Seite 2: Bei Dortmund läuft viel schief

Sie starten in die Vor­be­rei­tung also mit relativ ni­edriger Fit­ness, aber hoher Fri­sche. Das Ziel ist folg­lich, die Fit­ness wie­der­zu­ge­winnen und die Fri­sche zu bewahren. Genau das Gegen­teil gilt jedoch für Spieler, die nach großen Tur­nieren nur zwei oder drei Wochen Pause haben: Ihre Fit­ness ist durch die Spiele beim Tur­nier noch relativ hoch, aber sie sind sehr müde. Die meisten Trainer jedoch machen auch mit ihnen in der Vor­be­rei­tung aus­ge­dehntes Fit­ness­trai­ning. Bei zwei Trai­nings­ein­heiten am Tag mögen sie zwar an Fit­ness zulegen, aber an der Fri­sche wird es weiter fehlen. Genau das aber führt dann zu der beschrie­benen Situa­tion, dass durch Müdig­keit die Ver­let­zungs­an­fäl­lig­keit steigt.

Also müssten Spieler, die von einem großen Tur­nier zurück­kommen, eigent­lich ein kom­plett anderes Trai­ning bekommen als jene, die eine nor­male Som­mer­pause hatten. Wir nennen das indi­vi­du­elle Peri­odi­sie­rung. Nur wissen die meisten Trainer nicht, wie sie auf moderne Art und Weise durch­ge­führt wird. Die meisten Fit­ness­trainer jedoch sind nicht fuß­ball­spe­zi­fisch aus­ge­bildet. Noch deut­li­cher gesagt: Die meisten Fuß­ball­trainer ver­stehen Fit­ness nicht, und die meisten Fit­ness­trainer ver­stehen Fuß­ball nicht.

Viel zu viele Ver­letzte

Ich habe mich mit vielen Fit­ness­trai­nern in der eng­li­schen Pre­mier League unter­halten und war scho­ckiert über ihre Arbeits­weise. Auch in Deutsch­land arbeiten bei den meisten Klubs Fit­ness­trainer, die Fit­ness als etwas betrachten, was iso­liert von Fuß­ball exis­tiert. Sie spre­chen dar­über in der Fit­ness-Sprache und nicht in der des Fuß­balls. Sie reden also über aerobe Kapa­zität, wo es eigent­lich aber heißen müsste, den Spiel­kader instand zu halten. Das hat dra­ma­ti­sche Kon­se­quenzen fürs Trai­ning: Wenn man näm­lich Fit­ness in der Fuß­ball­sprache beschreibt, ist sie ein inte­graler Teil des Trai­nings durch Fuß­ball­trainer. Ist das nicht so, wird es fuß­ball­fremde Übungen geben, vor­ge­geben von fuß­ball­fremden Trai­nern.

Ich weiß nicht, wer etwa für diese Arbeit bei Borussia Dort­mund zuständig ist, aber dort gibt es eine Menge Pro­bleme. Die Liste der ver­letzten Spieler ist lang, was für mich eine große Über­ra­schung ist. Vor zwei Spiel­zeiten hatte die Mann­schaft fast keine Aus­fälle, obwohl sie in der Cham­pions League bis ins Finale kam und fast alle Spiele mit fast der­selben Beset­zung absol­vierte. Ich weiß, dass der Klub danach seinen Fit­ness­trainer aus­wech­selte, Oliver Bart­lett ist zum RB Salz­burg gegangen und in diesem Sommer mit Trainer Roger Schmidt zu Bayer Lever­kusen. Um genau zu ana­ly­sieren, was in Dort­mund schief läuft, müsste man vor Ort sein. Aber man kann sicher sagen, dass etwas schief gelaufen ist. Die Frage ist nur, ob Jürgen Klopp und Borussia Dort­mund das Pro­blem lösen wollen. Wenn sie externen Fak­toren die Schuld geben, wird das nicht pas­sieren. Wenn sie sich selbst die Schuld geben, dann haben sie die Chance dazu.

Der zweite Tag ist der schlimmste

Natür­lich kann man Pech haben und der Gegner trifft den Knö­chel oder bricht einem das Bein. Ver­let­zungs­se­rien jedoch liegen fast immer in der Ver­ant­wort­lich­keit des Klubs. Über­be­las­tung der Spieler ist nur teil­weise eine Aus­rede. Ich habe vor zwei Jahren eine Studie ver­öf­fent­licht, die über zehn Jahre in diversen euro­päi­schen Spit­zen­ligen, der Cham­pions League und Europa League fast 27 000 Spiele umfasst hat. Dabei konnte ich klar belegen, dass zwei Tage Erho­lungs­zeit nicht aus­rei­chend sind. Dadurch steigt das Ver­let­zungs­ri­siko. Jeder, der schon einmal Sport gemacht hat, weiß selber, dass man am zweiten Tag nach einer hohen Belas­tung meis­tens beson­ders müde ist. Der Mus­kel­kater ist noch deut­li­cher spürbar, der Körper ist auf dem Tief­punkt. Genau in diesem Moment aber muss ein Profi wieder trai­nieren, wenn er am dritten Tag ein Spiel hat, um den Motor wieder in Gang zu setzen. Man kann also genau dann keine Pause machen, wenn man sie am meisten braucht.