Nuri Sahin ist wieder begehrt. Kürz­lich bekam der 24-Jäh­rige seine erste große Story in der Sun“. Er erzählte da die Geschichte von seinem Debüt im August 2005, 80.000 Zuschauer im West­fa­len­sta­dion, er auf der zen­tralen defen­siven Mit­tel­feld­po­si­tion – und dann, wenige Stunden später, hockte er wieder im kleinen Inter­nats­zimmer. Danach erklärte er, was es heißt, ein Stra­ßen­fuß­baller zu sein und warum es wichtig ist, gegen Scheu­nen­tore zu schießen. In einem anderen Inter­view berich­tete er vom Cham­pions-League-Finale 2005, bei dem er auf der Tri­büne des Ata­türk-Olym­pia­sta­dions saß. Die Reds“ holten einen 0:3‑Rückstand gegen den AC Mai­land auf und siegten im Elf­me­ter­schießen. Der 16-jäh­rige Sahin saß dort zwi­schen zahl­rei­chen Liver­pool-Fans, offener Mund, auf­ge­ris­sene Augen. Er sagte: Crazy game!“ Und dann: Ich habe gemerkt, was der FC Liver­pool den Leuten bedeutet.“ In Liver­pool mögen sie so etwas. Junge Männer, die sich bekennen und die dem Tra­di­ti­ons­klub anschei­nend schon ewig ver­bunden sind.

Ich hoffe, eines Tages in Eng­land zu spielen.“
 
Wobei das mit Träumen und Wün­schen bei Fuß­bal­lern immer so eine Sache ist. Manche Profis träumen nur allzu gerne von Spa­nien oder Eng­land, wenn sie ein paar gute Spiele gemacht haben und ihr Ver­trag einen Aus­stieg zulässt. Sie träumen und schwärmen dann in Inter­views von ihrem Traum­land und Traum­verein. Nuri Sahin träumte aller­dings von Eng­land, als er gerade eine knapp vier­jäh­rige Berg- und Tal­fahrt hinter sich hatte. Im Sommer 2008 sagte er: Ich hoffe, eines Tages drei, vier Jahre in Eng­land zu spielen.“
 
Nuri Sahin war mit 16 Jahren und 335 Tagen der jüngste Bun­des­li­ga­de­bü­tant, später wurde er der jüngste Bun­des­li­ga­tor­schütze, er spielte eine Saison auf Leih­basis bei Feye­noord Rot­terdam und schlug Ange­bote von Chelsea, Gala­ta­saray, Man­chester United und Arsenal aus. Er wurde von der Presse Wun­der­knabe“ genannt und sein Vater pro­phe­zeite, dass er nur fünf Trai­nings­ein­heiten mit den Profis benö­tige, bis ihn der Trainer zum Stamm­spieler mache. Von Bert van Mar­wijk wurde er wie ein Sohn behan­delt, von Arsene Wenger als bestes Talent in Europa bezeichnet und von Thomas Doll aus­ge­mus­tert.

Come­back – mit Anfang 20

Nuri Sahin war da gerade 20 geworden. Und trotzdem wirkte der Junge aus Lüden­scheid in dem ganzen Wirbel seltsam abge­klärt. Einmal sagte er, dass er nicht mal bei seinem Debüt nervös gewesen sei. Später hieß es manchmal, er sei zu intro­ver­tiert. Man kannte die Story von den Wun­der­knaben und Super­ta­lenten, die irgend­wann im Nichts ver­schwanden, die Geschichten von Freddy Adu, Ibrahim Tanko, Marco Reich oder Ber­kant Göktan. Sahin kannte sie auch. Er atmete durch – und kam phä­no­menal zurück.

2011 wurde Sahin zum besten Spieler der Saison gewählt, 30 Spiele, sechs Tore, acht Vor­lagen, Deut­scher Meister. Jürgen Klopp sagte: Ohne Nuri wären wir nicht Meister geworden.“ Für den BVB-Trainer war Sahin das, was der Fuß­ball­jargon Ver­län­gerter Arm“ nennt. Für die Fans war er die Kon­stante. Nicht so auf­fällig wie ein Mesut Özil oder ein Lionel Messi, doch er spielte effektiv, exakt und nahezu feh­ler­frei. Eines Tages hielten die Anhänger ein Banner hoch, auf dem stand: Lieber einer von Vielen bei den König­li­chen als der König von Borussia?“ Doch was sollte nun noch kommen? Ein Cham­pions-League-Tri­umph wie 1997? Wie damals, als Sahin als Neun­jäh­riger den Final­sieg des BVB im Trikot von Stefan Reuter ver­folgte? Unwahr­schein­lich. Wer wollte es dem Jungen aus Lüden­scheid ver­denken, dass er zu einem der welt­besten Fuß­ball­klubs wech­selte. Viel­leicht, nein, ganz sicher, würde er dort einer von Vielen sein. Doch er hätte gute Chancen, ein König zu werden. Ein König Europas.

Es kam also der Tag, als die Marca“ mit der Sahin-Story auf­machte. Der BVB drohte seinen besten Mann zu ver­lieren und Hans-Joa­chim Watzke demen­tierte: Wir wissen nichts davon.“ Sahin besaß zwar einen Ver­trag bis 2013, doch dum­mer­weise gab es in diesem Ver­trag eine Aus­stiegs­klausel und so ver­ließ er Dort­mund nach zehn Jahren und unter­schrieb bei Real Madrid. Unter Mour­inho spielen zu dürfen, ist wie ein Sechser im Lotto“, sagte er kurze Zeit später in der Sport Bild“.

Doch Mour­inho setzte Sahin nicht ein. Zunächst warfen den jungen Türken die alten Innen­band­pro­bleme zurück, danach war die Mann­schaft so ein­ge­spielt, dass es keinen Grund gab, Sahin auf­zu­stellen. Zumal die Kon­kur­renz im Mit­tel­feld, offensiv und defensiv, erdrü­ckend war, auf seinen Posi­tionen spielten Sami Khe­dira, Xabi Alonso, Mesut Özil, Kaka, Las­sana Diarra oder Esteban Gra­nero. Sahin wirkte plötz­lich, als er wieder fit war, wie ein Spieler aus der vierten oder fünften Reihe. Sein Debüt machte er am 12. Spieltag beim 7:1‑Sieg gegen CA Osasuna, Nach seiner Ein­wechs­lung in der 67. Minute durfte er einen Frei­stoß schießen. Cris­tiano Ronaldo machte Platz für ihn. Danach ging nicht mehr viel. Sahin hatte in der Liga drei wei­tere Kurz­ein­sätze. Am Ende war er Spa­ni­scher Meister. Irgendwie.

Bei Liver­pool spielt Sahin nun auf Leih­basis, fünf Mil­lionen Pfund haben die Eng­länder sich das kosten lassen. Dabei plant Jose Mour­inho wei­terhin mit ihm, denn sein Ver­trag bei Real läuft bis 2016.

Das Geld und Liver­pool

Nach seinem Wechsel musste Sahin ein paar Anfragen abwehren. Einige Jour­na­listen unter­stellten ihm, dass er nur des Geldes wegen an die Anfield Road gewech­selt sei. Das kannte er schon aus Dort­mund. Auch dieses Mal beteu­erte er, dass Klubs um ihn buhlten, bei denen er dreimal so viel ver­dient hätte. Und er erzählte von Xabi Alonso, der zwi­schen 2004 und 2009 über 150 Spiele für Liver­pool machte: Als er hörte, dass ich nach Liver­pool gehen könnte, riet er mir sofort: Mach es! Die Leute werden dich lieben!“ Und er erzählte von Brendan Rod­gers, dem Trainer, der einer sein soll wie Jürgen Klopp. Und schließ­lich schwärmte er von der Mann­schaft. Die sei wie Dort­mund vor der Saison 2010/11, jung, wild, in Auf­bruch­stim­mung. Neu­lich gab Sahin noch ein Inter­view für einen eng­li­schen Fern­seh­sender. Da sagte er: Ich will Titel gewinnen.“ Auch das lieben sie in Liver­pool – wenn­gleich sie wissen, dass sie weit davon ent­fernt sind.

Sie sind geduldig geworden an der Anfield. Bei­nahe bud­dhis­tisch ertrugen die Fans die ver­gan­genen Jahre, in denen erst Rafael Benitez ent­lassen wurde, dann Xabi Alonso und Fer­nando Torres den Verein ver­ließen. Liver­pool pen­delte sich zwi­schen dem sechsten und achten Platz ein. Die letzte Meis­ter­schaft liegt 22 Jahre zurück. Momentan steht der FC Liver­pool auf Platz 12. In der Europa League geht es am Don­nerstag gegen Anschi Machatschkala. Seine Ex-Klubs Real Madrid und Borussia Dort­mund spielen am Mitt­woch in der Cham­pions League gegen­ein­ander. 80.000 Zuschauer, die ganze Welt schaut zu.

Sahin trägt die Nummer 4. Es läuft wieder gut für ihn. Nach Anlauf­schwie­rig­keiten schoss er Ende Sep­tember im Liga­pokal gegen West Brom­wich zwei Tore. Ein Fern­schuss aus 25 Metern, ein Treffer in Mit­tel­stür­mer­ma­nier aus dem Fünfer. In der Liga spielt er seit drei Spielen auf der zen­tralen Mit­tel­feld­po­si­tion. Beim 5:2 gegen Nor­wich City erzielte er sein erstes Tor in der Pre­mier League. Zwei wei­tere Treffer berei­tete er vor. Er spielte so, wie man es aus Dort­munder Zeiten kannte: Viel­seitig, mit genauen Pässen und drib­bel­stark. Er ließ sich mal auf die Sechs zurück­fallen, dann wieder auf die Flügel, er war überall. The Off­side“ schrieb danach: Luis Suarez stahl ihm zwar mit seinem Hat­trick die Show, doch eigent­lich war Nuri Sahin der Gewinner des Spiels.“ Und nach der Story in der Sun“ bekam die Zei­tung einige Leser­briefe. In einem stand: Ein bril­lanter Spieler!“ In einem anderen: So lange er noch weiß, wie man ein Scheu­nentor trifft, ist er doch besser als der Rest.“