Trans­fer­coup am Dead­line Day. Werder Bremen ver­pflichtet Nuri Sahin. Der Dort­munder Mit­tel­feld­mann unter­schreibt einen Zwei­jah­res­ver­trag. In der Pla­nung von Lucien Favre spielt er keine Rolle mehr. In den Herzen der Dort­munder Fans schon. Sahin, der ehe­ma­lige tür­ki­sche Natio­nal­spieler, ist einer der großen Borussen. Seine Kar­riere im Verein ist Spie­gel­bild für die Ent­wick­lung der Borussia der letzten 15 Jahre, die sich nach ganz oben kämpften, Rück­schläge ver­dauen mussten und immer noch da sind. Eine Spiel­zeit bleibt beson­ders in Erin­ne­rung.

In dem Jahr, in dem Dort­mund fliegen lernte, war Nuri Sahin der Kapitän. Wenn auch ohne Binde. Er orches­triert das Spiel. Mit nun 22 Jahren gelingt ihm alles. Immer wieder findet er Lucas Bar­rios hinter der Abwehr. Bayern erle­digt er im Allein­gang. Im Hin­spiel zir­kelt er einen Frei­stoß in Netz, im Rück­spiel beant­wortet er Luiz Gus­tavos frühen Aus­gleich mit einem fan­tas­ti­schen Schlenzer aus 18 Metern.

Das Gerüst steht

Über­haupt 2010/2011: Dieses Jahr, dass sich mehr als anderen in die Herzen der Borussen brennt. Das Gerüst der Wem­bley-Mann­schaft um Hum­mels, Sub­otic, Sven Bender, Groß­kreutz, Kuba, Piszczek, Lewan­dowski steht bereits. Aber im Kader sind auch Antonio Da Silva, Markus Feulner, Mohamed Zidan, Damien Le Tallec, Marco Stie­per­mann. Ver­eins­le­gende Dede ist in seinem letzten Dort­munder Jahr, wird von Marcel Schmelzer ver­drängt. Die Keeper hinter Wei­den­feller heißen Mitch Lan­gerak und Johannes Focher.

Alles ist neu. Mit jedem Sieg wird der Glaube an die erste Meis­ter­schaft nach der Zeit im Vor­raum der Patho­logie, den langen Jahren des Grö­ßen­wahns und dem tiefen Fall, größer. Der Mann­schaft fliegen die Herzen zu. Dem Trainer sowieso. Und der hat Nuri Sahin zu seinem Spieler gemacht. Am Ende der Saison wird er in 30 Spielen sechs Tore erzielt haben, acht wei­tere Treffer bereitet er vor.

Heimat, auch für Sahin

In den letzten vier Spielen fehlt er mit einer Knie­ver­let­zung, dann ver­ab­schiedet er sich. In Dort­mund ist man ver­stimmt, aber auch stolz: Einer von uns hat es bis ins Ber­nabeu geschafft, wird für die König­li­chen auf­laufen. Sahin sagt: Real ist der größte Klub der Welt.“ Aber auch: Ich liebe Dort­mund. Ich liebe den Verein.“ Man glaubt es ihm.

Er ist der erste Spieler der neuen Borussia, der von der Kon­kur­renz abge­worben wird. Zahl­reiche Leis­tungs­träger werden ihm folgen. Wäre alles anders gekommen hätte er damals das Angebot aus­ge­schlagen? Wären Lewan­dowski, Hum­mels, die Götze, Kagawa in Dort­mund geblieben? Nein. Dort­mund ist keine Welt­stadt. Borussia Dort­mund ist kein Welt­verein. Auch wenn sie es so gerne sein würden. Aber Borussia Dort­mund ist Heimat. Für die Fans, aber auch für Sahin, der im Januar 2013 nach nur 18 Monaten wieder da ist.

Die Ver­eins­spitze kommt direkt mit dem Char­ter­flug aus dem Trai­nings­lager, die lokalen Medien tickern und twit­tern. Watzke grinst, gibt den Wowe­reit. Nuri is back. Und das ist auch gut so.“ Dort­mund ist ein Trä­nen­meer, der ver­lo­rene Sohn zurück.

Mit dem Ende der Klopp-Jahre ver­liert Sahin, geplagt von Ver­let­zungen, immer mehr an Boden. Unter Thomas Tuchel spielt er kaum noch eine Rolle, schwingt sich aber im Spiel nach dem Anschlag zum Anführer der Mann­schaft auf. Auf eine starke Leis­tung in der zweiten Halb­zeit gegen Monaco, die den alten Nuri zeigt, folgt ein bemer­kens­wertes Inter­view mit Jan Aage Fjor­toft. Den Tränen nahe sagt er: Bis ich auf dem Platz war, habe ich nicht an Fuß­ball gedacht. Fuß­ball ist wichtig. Wir lieben Fuß­ball, wir leiden beim Fuß­ball. Wir ver­dienen damit viel Geld. Wir sind pri­vi­le­giert. Aber wir sind auch Men­schen. Es gibt so viel mehr als Fuß­ball. Und ges­tern Abend haben wir das gespürt.“

Als der Verein mit Thomas Tuchel in diesen Monaten im Streit liegt, wird Sahin vor­an­ge­schickt. Er unter­schreibt noch im April 2017 über­ra­schend einen neuen Ver­trag, stellt sich im Aktu­ellen Sport­studio, er ist der starke Mann im Kader. Er ist Tuchels Gegen­spieler, wird im Pokal­fi­nale gegen Frank­furt nicht einmal zum Kader gehören und am Ende den län­geren Atem haben.

Gegen alle Wider­stände

Aber nach einer kurzen Blü­te­phase unter Bosz mit seinem letzten von ins­ge­samt 21 Bun­des­liga-Toren für Dort­mund beim 2:2 bei Ein­tracht Frank­furt, ver­schwindet Sahin wieder auf die Bank, auf die Tri­büne. Da hat seine zweite Kar­riere längst begonnen. Stu­dium an der Har­vard Busi­ness School, dazu das Her­zens­pro­jekt bei seinem Hei­mat­verein RSV Mein­erz­hagen, den er bereits jetzt in die sechste Liga geführt hat. Als Trainer, Vor­denker und För­derer“, wie der Kicker“ zu berichten weiß.

Zur aktu­ellen Saison ver­pflichtet er Focher, den dritten Keeper der Dort­munder Meis­ter­mann­schaft von 2011. Er ist ange­kommen. Und es ist kaum vor­stellbar, dass Sahin den BVB ver­lassen wird. Dort­mund ist sein Verein. Hier wurde er zum jüngsten Spieler der Bun­des­liga-Geschichte, hier hat er sich in jungen Jahren gegen alle Wider­stände durch­ge­setzt, nach der Leihe nach Rot­terdam seinen Wert bewiesen. Gezeigt, dass er eine Mann­schaft führen kann. Bis zum Titel. Hier wurde er mit offenen Armen emp­fangen als das Aben­teuer beim größten Klub der Welt so schnell beendet war.

Dank und Weis­heit

Noch ist Sahin Fuß­baller und noch will er etwas leisten. Am Dead­line Day heu­erte er bei Werder Bremen an. Auch dort wird er nicht jedes Spiel machen, auch dort wird er nicht mehr der Spieler werden, der er vor seinen Ver­let­zungen war. Aber viel­leicht holt er noch einmal die Grät­sche raus, viel­leicht schickt er dem­nächst die Bälle auf Claudio Piz­zaro, auf Max Kruse oder den jungen Josh Sar­gent. Abends dann wird er nach Hause kommen, an den RSV Mein­erz­hagen denken, an seiner Kar­riere nach der Kar­riere bas­teln und eines Tages zurück nach Dort­mund kommen.

Bis zu meinem letzten Atemzug, wenn ich meine Augen schließe, werde ich dich meinen Namen singen hören“, dankt Sahin der Süd­tri­büne. Er wird zurück­kommen. In den 18 Monaten in Madrid und Liver­pool hat er gelernt: Heimat ist der Ort, den deine Füße ver­lassen können, aber Dein Herz wird immer da sein.“