Es war ein Amts­an­tritt, der Mour­inho-typi­scher nicht hätte sein können: Bist du Dele oder bist du sein Bruder?“, fragte der Übungs­leiter den 23-Jäh­rigen Dele Alli nach seiner Über­nahme bei den Tot­tenham Hot­spurs. Denn wenn du wirk­lich Dele bist, dann spiel’ auch wie er.“

Drei Wochen sind seitdem ver­gangen, und nicht nur Dele Alli spielt unter Mour­inho wieder, wie man es sich von einem Dele Alli erhofft: Die gesamte Mann­schaft der Spurs brennt Woche für Woche ein Offen­siv­spek­takel ab, in kurzer Zeit hat sich der Klub von Tabel­len­rang 14 auf Schlag­di­stanz zu den Cham­pions-League-Plätzen vor­ge­ar­beitet. Ange­sichts der für Mour­inho unge­wohnt tor­rei­chen Ergeb­nisse, dem für seine Art neu­artig offensiv aus­ge­rich­teten Fuß­ball und nicht zuletzt seines eigenen unge­wohnt cha­ris­ma­ti­schen Auf­tre­tens möchte man fast fragen: Bist du José oder bist du sein Bruder“?

Lieber 1:0 als 5:3

Denn der 56-Jäh­rige, den wir in den letzten Jahren vor allem als Trainer-Äqui­va­lent eines Bond-Böse­wichts wahr­ge­nommen haben – grim­miger Blick, stets im Roll­kragen und viel zu viel Kohle dank viel zu hoher Abfin­dungen – gibt sich auf einmal nahbar. Seit er die Nord­lon­doner über­nommen hat, erscheinen fast täg­lich neue und für ihn merk­würdig lie­bens­werte Schlag­zeilen: Mour­inho umarmt die Ein­lauf­kinder, Mour­inho lobt den Ball­jungen, Mour­inho lädt eben diesen Ball­jungen zum Mann­schafts­essen ein und ganz grund­sätz­lich lächelt Mour­inho die ganze Zeit über so der­maßen breit, als hätte er gerade den Jürgen-Klopp-Sym­pa­thie-Grund­kurs absol­viert. Wahr­schein­lich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis er eine Baby­katze aus der Baum­krone rettet oder auf einmal Senioren über dicht befah­rene Kreu­zungen hilft.

Doch wie glaub­würdig ist sein neues Image als The Humble One“? Zumin­dest sport­lich scheint sich der Kurs seines Teams tat­säch­lich gewan­delt zu haben. 16 Treffer haben die Spurs seit seiner Amts­über­nahme erzielt, acht Gegen­tore mussten sie in dieser Zeit hin­nehmen – zu Chelsea-Zeiten gut und gerne die Aus­beute einer gesamten Hin­runde. Natür­lich kann selbst er nach drei Wochen noch keine grund­le­genden Ver­än­de­rungen in der Aus­rich­tung seiner Mann­schaft her­bei­führen, doch für einen Trainer, der jah­re­lang bedin­gungslos mit dem Mantra lieber 1:0 statt 5:3 gewinnen“ ange­treten ist, bedeutet der aktu­elle Offen­siv­fuß­ball mehr, als nur die Moment­auf­nahme einer Mann­schaft, die nach dem Trai­ner­wechsel wild drauflos stürmt.