt gesetzt.

Ob sich am Staus quo etwas ändern wird, darf zumin­dest ver­mutet werden. Zufrie­den­heit und Still­stand waren noch die Stärken des Fuß­ball­ge­schäfts. Die spa­ni­sche T‑Frage, sie kann kommen.