Vor einigen Jahren galt mein Lands­mann Arjen Robben als Mann aus Glas“, weil er ständig ver­letzt war. Aber die ver­meint­liche Anfäl­lig­keit für Ver­let­zungen lag daran, dass seine Trainer nicht gut genug waren. Sie hatten nicht ver­standen, dass so explo­sive Spieler wie er eine beson­dere Mus­ku­latur haben. Sie wird nicht so gut durch­blutet, dem­entspre­chend schlechter mit Sauer­stoff ver­sorgt und rege­ne­riert lang­samer als bei Aus­dau­er­typen.

Man muss sich das wie mit einem Auto an einer Ampel vor­stellen. Fährt man bei Grün scharf an, ver­braucht man viel Sprit. Robben zieht eben­falls mehr Energie aus seinen Mus­keln, und zugleich erholt er sich nicht so schnell. Damals bei Chelsea habe ich dem Trai­ner­team geraten, sein Trai­nings­vo­lumen zu redu­zieren, damit seine Mus­ku­latur nicht ermüdet, denn Spieler ver­letzen sich dann leichter.

Das liegt daran, dass das mensch­liche Ner­ven­system bei Müdig­keit lang­samer arbeitet und das Signal vom Gehirn zum Muskel länger braucht. Für einen Fuß­ball­profi bedeutet das ein dras­tisch stei­gendes Ver­let­zungs­ri­siko, denn wäh­rend explo­siver Fuß­bal­lak­tionen hat er weniger Kon­trolle über seinen Körper. Er kann sich leichter den Knö­chel oder das vor­dere Kreuz­band im Knie ver­drehen. Bei einer Rota­ti­ons­be­we­gung ziehen sich die Mus­keln im Knie nor­ma­ler­weise zusammen, halten es stabil und beschützen es. Spieler können das in ihrer Kar­riere pro­blemlos eine Mil­lion Mal machen. Sind sie aber müde und kommt das Signal vom Gehirn zu spät im Knie an, fällt der Schutz weg und schwerste Ver­let­zungen können die Folge sein.

80 Pro­zent der Ver­let­zungen wären ver­meidbar

Bei Chelsea habe ich damals mit meinen Kol­legen für Arjen Robben eine indi­vi­du­elle Peri­odi­sie­rung des Trai­nings erar­beitet, um die Belas­tung seinen Bedürf­nissen anzu­passen. In der Folge hatte er viel weniger mit Ver­let­zungen zu kämpfen. Inzwi­schen gehe ich sogar davon aus, dass 80 Pro­zent der Ver­let­zungen im Fuß­ball durch eine rich­tige Trai­nings­steue­rung ver­meidbar wären. Leider ist der Fuß­ball aber noch nicht so weit, selbst wenn die besten Trainer der Welt am Werk sind. Ich habe mit Louis van Gaal bei der hol­län­di­schen Natio­nal­mann­schaft zusam­men­ge­ar­beitet und weiß: Tak­tisch sind nur wenige Trainer so gut wie er.

Aber schon bei der Vor­be­rei­tung auf die Welt­meis­ter­schaft in Bra­si­lien fiel auf, wie viele hol­län­di­sche Spieler Mus­kel­ver­let­zungen hatten: Rafael van der Vaart, Jona­than de Guzman, Robin van Persie, Leroy Fer, Nigel de Jong und Wesley Sneijder. Als van Gaal nach dem Tur­nier als Natio­nal­trainer auf­hörte und anschlie­ßend bei Man­chester United begann, setzte sich das Muster fort. Am Ende der Vor­be­rei­tung hatten sich fast ein Dut­zend United-Spieler ver­letzt.

van Gaal spielt mit seinen Spie­lern rus­si­sches Rou­lette

Wenn man bei Man­chester United arbeitet, viele Spieler bei der WM waren und der Klub noch eine Som­mer­tour in die USA unter­nimmt, muss ein Trainer sein Pro­gramm anpassen. Van Gaal ist mit den externen Fak­toren, wie der Müdig­keit durch viele Spiele, lange Reisen, Jetlag usw., jedoch nicht richtig umge­gangen. Er hat mit der Gesund­heit seiner Spieler rus­si­sches Rou­lette gespielt. Das gilt auch für Arsène Wenger, der nach der WM ähn­lich viele Ver­letzte zu beklagen hatte, dar­unter Mesut Özil.

Aber wenn schon die besten Trainer der Welt in dieser Frage inkom­pe­tent sind, was können wir dann von den anderen erwarten? Dass viele Spieler, die in Bra­si­lien dabei waren, nach der WM Ver­let­zungen erlitten haben, dafür gibt es eine Erklä­rung. In der nor­malen Som­mer­pause, in der Spieler vier, fünf oder gar sechs Wochen Pause haben, ver­lieren sie Fit­ness, aber zugleich erholen sie sich von der vor­an­ge­gan­genen Saison.

Sie starten in die Vor­be­rei­tung also mit relativ ni­edriger Fit­ness, aber hoher Fri­sche. Das Ziel ist folg­lich, die Fit­ness wie­der­zu­ge­winnen und die Fri­sche zu bewahren. Genau das Gegen­teil gilt jedoch für Spieler, die nach großen Tur­nieren nur zwei oder drei Wochen Pause haben: Ihre Fit­ness ist durch die Spiele beim Tur­nier noch relativ hoch, aber sie sind sehr müde. Die meisten Trainer jedoch machen auch mit ihnen in der Vor­be­rei­tung aus­ge­dehntes Fit­ness­trai­ning. Bei zwei Trai­nings­ein­heiten am Tag mögen sie zwar an Fit­ness zulegen, aber an der Fri­sche wird es weiter fehlen. Genau das aber führt dann zu der beschrie­benen Situa­tion, dass durch Müdig­keit die Ver­let­zungs­an­fäl­lig­keit steigt.

Also müssten Spieler, die von einem großen Tur­nier zurück­kommen, eigent­lich ein kom­plett anderes Trai­ning bekommen als jene, die eine nor­male Som­mer­pause hatten. Wir nennen das indi­vi­du­elle Peri­odi­sie­rung. Nur wissen die meisten Trainer nicht, wie sie auf moderne Art und Weise durch­ge­führt wird. Die meisten Fit­ness­trainer jedoch sind nicht fuß­ball­spe­zi­fisch aus­ge­bildet. Noch deut­li­cher gesagt: Die meisten Fuß­ball­trainer ver­stehen Fit­ness nicht, und die meisten Fit­ness­trainer ver­stehen Fuß­ball nicht.

Viel zu viele Ver­letzte

Ich habe mich mit vielen Fit­ness­trai­nern in der eng­li­schen Pre­mier League unter­halten und war scho­ckiert über ihre Arbeits­weise. Auch in Deutsch­land arbeiten bei den meisten Klubs Fit­ness­trainer, die Fit­ness als etwas betrachten, was iso­liert von Fuß­ball exis­tiert. Sie spre­chen dar­über in der Fit­ness-Sprache und nicht in der des Fuß­balls. Sie reden also über aerobe Kapa­zität, wo es eigent­lich aber heißen müsste, den Spiel­kader instand zu halten. Das hat dra­ma­ti­sche Kon­se­quenzen fürs Trai­ning: Wenn man näm­lich Fit­ness in der Fuß­ball­sprache beschreibt, ist sie ein inte­graler Teil des Trai­nings durch Fuß­ball­trainer. Ist das nicht so, wird es fuß­ball­fremde Übungen geben, vor­ge­geben von fuß­ball­fremden Trai­nern.

Ich weiß nicht, wer etwa für diese Arbeit bei Borussia Dort­mund zuständig ist, aber dort gibt es eine Menge Pro­bleme. Die Liste der ver­letzten Spieler ist lang, was für mich eine große Über­ra­schung ist. Vor zwei Spiel­zeiten hatte die Mann­schaft fast keine Aus­fälle, obwohl sie in der Cham­pions League bis ins Finale kam und fast alle Spiele mit fast der­selben Beset­zung absol­vierte. Ich weiß, dass der Klub danach seinen Fit­ness­trainer aus­wech­selte, Oliver Bart­lett ist zum RB Salz­burg gegangen und in diesem Sommer mit Trainer Roger Schmidt zu Bayer Lever­kusen. Um genau zu ana­ly­sieren, was in Dort­mund schief läuft, müsste man vor Ort sein. Aber man kann sicher sagen, dass etwas schief gelaufen ist. Die Frage ist nur, ob Jürgen Klopp und Borussia Dort­mund das Pro­blem lösen wollen. Wenn sie externen Fak­toren die Schuld geben, wird das nicht pas­sieren. Wenn sie sich selbst die Schuld geben, dann haben sie die Chance dazu.

Der zweite Tag ist der schlimmste

Natür­lich kann man Pech haben und der Gegner trifft den Knö­chel oder bricht einem das Bein. Ver­let­zungs­se­rien jedoch liegen fast immer in der Ver­ant­wort­lich­keit des Klubs. Über­be­las­tung der Spieler ist nur teil­weise eine Aus­rede. Ich habe vor zwei Jahren eine Studie ver­öf­fent­licht, die über zehn Jahre in diversen euro­päi­schen Spit­zen­ligen, der Cham­pions League und Europa League fast 27 000 Spiele umfasst hat. Dabei konnte ich klar belegen, dass zwei Tage Erho­lungs­zeit nicht aus­rei­chend sind. Dadurch steigt das Ver­let­zungs­ri­siko. Jeder, der schon einmal Sport gemacht hat, weiß selber, dass man am zweiten Tag nach einer hohen Belas­tung meis­tens beson­ders müde ist. Der Mus­kel­kater ist noch deut­li­cher spürbar, der Körper ist auf dem Tief­punkt. Genau in diesem Moment aber muss ein Profi wieder trai­nieren, wenn er am dritten Tag ein Spiel hat, um den Motor wieder in Gang zu setzen. Man kann also genau dann keine Pause machen, wenn man sie am meisten braucht.

Abge­sehen von diesem Pro­blem, dem viele Trainer durch Rota­tion bei­zu­kommen ver­su­chen, gilt es bei der Trai­nings­pla­nung den beson­deren Cha­rakter des Fuß­balls zu beachten. Dazu muss man sich nur an den Cha­rak­te­ris­tika des Spiels ori­en­tieren: Der Unter­schied zwi­schen einer Mann­schaft auf hohem und einer auf nied­rigem Niveau ist die Geschwin­dig­keit ihres Spiels. Auf nied­ri­gerem Niveau hat man mehr Zeit und Raum. Wozu man viel­leicht eine halbe Sekunde hat, das muss man auf höherem Niveau in einer Drit­tel­se­kunde schaffen. Fuß­ball ist ein Sport, in dem es um Inten­sität und Hand­lungs­schnel­lig­keit geht, aber nicht um Aus­dauer. Denn das Spiel auf jedem Niveau dauert 90 Minuten.

Das Pro­blem ist: zu viel Trai­ning

Weil Fuß­ball aber ein Inten­si­täts­sport ist, muss man Qua­lität trai­nieren. Wäre er ein Aus­dau­er­sport, stände Quan­tität im Mit­tel­punkt des Trai­nings. Dann müsste man mehr und länger trai­nieren, wie Schwimmer oder Leicht­ath­leten es tun. Im Fuß­ball indes muss man besser trai­nieren, inten­siver und mit höherem Tempo. Einmal am Tag für 90 Minuten kann man sich im Trai­ning zu hun­dert Pro­zent ver­aus­gaben. Zweimal am Tag ist das unmög­lich. Nach­mit­tags wird man das Mor­gen­trai­ning spüren, und dann kann man nicht zu hun­dert Pro­zent dabei sein. Also bringt man seinen Spie­lern bei, mit weniger als hun­dert Pro­zent zu trai­nieren, und erzielt den gegen­tei­ligen Effekt von dem, was man eigent­lich errei­chen will. Ich weiß, dass viele Fuß­ball­fans glauben, dass die Spieler zu wenig trai­nieren. Das Pro­blem ist in Wirk­lich­keit aber zu viel Trai­ning.

Der schwe­di­sche Sport­me­di­ziner Jan Ekstrand hat in einer aus­führ­li­chen Unter­su­chung im Auf­trag der UEFA schon vor fünf Jahren darauf hin­ge­wiesen, dass die meisten Ver­let­zungen daher rühren. Schon in der Sai­son­vor­be­rei­tung neigen die meisten Ver­eine dazu, zu viel zu schnell zu machen. Und auch wäh­rend der Saison bleibt Fuß­ball ein Spiel- und kein Trai­nings­sport. Leicht­ath­leten trai­nieren oft acht oder neun Monate ohne Wett­kampf, im Fuß­ball muss man aber zwei- oder dreimal in der Woche spielen. Also domi­niert der Wett­kampf und nicht das Trai­ning. Fakt ist: 90 Minuten Fuß­ball­trai­ning mit höchster Inten­sität sind genug.

Mour­inho und Guar­diola arbeiten exzel­lent

Inzwi­schen haben viele Sport­wis­sen­schaftler ohne fuß­ball­spe­zi­fi­schen Hin­ter­grund den Fuß­ball geka­pert. Spieler werden auf­wendig mit Blut­tests oder Ähn­li­chem unter­sucht. Doch je mehr Infor­ma­tionen man hat, desto müder wird das Auge für das, was man eigent­lich beob­achten sollte. Dabei können Zahlen und Daten nicht erklären, wie sich ein Spieler fühlt. Also macht keine Tests, son­dern fragt sie selber, das ist viel effek­tiver! Oder macht Tests nur, um die eigenen Beob­ach­tungen zu über­prüfen.

Chelsea ist heute ein Klub, in dem sehr gut gear­beitet wird, José Mour­inho ist exzel­lent in puncto Peri­odi­sie­rung. Auch Pep Guar­diola ist ein sehr guter Trainer, und Bayern Mün­chen hatte zusammen mit Chelsea lange die wenigsten Ver­letzten in Europa. Doch ins­ge­samt wird es noch einige Jahre dauern, bis die junge Genera­tion fuß­ball­spe­zi­fisch arbei­tender Fit­ness­trainer bei den Spit­zen­klubs ange­kommen ist. Sie werden wesent­lich besser darin sein, top­fitte Spieler ohne Ver­let­zungen zu ent­wi­ckeln. Und wir Fans werden dann noch mehr Spaß an ihnen haben.