Dieser Text erschien erst­mals im 11FREUNDE-Spe­zi­al­heft Tore“, erhält­lich im 11FREUNDE-Shop »>

Keine Sorge, dieser Text wird nicht vom legen­dären Wem­bleytor“ han­deln. Dar­über ist alles und noch mehr gesagt und geschrieben worden. Und auch das 4:2, Geoff Hursts dritter Treffer, bei dem bereits zahl­reiche begeis­terte Zuschauer über den Platz rennen, soll nur kurz erwähnt werden. Denn hier geht es um Hursts erstes Tor zum 1:1 – und um einen Lokal­jour­na­listen aus Mit­tel­hessen, der bis heute auch diesen Treffer für irre­gulär hält.

Es ist in den sech­ziger Jahren alles andere als selbst­ver­ständ­lich, dass ein Pro­vinz­blatt wie der Gie­ßener Anzeiger“ bei einem großen Fuß­ball­tur­nier einen eigenen Bericht­erstatter vor Ort hat, der einen Exklu­siv­be­richt über das Finale schreibt. Aber diesmal, bei der WM im Mut­ter­land, scheut die Zei­tung keine Mühen. Das große Los zieht der 23-jäh­rige Helmut Weber, der damals nicht mal als pro­fes­sio­neller Jour­na­list arbeitet, son­dern Eng­lisch und Sport auf Lehramt stu­diert. Anti­pa­thien gegen Eng­land hegt er nicht, im Gegen­teil: Er liebt nicht nur die eng­li­sche Sprache, son­dern trägt sein Haar wie die Beat-Helden jener Jahre und ver­bringt regel­mäßig seine Semes­ter­fe­rien im pul­sie­renden London. Dort ver­kehrt er im Dunst­kreis von Musi­kern wie Har­mony Grass, Sandie Shaw oder Chris Andrews und nimmt im berühmten Abbey Road Studio sogar selbst eine Single auf.

Raben­schwarzer Tag des Schieds­rich­ters

Zur WM reist er mit einer gelie­henen 8‑mm-Kamera und macht Auf­nahmen, die heute ein fas­zi­nie­rendes Zeit­do­ku­ment sind. Zeit­weise kann er sogar aus dem Innen­raum filmen. Sowohl beim Vier­tel­fi­nale gegen Uru­guay als auch in der Vor­schluss­runde gegen die Sowjet­union steht Weber wie die akkre­di­tierten Foto­grafen genau hinter einem der Tore. Wenn Uwe Seeler im Spiel gegen die Süd­ame­ri­kaner nach einem def­tigen Foul im Straf­raum bei­nahe ins Kame­ra­ob­jektiv segelt, erin­nert das an alte 3D-Filme. Höhe­punkt sind aber die Auf­nahmen vom Halb­fi­nale gegen die UdSSR, als sich Lew Jaschin zu dem hinter seinem Kasten pos­tierten Ama­teur­filmer umdreht und freund­lich grüßt.

Mit Kamera, Stift und Block besucht Weber am 30. Juli 1966 auch das Finale im Wem­bley­sta­dion. Sechs Tage später, am 5. August 1966, ver­öf­fent­licht der Gie­ßener Anzeiger“ unter der Über­schrift Eng­land – The Grea­test?“ Webers per­sön­liche Ein­drücke. Zum dritten eng­li­schen Treffer, dem Wem­bleytor, sei nichts weiter gesagt“. Das erste und vierte eng­li­sche Tor seziert er aller­dings im Detail:

Die Bild­füh­rung des eng­li­schen Fern­se­hens, die nur jeweils den Tor­raum ein­fing, zeigte leider nicht, was sich Schieds­richter Dienst eigent­lich geleistet hatte. Im Sta­dion selbst sah man natür­lich alle Begleit­um­stände dieser beiden Tore. Das erste eng­li­sche Tor fiel, als Schieds­richter Dienst mit dem Rücken zum Tor­raum ste­hend auf Overath, der einen Frei­stoß ver­ur­sacht hatte, ein­sprach, dadurch nicht nur Overath vom Spielen abhielt, son­dern auch die Auf­merk­sam­keit der deut­schen Abwehr, welche eine Ver­war­nung befürch­tete, auf sich zog. Diese Unge­schicktheit des Schieds­rich­ters nutzte Moore ver­ständ­li­cher­weise sofort aus, hob den Ball zu Hurst, der aus abseits­ver­däch­tiger Posi­tion ein­köpfte. Das vierte eng­li­sche Tor run­dete den raben­schwarzen Tag von Schieds­richter Dienst ab: Etwa zehn Sekunden, bevor das Tor fiel, hatte er in einer derart zwei­deu­tigen Weise auf die Uhr gesehen und dann durch Arm­winken anzu­deuten ver­sucht, es sei noch wei­ter­zu­spielen, dass ein Teil der Zuschauer glaubte, das Spiel sei zu Ende. Etwa 15 bis 20 Schlach­ten­bummler durch­bra­chen die Poli­zei­kette und rannten aufs Spiel­feld. Sie hatten von der Seite her kom­mend bereits fast die Straf­raum­grenze erreicht, als Hurst ein­schoss. Dienst hätte das Spiel natür­lich sofort unter­bre­chen und die Zuschauer vom Platz beor­dern müssen, zumal diese in die Nähe des Balls rannten.“