Es ist nicht über­lie­fert, ob Gerd Müller am 15. Januar tief durch­at­mete und sich ent­spannt auf dem Sofa zurück­lehnte. An diesem Tag endete für den Mann, der dem Mül­ler­schen Ewig­keits­re­kord von 40 Tref­fern in einer Spiel­zeit seit Jahr­zehnten am nächsten hätte kommen können, die Saison. Ver­mut­lich fühlte der »Bomber der Nation« eher mit dem Pech­vogel mit. In jedem Fall sorgte ein Fehl­tritt im Freund­schafts­spiel gegen den Ham­burger SV dafür, dass für Vedad Ibi­sevic von 1899 Hof­fen­heim der Tor­zähler 2008/09 statt bei 30, 40 oder sogar noch mehr Toren bei 18 Tref­fern stehen blieb.



Mül­ler­sche Quote

In den 17 Spielen vor der ver­häng­nis­vollen Win­ter­pause, in der sich der Bos­nier einen Kreuz­band­riss zuzog, kamen die Sta­tis­tiker kaum hin­terher, so oft tauchte die Nummer 19 hinter den geschos­senen Toren auf. Mehr Tore als Spiele – das ist seit Gerd Müller, der dieses Kunst­stück in sechs Bun­des­li­ga­jahren und summa sum­marum in der Natio­nal­mann­schaft fer­tig­brachte, über eine gesamte Saison oder gar Kar­riere undenkbar. Tor­fa­bri­kator Ibi­sevic dagegen musste man eine Mül­ler­sche Quote zutrauen, zu traum­wand­le­risch fielen ihm die Bälle zwi­schen August und Dezember 2008 auf den Fuß und dann ins geg­ne­ri­sche Gehäuse.

Hof­fen­heim war Ibi­sevic und Hof­fen­heim ohne Ibi­sevic war nichts. Als die Schwere seiner Ver­let­zung bekannt wurde, kün­digte Ralf Rang­nick adäquaten Ersatz an. Es kam Bou­bacar Sanogo. Der betä­tigte sich zum Leid­wesen der Kraich­gauer aber erfolg­rei­cher als Slap­stick-Künstler denn als Tor­jäger (siehe: Latte, die) und traf in der gesamten Rück­runde genau ein Mal. Bis zum 17. Spieltag erzielte Hof­fen­heim 42 Tore – in der Rück­runde 21. Das inter­na­tio­nale Geschäft wurde trotz Herbst­meis­ter­schaft deut­lich ver­passt.

Ibi­se­vics unglaub­liche Halb­serie war für Außen­ste­hende kaum vor­her­zu­sehen. In der vor­an­ge­gan­genen Zweit­li­ga­saison war er nur Ergän­zungs­spieler gewesen und wurde meist nur für Chinedu Obasi oder Demba Ba ein­ge­wech­selt. Erst Obasis Olym­pia­am­bi­tionen ver­schafften Ibi­sevic zu Sai­son­be­ginn seinen Stamm­platz. Als der Nige­rianer nach vier Pflicht­spielen wieder zum Team stieß, hatte sich seine Ver­tre­tung mit fünf Toren bereits unent­behr­lich gemacht. Coach Rang­nick stellte kur­zer­hand sein System um und ließ mit Drei­fach­spitze spielen – mit der Folge, dass Ibi­sevic nun noch mehr ver­wert­bare Bälle zuge­spielt wurden.

Reiß­brett trifft Ath­letik

4:5 in Bremen, 5:2 in Han­nover, 3:0 gegen den HSV – die Rang­nick-Elf kannte im Herbst 2008 nur eine Rich­tung: Des Geg­ners Tor. Ibi­sevic traf und traf und fand zwi­schen­durch sogar die Muße, seinen Zuar­bei­tern selbst das eine oder andere Tör­chen auf­zu­legen. Viele der Ibi­sevic-Treffer waren bau­gleich, Obasi oder Ba gaben den Ball flach herein, im Straf­raum lau­erte der Mit­tel­stürmer und ver­wer­tete ihre prä­zisen Zuspiele. Antrai­nierte Spiel­züge, im Höchst­tempo umge­setzt – mit dieser Mischung aus Reiß­brett und Ath­letik stürmte die Rang­nick-Elf an die Spitze der Bun­des­liga und erspielte sich die Sym­pa­thien vieler Fans auch außer­halb des Kraich­gaus.

Dann fiel Ibi­sevic aus und es schien zwi­schen­zeit­lich so, als würde die vor­mals per­fekt geölte Dampf­ma­schine ohne ihr Ablass­ventil zer­bersten. Das auf Linie getrimmte Kol­lektiv zer­fiel auf dem Platz und außer­halb. Undis­zi­pli­niert­heiten bei den Spie­lern, Dünn­häu­tig­keit bei den Ver­ant­wort­li­chen – 1899 Hof­fen­heim ver­spielte die exzel­lente Aus­gangs­po­si­tion in der Bun­des­liga und viel Wohl­ge­son­nen­heit auf den Rängen. Für wie wichtig die Hof­fen­heimer Ver­ant­wort­li­chen Ibi­sevic erachten, zeigt die Tat­sache, dass Ende Mai sein Ver­trag vor­zeitig um drei Jahre bis 2013 ver­län­gert wurde.

Come­back des bos­ni­schen Pati­enten

Ein ähn­lich ful­mi­nanter Start wie 2008 gelang dem bos­ni­schen Pati­enten in diesem Jahr nicht. Zwei Tor­vor­lagen waren die magere Bilanz nach den ersten sechs Spielen, die Ibi­sevic alle von Anfang an bestritt. Dann folgten 20 Minuten Vedad-Show gegen die Hertha. Flanke Sali­hovic, Kopf­ball Obasi, Vol­ley­schuss Ibi­sevic – 1:0. Ecke Carlos Edu­ardo, Kopf­ball Ibi­sevic. 2:0. Flanke von links, Flanke von rechts, Kopf­ball Ibi­sevic. 3:0. Es war wieder alles wie früher.

Fast alles jeden­falls. Denn in der ver­gan­genen Spiel­zeit schaffte Ibi­sevic zwar fünf Dop­pel­packs, aber keinen Hat­trick. Es ist immer noch Raum nach oben…