Seite 3: Der Kameramann der BBC? Zu langsam!

Eine ganz andere Vari­ante hat ein gemeinsam von Ber­tels­mann und dem Sport-Infor­ma­tions-Dienst ver­legtes Buch zu bieten. Dort liest man, dass Wolf­gang Overath ein Foul an Bobby Charlton (und nicht an Bobby Moore) beging. Der Frei­stoß­schütze ist hier eben­falls Bobby Charlton (und nicht Bobby Moore), der den Ball hoch vors Tor gab, wo Hurst völlig unge­deckt auf etwa fünf Metern Ent­fer­nung zum 1:1 ein­köpfen konnte“. Dass es angeb­lich Bobby Charlton war, der Hurst per Frei­stoß den Ball ser­vierte, taucht im Lauf der Zeit immer wieder in der Lite­ratur auf, zuletzt in Hans Til­kow­skis 2006 ver­öf­fent­lichter Auto­bio­grafie. Ein Grund: Es wird im Sport­jour­na­lismus gerne abge­schrieben. Eine andere Erklä­rung könnte sein, dass für die Autoren ein Innen­ver­tei­diger wie Bobby Moore ein­fach nicht für solche Offen­siv­ak­tionen prä­de­sti­niert schien.

Näher dran an der Wahr­heit, wenn auch nicht kom­plett feh­ler­frei, ist die Schil­de­rung des deutsch-eng­li­schen Jour­na­listen Harvey T. Rowe in der Foto­do­ku­men­ta­tion Das Tor des Jahr­hun­derts“: Dienst pfeift Frei­stoß. Wäh­rend er noch Overath ermahnt, wäh­rend die meisten deut­schen Spieler glauben, das Spiel sei unter­bro­chen, legt Moore sich den Ball zurecht, schießt blitz­schnell ohne Anlauf zu nehmen, hoch in den deut­schen Straf­raum. Hurst steht da – abseits? –, springt und jagt den Ball mit dem Kopf ins Tor, Til­kowski reagiert nicht. 1:1. Debatte auf der Pres­se­tri­büne: Durfte Dienst wei­ter­spielen lassen, wäh­rend er noch Overath ermahnte? Stand Hurst abseits?“

Der Kame­ra­mann der BBC? Zu langsam!

Geoff Hurst selbst beschreibt das Tor in seiner Auto­bio­grafie 1966 And All That“ als a typical piece of West Ham oppor­tu­nism, the­sort of thing that Bobby (Moore), Martin (Peters, d. Red.) and I had worked on over the years under Ron Green­wood at Upton Park“. Oppor­tu­nism“ bedeutet in diesem Fall, die Fähig­keit, sich durch Cle­ver­ness in eine Posi­tion zu bringen, einen relativ ein­fa­chen Treffer zu erzielen. Äußerst raf­fi­niert ver­hält sich Moore allemal, weil er sich zum einen nicht darum schert, dass der ihm den Rücken zukeh­rende Dienst noch auf Overath ein­redet, und weil er nur einen Schritt Anlauf nimmt (was, wie manche schreiben, den geübten Golfer erkennen lässt), um den Frei­stoß vors Tor zu schlagen, wo Hurst schon wartet. Zur Abseits­frage kann man die Fern­seh­bilder der BBC leider nicht zur Beweis­füh­rung her­an­ziehen, da der Kame­ra­mann viel zu langsam nach rechts schwenkt.

Auch Helmut Weber, der Lokal­jour­na­list aus Gießen, wirft vor dem Tor seine 8‑mm-Kamera an. Er steht zu dem Zeit­punkt auf der Tri­büne hinter dem eng­li­schen Tor, der Treffer fällt also auf der gegen­über­lie­genden Seite. Das Bild ist ver­schwommen. Außerdem wackelt die Kamera beim Frei­stoß und schwenkt beim Tor nach oben. Viel­leicht hat Weber einen Stoß von der Seite bekommen. Er hält trotzdem an der These fest: Hurst schoss drei irre­gu­läre Tore.

Nüch­tern betrachtet trug aber die deut­sche Elf die Haupt­schuld an ihrer End­spiel­nie­der­lage. Was ging sie auch schon nach zwölf Minuten in Füh­rung? Man hätte jeden­falls wissen sollen, dass in allen WM-End­spielen seit 1950 stets die Mann­schaft verlor, die das 1:0 erzielt hatte.