Manolo hatte die Zei­chen der Zeit erkannt und rollte noch ein paar Bier­fässer heran. Der berühmte spa­ni­sche Trommler stand an einem son­nigen März­morgen am 5. März 2008 in seiner Kneipe, umgeben von vierzig selig sin­genden Schalker Fans. Es war zwar gerade mal 10 Uhr, doch nicht nur so man­ches Fass, nein, auch der Rubel rollte beacht­lich. Eigent­lich hatte Manolo in seiner Wirt­schaft unweit des Sta­dions von Valencia nur kurz einige Bestel­lungen durch­geben wollen, als plötz­lich der königs­blaue Mob um Ein­lass und flüs­sige Ver­pfle­gung gebeten hatte.

Da stand er nun mit seiner rund­li­chen Figur, dem großen Hut, zapfte und trom­melte für uns, zapfte wieder und bewegte die Lippen zu den Gesängen der unver­hofften Kund­schaft. An sich schon eine kuriose Sze­nerie, doch ein Umstand ver­wirrte ihn dann doch etwas: Schalke spielte an jenem Tag gar nicht in Valencia, son­dern im über 900 Kilo­meter ent­fernten Porto. Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale 2007/08, Rück­spiel. Es blieb also die Frage: Was um alles in der Welt hatten wir in Valencia zu suchen?

Feu­er­alarm? Nicht bei uns

Nun, zunächst einmal muss man wissen, dass es sich um einen Tag im Zei­chen des Euro­pa­po­kals han­delte. Oder besser: Um Euroo­o­paaaa­poo­kaal! Jene Ver­an­stal­tung, bei der so manche Fragen ent­weder nur schwer zu beant­worten sind oder man die Ant­wort besser erst gar nicht wissen will. Unge­fähr so wie beim Jung­ge­sel­len­ab­schied oder beim Kar­neval. Oder beides zusammen. Ja, der Typ zündet sich neben dem Flug­zeug eine Ziga­rette an. Ja, mein Kumpel steht gerade auf der Kreu­zung in Rom und regelt den Ver­kehr mit seiner Fahne. Nein, ich weiß nicht, wie wir in diesen Keller geraten sind. Nein, auf unserem Zimmer hat nie­mand den Feu­er­alarm aus­ge­löst. What hap­pens in Europe, stays in Europe.

Oder die dritte Vari­ante: Es gibt Ant­worten, die noch mehr Fragen pro­vo­zieren. Wir waren zu dieser Zeit Stu­denten, also chro­nisch knapp bei Kasse. Mein Kumpel ent­warf des­halb einen beson­deren Plan für die Tour. Wir würden mit dem Wagen seiner Eltern nach Weeze zum Flug­hafen fahren und dort den Wagen bei Bekannten seines Arbeits­kol­legen abstellen. So ganz kenne er die auch nicht, aber man könne ihnen ja als Dank etwas aus dem Schalker Fan-Shop mit­bringen. Nach­frage: Sind die Schalke-Fans? Ant­wort: Keine Ahnung. Dann solle es mit dem Flieger zuerst nach Valencia, von da nach Porto gehen, weil das bil­liger wäre. Karten gebe es mit Sicher­heit vor Ort und schlafen könne man in einem Acht-Mann-Zimmer eines Hos­tels. Viel­leicht würden sich noch andere anschließen, die sich noch nicht sicher waren, ob sie auf dem Boden des Zim­mers oder am Flug­hafen schlafen wollten.

Leere Blicke. Hört sich ein biss­chen abge­dreht an, das alles, fin­dest du nicht?“ Ach.“

Gret­chen­frage: Hostel oder Flug­hafen?

Und natür­lich ist das nicht normal, son­dern Euro­pa­pokal. Wohl nie­mand von uns würde bei pri­vaten Aus­flügen außer­halb des Fuß­balls in Kauf nehmen, sechs Stunden länger unter­wegs zu sein, erst einmal in eine andere Stadt zu fliegen oder am Flug­hafen zu schlafen, um ein paar Euros zu sparen. Oder zu einer Ver­an­stal­tung im Aus­land auf­zu­bre­chen, ohne zu wissen, ob er dafür eine Ein­tritts­karte bekommt.

Und ganz bestimmt nie­mand, wirk­lich nie­mand, der schon mal eine Über­nach­tung in einem 8‑Mann-Zimmer in einem Hostel dieser Welt über­lebt hat, würde vor­schlagen, dass doch noch ein paar andere auf dem Boden schlafen können. Es sei denn, er ver­treibt haupt­be­ruf­lich Gas­masken.

Wir konnten noch recht­zeitig Manolos Kneipe ver­lassen, um den Anschluss­flug nach Porto zu errei­chen. Dort war­teten tat­säch­lich Tickets, ein annehm­bares Hostel und viele Geschichten auf uns. Das Schöne ist, dass inter­na­tional aus­wärts noch jede Geschichte getoppt werden kann. Da ist der Mann, der im Roll­stuhl sitzt, und trotzdem bei jedem Spiel auf dieser Welt dabei ist. Der andere, der seinen Zel­len­auf­ent­halt bei der Flug­ha­fen­po­lizei so beschreibt: Ich durfte mich schon ins Gol­dene Buch der Stadt ein­tragen.“ Oder die Jungs, die 27 Stunden Bus­fahrt hinter sich haben – Stau, Rei­fen­panne, defekte Toi­lette und Poli­zei­kon­trolle inklu­sive. Der kleine Junge, viel­leicht zehn Jahre alt, der nicht in der Schule ist, son­dern in Porto, ganz ein­fach weil meine Lehrer ja auch alle mit Schalke unter­wegs sind“. Und da kommt Trom­peten-Willy, der seinen Spruch bringt: Früher wären wir schon froh gewesen, nach Bra­tis­lawa zum UIC-Cup zu fahren und jetzt sind wir hier.“

Wie der Boss in Berlin

Die Tour nach Porto war atem­be­rau­bend. Die Stadt schön, die Por­tu­giesen äußerst nett und das Spiel unver­gessen. Und das vor allem wegen eines Mannes: Manuel Neuer. Manche Leute spre­chen immer wieder davon, wie sie Springsteen 1988 in Berlin gesehen haben. Wir sahen Neuer 2008 in Porto. Kung-Fu-Sprünge, Grät­schen, unglaub­liche Reflexe auf der Linie, Elf­me­ter­pa­raden – er spielte wie von einem anderen Stern. Nach dem Sieg im Elf­me­ter­schießen stand Schalke im Vier­tel­fi­nale. Und nach dem Spiel fei­erte Neuer in der Fan-Kurve mit seinen Kum­pels.

Ein Mann, der sich vor den Augen Europas zu einem der besten Tor­hüter des Kon­ti­nents auf­schwang, fuhr zu dieser Zeit sogar noch in den Son­der­zügen der Fans mit. Diese Geschichte war so kit­schig-roman­tisch, als wäre sie nur eine Erfin­dung der Bol­ly­wood-Film­in­dus­trie.

Unser aller Neffe

Por­tu­gie­si­sche Kellner sprangen am anderen Tag vor uns durch die Luft, weil sie Neuers Paraden hoch­ach­tungs­voll simu­lierten. Mit­ten­drin ertönte immer wieder der Gesang Dra­chen­töter, Dra­chen­töter“, in Anleh­nung an den Spitz­namen des FC Porto, eine Hom­mage an den Keeper. Am Hafen von Porto zierten flugs Panini-Bilder von Neuer die Spei­se­karten der Bars; das Lied des FC Liver­pool über das best mid­field in the world“ wurde umge­dichtet auf we have Manuel Neuer, we have the best keeper in the world“. Zei­tungs­händler mussten den Schal­kern die Titel­zeilen der Zei­tungen über­setzen. Unser Manu“. Es war, als wäre jeder Fan Neuers stolzer Onkel oder stolze Tante.

Jeder weiß, wie diese Bol­ly­wood-Geschichte aus­ge­gangen ist. Doch was bleibt, ist die Ant­wort auf eine drän­gende Frage. Warum tun sich Fans das alles an? Schlafen am Flug­hafen, Stunden im Bus, Nächte in Hos­tels. Ganz ein­fach, wegen Abenden wie jenen in Porto.